DER VIELSCHREIBER

Samstag, 14. August 2010 22:50


Das grosse Interview mit Franz Hohler, Schriftsteller und Kabarettist.

VON SABINE ALTORFER UND SANDRO BROTZ

Herr Hohler, Moritz Leuenberger war als Satiriker unter den Bundesräten eine Art Berufskollege von Ihnen. Werden Sie ihn vermissen?
Wenn jemand weggeht, der lange da war, gibt es einen leeren Fleck. Da denkt man: Ha, wo ist er? Was hätte er gesagt? Leuenberger war eine Konstanz in der schweizerischen Politik. Ich glaube, er hat sieben deutsche Verkehrsminister überlebt. Ich werde ihn wohl und ab zu vermissen. Andererseits kann er sich jetzt vermehrt seiner Tätigkeit als Autor widmen.

Haben Sie ihn denn als Satiriker empfunden?
Ich habe etliche Auftritte von ihm erlebt, bei denen er ausserordentlich witzig war. Er hatte auch Freude daran, seine Rolle als Magistrat zu verlassen. Er hat zum Beispiel so getan, als habe er die falsche Rede dabei. Das war die klassische Parodie auf jemanden, der Reden hält und nicht mehr weiss, wo er gerade ist. So viel Selbstironie haben nicht viele Politiker.

Hans-Rudolf Merz war eher die traurige Gestalt in der Regierung. Er würde sich vermutlich gut als Figur in einem Roman von Ihnen eignen.
Diesen Roman könnte er selber schreiben. Er ist ja auch Autor (schmunzelt). Das wäre authentischer, als wenn ich es machen würde. Ich habe nur einmal in einem Roman von mir ein Exekutivmitglied eine grössere Rolle spielen lassen. In «Der neue Berg» habe ich einen Gemeindepräsidenten geschildert, der nicht besonders gut wegkommt. Aber ich hätte keine grosse Lust, einen Roman zu schreiben, in dem ein Spitzenpolitiker im Zentrum steht. Das riecht sofort nach Schlüsselroman und es würde heissen: Aha, damit ist xy gemeint.

Wen schlagen Sie als Nachfolger oder Nachfolgerin von Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz vor?
Ich wundere mich immer, dass sich für diesen Job überhaupt Leute zur Verfügung stellen. Als Exekutivpolitiker ist man permanent in einer Fifty-fifty-Zwickmühle. Zu 50 Prozent hat man die Leute hinter und zu 50 Prozent gegen sich. In der Legislative ist man angriffiger, will verändern und Dinge vorwärts- bringen. In der Exekutive muss man Rücksichten nehmen und berufsmässig den Kompromiss suchen. Wir haben uns für die Staatsform entschieden, in der sämtliche politisch relevanten Kräfte vertreten sein sollen. Meine deutschen Freunde sind fast zusammengebrochen, als die Grosse Koalition kam. Sie sagten: «So kann man doch nicht regieren.» Da habe ich gesagt: «Das machen wir seit 150 Jahren so.»

Bis zum Tag der Entscheidung am 22. September wird ein permanenter Wahlkampf herrschen. Gut so?
Bundesratswahlen werden in ihrer Bedeutung überbewertet. Wer immer auch kommt, muss sich in die Rolle des Sachzwang-Verwalters hineinbegeben. Er oder sie muss schauen, wie viel Spielraum für persönliche Impulse und Ideen bleibt. Aber sie oder er werden die Erwartungen nie erfüllen können. Darum unterstütze ich auch in Wahlinseraten nie jemanden, der in die Exekutive will. Aber es beruhigt mich, wenn Leute in einer Regierung sitzen, die die Welt und ihre Probleme mit ähnlichen Augen wie ich sehe.

Welche Leute sehen die Welt mit einer ähnlichen Optik wie Sie?
Im Falle der bevorstehenden Bundesratswahlen: sicher Simonetta Sommaruga und Jacqueline Fehr. Frau Sommaruga kenne ich ein wenig besser, aber beiden traue ich zu, Akzente zu setzen.

Aber Sie sagen ja selber: Exekutivpolitiker unterliegen Sachzwängen. Das Amt als Bundesrätin würde auch Simonetta Sommaruga oder Jacqueline Fehr verändern.
Alle, die ein solches Amt übernehmen, denken vermutlich: Ich werde das Amt schon verändern und am Schluss verändert das Amt dann doch sie. Das Beharrungsvermögen eines solchen Amtes ist saumässig stark.

