Reputationsschaden für die Aids-Hilfe

Von Hansjürg Mark Wiedmer


Samstag, 31. März 2012 22:24


Die Nachricht: Die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala verzichtete auf Druck der Zewo und der Medien auf einen Teil ihres umstrittenen Honorars für das Präsidium der Aids-Hilfe Schweiz (AHS) und bezieht statt der ursprünglich geforderten Fr. 50 000.–jetzt Fr.30 000.– für eine 20%-Beschäftigung.

Der Kommentar: Sie habe sich in den letzten Wochen «wie eine Sau durch die Gassen getrieben» gefühlt, gab Doris Fiala bekannt. Doch sie hat den Bogen diesmal derart überspannt, dass der Reputationsschaden für die Aids-Hilfe Schweiz nur mit ihrem Rücktritt behoben werden kann.

Mit Fialas PR-Pirouetten rund ums AHS-Präsidium haben wir ein Exempel dafür vorgeführt bekommen, wie eine Politikerin ihren eigenen Nutzen unter dem Deckmantel des Gemeinsinnes versteckt und dann so tut, als wäre ihr nichts vorzuwerfen. Sie ging in die Offensive, schob alle Verantwortung von sich und liess bis heute jegliche Einsicht in die Unhaltbarkeit ihres Vorgehens vermissen.

Da scheint es mir als Mitbetroffenem der ersten Stunde – mein Lebenspartner ist 1997 an den Folgen von HIV/Aids verstorben – an der Zeit, der Frau Nationalrätin geduldig zu erklären, warum ihr AHS-Auftritt nicht nur unter Spendenden, sondern auch unter Betroffenen Zorn und Empörung ausgelöst hat.

Viele der Aidshilfen wurden von Betroffenen unter grossen persönlichen Opfern ins Leben gerufen. Manche aus der Gründergeneration sind an der Krankheit selbst gestorben. Es ist ein Schlag in deren Gesicht, wenn 25 Jahre später eine Politikerin die Aidshilfe als Vehikel für ihren Wahlkampf instrumentalisiert und dafür schönes Geld bekommt.

Mit Verlaub: Ein aufs Vollpensum hochgerechnetes Jahressalär von einer Viertelmillion für ein Ehrenamt, das geht nicht, auch nicht zum reduzierten Tarif. Nicht bei diesem Thema, nicht auf dem Rücken von HIV- oder Aids-Kranken, die mit IV-Renten oft am Existenzminimum leben.

Vielleicht hätten wir Doris Fiala ja nochmals schlüpfen lassen, hätte nicht sie selbst die Flötentöne eines «Herzensanliegens» angeschlagen. Und wäre sie nicht in Zetermordio ausgebrochen, als die Kritik an dem Honorar von 500000 Franken begann.

Kritische Grundsatzfragen gefallen lassen muss sich jedoch auch die Leitung der Aids-Hilfe Schweiz, und das nicht bloss wegen dieser präsidialen Fehlbesetzung. Es ist symptomatisch, dass die AHS mit der gründlich verpatzten Personalie eine weit prominentere Resonanz erhalten hat als für sämtliche Aktivitäten ihres Kerngeschäfts im letzten Jahr.

Die Frage sei erlaubt, ob die rückläufigen Spendenzahlen nicht ein Signal dafür sind, dass die Aidshilfen angesichts der heutigen Therapiemöglichkeiten ihre Notwendigkeit verloren haben und eigentlich abgeschafft oder von einer Patientenhilfsorganisation wie der SPO übernommen werden könnten?

Bevor nun der Chor der Aids-Funktionäre das Hohelied auf die eigene Unentbehrlichkeit anstimmt, möchten wir lieber von den Betroffenen hören, welche Aktivitäten der Aids-Hilfe Schweiz in deren Alltag bei ersatzloser Streichung als Manko bemerkbar würden. Die Plakate der Cervelat-Promis, die mehr fürs eigene Gesicht als gegen HIV-Diskriminierung werben? Die «witzige» Velokurier-Sommerkondom-Aktion oder die x-te Insider-Veranstaltung zur Situation der Subsahara-MigrantInnen? Ich weiss es nicht, ich frag ja nur.

Dass sich die Aids-Hilfe Schweiz wie ein Mann hinter das Honorar ihrer als Spendeneintreiberin gewählten Präsidentin stellt, scheint logisch: Man hat über lange Jahre zu gut von der Aidsproblematik gelebt, als dass man die wohlausgestatteten Funktionärsbüros kampflos räumen möchte. Nachdem Fialas eigener Anstand nicht funktioniert hat, hätte ihr wenigstens einer der vielen Kommunikationsköpfe in der AHS – von denen diese mehr Nasen auflistet als etwa die Bundeskanzlei – deutsch und deutlich hinter die Ohren schreiben müssen, dass das, was salärmässig für die private Ich-AG vielleicht noch drinliegt, für eine öffentlich exponierte Non-Profit-Organisation keinesfalls geht.

Und wenn schon, dann wäre Doris Fiala besser beraten gewesen, nach ihrer Wahl zu schweigen und sich ans bezahlte Werk zu machen, statt mit süsslichen Wortblasen das unheilige Hochamt des Herzensanliegens zu zelebrieren. Dann hätte wohl auch niemand eine «Sau durch die Gassen» zu treiben gehabt.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.


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