OHNE EXTERNE INFORMATIK- BERATER IST SIE UNTAUGLICH

Samstag, 14. August 2010 23:00


Das Informatik-Desaster im VBS ist viel schlimmer als bekannt. Ohne externe Informatik-Berater stünde die Armee faktisch still. Obwohl man in den letzten zehn Jahren Hunderte von Millionen in Berater investierte.

VON OTHMAR VON MATT

Im Stechschritt hetzen die neuen Berater seit zwei Wochen im Verteidigungsministerium VBS die Treppen rauf und runter. Freundlich, aber bestimmt bitten sie die Militärs zu Interviews. 3500 Franken Tageshonorar verdient jeder der sechs Berater. Verschiedene unter ihnen haben eine ETH-Ausbildung, die meisten sind deutlich unter 30 Jahre alt. Die Berater der Boston Consulting Group (BCG) sollen in zwei Monaten eines der vielen ungelösten Informatik-Probleme in den Griff kriegen: die Finanzbuchhaltung.

Für einen VBS-Insider ist dieses Unterfangen aber unmöglich. «Hut ab, wenn sie das schaffen ohne Kenntnis der Systeme um die Finanzbuchhaltung», sagt er. «Vielleicht sind das ja Genies. Aber alle unterschätzen die Komplexität.»

Brisant ist: Wohl gegen ein Dutzend externe Berater hatten in den letzten Jahren gemäss Recherchen bereits vergeblich versucht, die Finanzbuchhaltung auf Vordermann zu bringen. Controller und Finanzfachleute scheiterten daran, eine Kostenstellenrechnung und saubere Budgetierung zu erstellen. Die beiden letzten Versuche sollen total zwei Millionen Franken gekostet haben. Das letzte Projekt lief unter dem Namen «Completence». Es war noch vor Ueli Maurers Amtsantritt ausgelöst worden. Inzwischen hat die BCG übernommen.

Hunderte von Millionen Franken sind gemäss Insidern zwischen 2000 und 2010 in die Kassen externer Informatik-Berater geflossen. «Niemand im VBS hat den genauen Überblick über die Zahlen», sagt ein Insider. Er betont, dass heute Externe sogar sensibelste Systeme betreuen. «Ohne externe Berater ginge nichts mehr.» Die Probleme begannen, als die Armee im Zuge der Armee XXI kleiner, schneller und flexibler werden wollte. Dafür führte sie SAP DFPS ein. Zuvor hatten Heer, Luftwaffe und Logistik eigene SAP-Systeme besessen.

SAP ist die führende Unternehmensführungs- und Planungssoftware, «Defense Forces & Public Security» (DFPS) die militärische Anwendung dazu. Sie unterstützt Streitkräfte bei der Abwicklung der Einsatzplanung, der Personalauswahl und bei der Logistikkette. Alle Armee-Systeme basieren auf SAP DFPS, auch die Logistiksoftware Logistik@V, welche Anfang 2010 mit grossen Schwierigkeiten eingeführt wurde. Auch hier mussten verschiedene externe Firmen mehrere Anläufe nehmen. Zuletzt arbeiteten Novo und Bearing Point daran – und das System wurde zu früh eingeführt. Es war noch nicht reif.

Die Probleme hatten aber bereits 2000 begonnen. Armeechef André Blattmann engagierte im Herbst 2008 Herbert Jost als Berater. Jost, Inhaber der Firma MS + MZ (Managementsupport und Management auf Zeit), ist Spezialist für die Erarbeitung und Implementierung von Führungsunterstützungssystemen. Gemäss Insidern hatte Jost SAP bereits zweimal eingeführt: 1977 als Erster in der Schweiz bei Sprecher+Schuh, später als Chef des Konzerns Rockwell Schweiz. Im VBS gilt Jost als der absolute Spezialist. Gemäss VBS-Insidern arbeitete er nach dem Prinzip «Management by walking around». Für 1800 Franken pro Tag, einem normalen Ingenieurshonorar. Akribisch eruierte er die Informatikgeschichte des VBS seit 2000. Die Dokumentation, die er in 14 Monaten erarbeitet hatte, umfasste neun Gigabite. Seine Ergebnisse präsentierte er über 100-mal, offenbar auch Ueli Maurer persönlich. Josts Befund: Die Daten sind nicht in Ordnung, es gibt zu viele Verantwortungsbereiche (fünf), die Schnittstellen funktionieren nicht, die Systeme driften auseinander. Josts Folgerung: Die vorhandenen Systeme sind gut. Sie müssen nun aber konsolidiert und Schritt für Schritt aufgebaut werden.

Gemäss Insidern forderte Jost aber vor allem eines: Für die Informatik des VBS dürfe es nur einen Chef, das heisst einen Verantwortlichen geben. Der muss zwingend bei der Armee sein, weil die Armee 90 Prozent der erbrachten Informatikleistungen beansprucht. Jost wollte, dass die Führungsunterstützungsbasis (FUB) das neue Informatik-Herz des VBS wird. Die Armee hat diese Zentralisierung bereits gestartet. «Dass die Informatik im Hauptquartier der Armee bei der FUB zusammengefasst wird, macht Sinn», sagt Armee-Sprecher Christoph Brunner. «Die FUB hat in der Armee dazu das Top-Know-how.»

Konfrontiert mit den Recherchen sagt Jost: «Gestützt auf meine Analysen wurde vor Abschluss meines Mandates der Projektantrag zur Erarbeitung der Konzeption ‹Neuausrichtung des Bereiches Information, Kommunikation und Technologie› erarbeitet, der nun zur Freigabe beim Chef der Armee liegt.» Mehrere Insider betonen, unter Jens Alder, dem Leiter des Steuerungsausschusses Task-Force Informatik VBS gehe man nun in die falsche Richtung. Statt bottom-up sollen die Probleme nun top-down gelöst werden. Der entscheidende Fehler sei aber die Zweiteilung der Informatik in Armee und VBS. «Nur die Geschäftsprüfungskommission (GPK) kann das Spannungsfeld zwischen Verteidigung und VBS regeln», sagt ein ranghoher VBS-Insider.

Die Ungereimtheiten sind gross. So wollte das VBS die Frage nicht beantworten, weshalb Ueli Maurer Jens Alder und William Angst schon im Oktober 2009 einsetzte, als Jost seine Arbeit noch längst nicht beendet hatte. Keine Antwort gab das VBS auch auf die Frage, weshalb Experte Jost nicht mehr eingebunden sei. Armeechef André Blattmann war Vetternwirtschaft vorgeworfen worden, weil Jost sein ehemaliger Kommandant war. Darauf hatte Blattmann Josts Mandat beendet. Dabei war es die Iso-9000-Zertifizierungs-Vereinigung, die Jost empfohlen hatte.

Auf die 17 Fragen, mit denen der «Sonntag» das VBS schriftlich konfrontierte, reagierte das Departement mit einer knappen Stellungnahme. Die Meinungen einzelner Personen würden nicht kommentiert. «Der Auftrag der Task-Force Informatik VBS ist im letzten Herbst kommuniziert worden. Der ausführlichen Medienmitteilung vom 26.10.2009 haben wir nichts beizufügen. Auskünfte zur Arbeit der Task- Force sind zum heutigen Zeitpunkt verfrüht.» Und: «Der Chef VBS hat im Juni 2010 öffentlich angekündigt, dass er den Fragenkomplex ‹Externe Beratung im VBS› überprüfen lässt. Diese Überprüfung ist im Gang. Dazu gehören auch die von Ihnen erwähnten Informatikberater.»

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