Sie wären ein idealer Berater für einen Bundesrat. Könnten Sie sich das vorstellen?
Es hat mich bis jetzt noch keiner gefragt.

Und wenn Sie eine der beiden genannten Frauen fragen würde?
Die haben andere Leute und brauchen keinen Rentner wie mich (lacht). Sagen wir es so: Jede Anfrage, die an mich kommt – egal welcher Art –, schaue ich an. Sehr wahrscheinlich würde ich aber auch eine Zeitrechnung machen. Und wenn es zu viel Zeit kostet, würde ich es sicher nicht machen.

Sie werden immer wieder als politischer Autor bezeichnet. Ein Kompliment für Sie?
Wenn es bedeutet, dass man den Entwicklungen in seiner Umgebung nicht gleichgültig gegenübersteht, sie beobachtet und auch etwas dazu sagt, dann ist die Bezeichnung durchaus in Ordnung. Politik wird aber nicht in jeder meiner Erzählungen spürbar. Das wäre auch langweilig.

Aber Franz Hohler ohne sein gesellschaftspolitisches Engagement ist schwer vorstellbar.
Ach ja? Da lastet ein schwerer Druck auf mir (lacht). Ich bin in letzter Zeit eher ein wenig zurückhaltender geworden. Jetzt bin ich 67 und es gibt jüngere Kollegen, die durchaus aktiver sind. Das ist auch richtig so. Es bedeutet aber nicht, dass ich mich vom Beobachtungsposten zurückziehe.

Haben Sie als genauer Beobachter auch festgestellt, dass es einen neuen Patriotismus im Land gibt?
Paracelsus hat gesagt: «Die Dosis macht das Gift aus.» Ein Essen ohne Salz ist fade, aber ein Kilo Salz ist tödlich. Es stellt sich die Frage nach der verträglichen Mitte. Den neuen Patriotismus betrachte ich als natürliche Reaktion auf die Globalisierung. Bedenklich finde ich ihn dort, wo er sich pauschal gegen das Fremde wendet. Aber er bezieht sich ja nicht nur auf Fahnenschwinger und Alphornbläser, sondern zum Beispiel auch auf die ganze Mundart-Kultur. Wir haben unglaubliche gute Rocksänger: Kuno Lauener, Büne Huber, Polo Hofer, Endo Anaconda – das sind alles starke Mundart-Autoren. Es ist kein Zufall, dass sie die Mundart gewählt haben, obwohl sie sich damit vom Weltpublikum abschneiden.

Sie haben vor Jahren eine Platte herausgeben mit schweizerdeutschen Coverversionen von Bob Dylan, den Beatles oder Boris Vian. Dort haben Sie das Umgekehrte gemacht und die Welt in die Mundart hereingeholt.
Mich hat die Übermacht des Englischen immer ein wenig gestört. Ich habe mich gefragt: Was würde es auf Mundart heissen? Bei Boris Vian ist der Deserteur ganz klar definiert als jemand, der im Krieg aus der Armee flüchtet. Die Schweiz hat keine Krieg führende Armee, also habe ich einen Dienstverweigerer daraus gemacht. Diese kleinen Anpassungen an unsere Realität haben mich immer gereizt.

Sie haben viele Kinderbücher geschrieben – um Kindern Freude zu machen oder um ihnen etwas beizubringen?
Ich habe immer gerne für Kinder geschrieben, schon bevor ich eigene Kinder hatte. Meinen ersten Kinderroman habe in den Ferien auf einer griechischen Insel begonnen. Da habe ich meinem älteren Bub gesagt: Ich erzähle dir jeden Tag eine Geschichte, die immer weitergeht. Da war er aber gleich der Ansicht, dass die eigentlichen Geschichten doch in Büchern stehen. Ich sollte es aufschreiben und dann vorlesen, fand er. So ist «Tschipo» entstanden. Es macht mir Freude, für Kinder zu schreiben. Ihnen etwas beizubringen, ist nicht entscheidend. In einer guten Geschichte steckt immer ein Denkanstoss. Und das Kinderlachen gehört zu meinen Lieblingsgeräuschen.

