DER MANN, DER JULIUS BÄR VERPFIFF, MUSS IM JANUAR VOR GERICHT

Samstag, 04. Dezember 2010 23:00


Als Bankangestellter verriet Rudolf Elmer geheime Kundendaten von Julius Bär. Seinet wegen ermitteln die Behörden mehrerer Länder gegen Steuerhinterzieher. Jetzt wird er in der Schweiz angeklagt

VON PETER BURKHARDT

Der Mann in der blauen Jacke stapft durch den Schnee im Zürcher Unterland und sagt: «Ich bin weder ein Held noch ein Antiheld. Es ging mir einfach darum, illegale Handlungen aufzudecken. Steuerhinterziehung ist der grösste Diebstahl, den die Welt kennt.»

Elmer, 55, hatte das Schweizer Bankgeheimnis ins Wanken gebracht, bevor es die UBS endgültig untergrub. Die frühere Nummer zwei der Julius Baer Bank & Trust Company auf den Cayman Islands hatte ab 2005 vertrauliche Dokumente, die ihm von seiner Arbeitgeberin anvertraut worden waren, mehreren Medien und der eidgenössischen Steuerverwaltung zugestellt. Dies, nachdem er sich mit seiner Bank verkracht hatte und entlassen worden war.

Unter den Geheimdokumenten befinden sich Namen und Adressen von Kunden, Vermögensangaben, Kontobewegungen, Listen von Trusts und Besprechungsprotokolle. Ab 2007 stellte Elmer einen Teil auf die Internetplattform Wikileaks. Und er übergab den gesamten Datensatz der Steuerbehörde des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Ohne Entgelt, wie er betont.

Am 19. Januar muss sich Elmer vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Ab 8.15 Uhr kommt es im Saal 31 zum grössten Prozess wegen Bankgeheimnisverletzung, den die Schweiz bisher gesehen hat. Laut der Anklageschrift, die dem «Sonntag» vorliegt, klagt ihn die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland wegen Verletzung des Bank- und Geschäftsgeheimnisses sowie Nötigung an. Nebenkläger sind die Bank Julius Bär, ihr oberster Jurist Christoph Hiestand, ihr früherer Repräsentant in Mexiko, Curtis Lowell, und die GAM Holding.

Bei einer Verurteilung droht Elmer Gefängnis. Staatsanwältin Alexandra Bergmann beantragt eine Freiheitsstrafe von acht Monaten bedingt und 2000 Franken Busse.

Ob schuldig oder nicht – Elmer hat die bislang geheime Struktur von Julius Bär auf den Cayman Islands aufgedeckt. Diese Inselgruppe in der Karibik wurde zum fünftgrössten Finanzplatz der Welt, weil auf ihr keine Steuern bezahlt werden. Elmers Dokumente zeigen, dass Steuerhinterzieher sich die Dienste der Bank Bär zunutze machten – darunter ein korrupter mexikanischer Polizeichef. Elmer wirft der Bank vor, dies gewusst zu haben. Gleichzeitig habe sie die Cayman Islands genutzt, um eigene Steuern in der Schweiz zu vermeiden.

Bär-Sprecher Jan Vonder Mühll sagt dazu: «Julius Bär weist die haltlosen Vorwürfe von Rudolf Elmer zurück und muss sich vorbehalten, sich gegen diffamierende und falsche Anschuldigungen zur Wehr zu setzen.» Die deutschen Behörden eröffneten jedoch Ermittlungen und Strafverfahren gegen mehrere mutmassliche Steuerhinterzieher – und gaben die Daten an befreundete Länder weiter. Laut Elmer werden sie von den Steuerfahndern in den USA, Grossbritannien, Frankreich und Griechenland verwendet. Auch in der Schweiz kam es zu Ermittlungen.

Elmer ist stolz auf seine Tat. «Ich freue mich auf den Prozess. Dann wird die ganze Welt auf die Schweiz schauen, und es wird publik, dass die Grossen wie die UBS ungeschoren davonkommen und die Kleinen verurteilt werden.»

«Der Sonntag» ist die erste Zeitung, die der frühere Bankdirektor in seiner Wohnung in einem Zürcher Unterländer Dorf empfängt. Während des vierstündigen Gesprächs gibt er weitere Geheimnisse preis: Das von ihm verursachte Datenleck betreffe rund 1300 Privat- und Firmenkunden, 250 Trusts und 60 Fonds. Ihr gesamtes Wertschriftenguthaben, das sie in Trusts und Fonds von Julius Bär vor dem Fiskus versteckten, betrage 3 bis 4 Milliarden Dollar. Der wahre Wert sei jedoch weit höher, denn in den Trusts wurden auch ganze Handelshäuser, Schiffsflotten und Bildersammlungen untergebracht.

Brisant ist Elmers Aussage, die Bank Julius Bär habe 1997 und 1998 rund 30 bis 40 Prozent des Konzerngewinns auf den Cayman Islands erwirtschaftet – mit einer Schein-Investmentgesellschaft, die lediglich drei Angestellte gehabt habe. Diese soll ihren Beteiligungsertrag unversteuert an die Zentrale in Zürich abgeliefert haben. Die Steuerausfälle der Eidgenossenschaft und des Kantons Zürich für einen Zeitraum von fünf Jahren veranschlagt Elmer auf 100 Millionen Franken, inklusive Strafsteuern. Die Bank nimmt dazu keine Stellung.

Elmer hat eine wahre Odyssee hinter sich. Dreimal verlor er seinen Arbeitsplatz, seit er die Bank Bär verpfiff. In der Schweiz verbrachte er einen Monat in Untersuchungshaft, dann floh er nach Mauritius. Seit Januar ist Elmer zurück in der Schweiz, wohnt zusammen mit Frau und Tochter, zwei Hauskatzen und dem Hund «Angel», den er von Mauritius mitbrachte. Einen Job hat er nicht, doch mehrere Buch- und Dokumentarfilmprojekte halten ihn auf Trab.

Gegen den Vorwurf der Bankgeheimnisverletzung wird er sich vor Gericht wehren. Sein Argument: «Kundendaten ausserhalb der Schweiz können nicht durch das Schweizer Bankgeheimnis geschützt werden, auch wenn sie einer Tochtergesellschaft einer Schweizer Bank gehören.» Hingegen gibt er zu, mehrere Bankangestellte mit dem Tod bedroht zu haben. «Ich habe sicher Fehler gemacht. Ich hatte meine Emotionen leider nicht im Griff.» Dazu gehörte auch, dass Elmer mehrere Dokumente fälschte, was seiner Glaubwürdigkeit als Whistleblower Abbruch tat.

Auch die Bank griff zu unzimperlichen Mitteln. Sie beauftragte die Zürcher Privatdetektei Ryffel, Elmer zu beschatten. Dabei kam es zu Verfolgungsfahrten auf der Autobahn. Elmer und seine Familie fühlten sich bedroht, und er reichte Anzeige wegen Nötigung ein. Der Fall liegt seit Oktober beim Bundesgericht.

Anzeige