Sie sprechen Menschen über alle Generationen hinweg an. Berührt Sie das?
Das ist etwas vom Schönsten überhaupt. Das wünscht man sich doch. Es bedeutet, dass etwas angekommen ist. In dem Fall ist Autor ein Traumberuf. Natürlich gibt es auch kritische Reaktionen. Aber auch das zeigt, dass man etwas Kleines bewirkt hat.

In Ihrem Buch «Das Ende eines ganz normalen Tages» beschreiben Sie den Alltag in Palästina. Kommen Sie nach solchen Reisen verzweifelt zurück?
Ich probiere ein Leben lang, nicht zu verzweifeln. Denken Sie nur an die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko, die mich sehr bedrückt. Die Auflagen, die dort nicht erfüllt wurden, die Korruption, die dahintersteckt. Die Scham- und Ruchlosigkeit dieser Firmen wie BP, die nicht auf Warnungen gehört hat. Oder Transocean mit Sitz in der Schweiz, die die Plattform geliefert hat. An ihrer Generalversammlung in Zug werden Dividenden ausgeschüttet, aber es ist kein Wort über die Katastrophe zu hören. Das ist dann schon wieder mehr Grund zur Wut als zur Verzweiflung.

Würden Sie sich im Fall von Palästina wie Henning Mankell einer Flotte anschliessen mit dem Risiko, das eigene Leben in Gefahr zu bringen?
Ich kann mehr leisten, wenn ich solche Gebiete besuche und darüber berichte. Es ist vielleicht ein Stück Feigheit, das mich davon abhält. Ich bin nicht der Hemingway-Typ und im Zweifelsfall entscheide ich mich für die Vorsicht. Ich war einmal in einer solchen Situation, als ich mich für die Kulturbrücke-Schweiz-Sarajevo engagiert habe. Wir waren vier, die zusammen ein Buch zu diesem Krieg nach Bosnien bringen wollten. Ich habe mich dann genau erkundigt, wie die Situation, die «Wetterlage» gerade war. Wann kommt das nächste Gewitter? Ich hatte Bedenken davor, in eine Falle zu laufen und ging nicht. Dann wurden Maria Wernli und Simon Gerber, die trotzdem gingen, von den Serben entführt und blieben mehrere Wochen verschwunden. Das war eine schlimme Situation.

Ist ein politisches Engagement eine Pflicht für Schriftsteller?
Es darf keine Pflichten geben für Schriftsteller, für Künstler überhaupt. Wenn Kunst etwas bedeutet, dann ist es Freiheit: Das zu machen, was man will. Dem nachzugehen, was man will, und auch einer sinnlosen Idee zu trauen. Und nie das Gefühl zu haben, man müsse etwas machen, weil es die Gesellschaft vielleicht von einem verlangt.

Sie schreiben oft in sehr einfachen, aber verblüffenden Bildern. Wie fallen Ihnen die Ideen dazu ein?
Seit ich mich entschied, von und mit meinem Ideen zu leben und das Bild der Welt von ihrer absurderen, fragwürdigeren Seite zu zeichnen, habe ich die Antennen auf Empfang. Ich versuche die Welt als Sammlung von Geschichten zu sehen, die sich gerade ereignen und in die man durchaus auch eingreifen könnte. Wenn man versucht, sich als freischwebender Fantast zu behaupten, ist es wichtig, dass man seinen Ideen Kredit gibt und einfach mal vertrauensvoll schaut, was daraus wird.

In Ihren Texten gibt es viel Abgründiges und Unheimliches. Nicht nur im «Totemügerli». Warum dieses Dunkle?
Es gehört dazu. Bei mir jede Nacht. Ich habe sehr viele schwere und unerklärliche Träume und Traumbilder. Ich denke, die haben wir alle. Die Künstler haben die Fantasie ja nicht gepachtet. Ich glaube, wenn die Leute mehr auf ihre Träume achten würden, würden sie sich wundern, was sie alles zusammenfantasieren oder was ihnen ihr Traumregisseur auf der inneren Leinwand präsentiert.

Ihre Antennen sind ständig auf Empfang. Ist das nicht anstrengend?
Es ist ja nicht so, dass ich, wenn ich morgens aufstehe, als Erstes über die Entstehung der Welt nachdenke, als Zweites über die Ölpest im Golf von Mexiko und als Drittes über den Konflikt zwischen Palästina und Israel. Und auch wenn ich wandere, ist für mich die Bewegung eine Lebensform, bei der man vieles loslassen kann. Es gibt keine Pflicht zu denken, während man zwei, drei, fünf Stunden auf einen Gipfel hinaufwandert. Ich gehe nie spazieren, um über etwas nachzudenken, sondern um nicht nachzudenken.

In Ihrem Buch «Die Rückeroberung» haben Sie vorausgesagt, wie sich die Natur die Städte zurückerobert. Das war vor 28 Jahren und heute ist es teilweise eingetreten. Sind Sie ein Prophet?
(lacht) Ja, klar. Es ist mit einem Umdenken zusammengefallen, dass das Stadtbauamt, oder «Grün Zürich», wie es heute heisst, die Dinge heute an manchen Orten wieder eher wachsen lässt. Vielleicht bin ich dem Zeitgeist nachgegangen oder habe ihn ein bisschen mitgestaltet.

Keine Grenzen haben sich die Banker an der Wall Street oder an der Bahnhofstrasse auferlegt. Die Finanzkrise haben selbst Sie nicht vorausgesehen.
Ich hatte 1994 in meinem Bühnenprogramm «Drachenjagd» eine Stelle, in welcher der Drachenjäger einen visionären Gang durch Zürich macht. Am Paradeplatz folgt er einem Wegweiser zur «grossen Sitzung». Dort haben gerade die drei Grossbanken Bankverein, Bankgesellschaft und die Credit Suisse beschlossen zu fusionieren. Das gab immer starke Lacher. Und ein paar Jahre später war es – zumindest teilweise – Realität. Es zeigt einfach, dass nichts ausgeschlossen ist und dass auch ein Katastrophenszenario überall losbrechen kann.

Ist die Finanzkrise ein heilsamer Schock?
Ein Schock sollte heilsam sein, das gehört zu ihm. Er sollte ein Überdenken bewirken – auch vom Normalbetrieb. Das ist die Parallele zur Arbeit eines Autors: Auch er hinterfragt den Normalbetrieb und wundert sich über ihn. Aber wenn ich Inserate der Banken mit hohen Zinsversprechen lese: Das ist ja wieder wie vorher! Doch Vorsicht, auch hier gehören wir alle dazu, etwa mit den Pensionskassen. Als wir über den Umwandlungssatz abstimmten, war darin die Erwartung ans Finanzsystem enthalten, dass das Geld wieder Geld generiert, dass die Rentabilität der Kassen stimmt, damit wir im Alter – auch ich – die Renten bekommen.

Wann wird Franz Hohler seine Texte auf einem iPad schreiben?
Bis jetzt habe ich es nicht gebraucht. Ich bin jemand, der an lange Lebensdauern glaubt. Mein Laptop war neunjährig, als ich merkte, das kann vieles nicht mehr. Also: ein neues Laptop bitte, mit WLAN. Ich habe auch ein Handy, obwohl in meinem Bekanntenkreis etliche aus Überzeugung kein Handy brauchen. Ich nutze es vor allem, damit ich für meine Eltern, die beide 95 sind, erreichbar bin, wenn wir beispielsweise in den Bergen sind. Und ich finde SMS praktisch. Aber natürlich steigt man damit bei der ganzen Antennen-Kultur ein.

Wäre es eine Business-Idee für Ihren Verlag, die Kurztexte von Franz Hohler als SMS-Texte anzubieten?
(lacht) Schrecklich, schrecklich.

Die ernsten Themen beschäftigen Sie sehr. Trotzdem haben Sie die Hoffnung und den Humor nie verloren. Oder ist es Galgenhumor?
Humor und Hoffnung hängen eng zusammen. Beide beginnen mit H. Humor ist eine Grundhaltung dem Leben gegenüber – die man schon ein bisschen pflegen kann oder für die man sich auch Mühe geben darf. Aber der Humor kann nicht alles, ich misstraue den Menschen, die alles ins Fröhliche drehen, immer einen Spruch parat haben. Ich glaube, die lassen nicht das ganze Leben an sich heran. Der ganze Mensch braucht die ganze Landschaft zwischen tiefster Trauer und grösster Lebensfreude.

Anzeige