«Umwandlungssatz muss rasch sinken»

Von Interview: Florence Vuichard


Samstag, 05. November 2011 23:00


Früher kämpfte Colette Nova beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund gegen den Sozialabbau. Seit August 2010 setzt sie sich als Vizedirektorin beim Bundesamt für Sozialversicherungen für die Senkung des Umwandlungssatzes ein.

Frau Nova, sind die Renten heute zu hoch?
Colette Nova: In vielen Fällen: ja. Es leiden besonders Pensionskassen, die gezwungen sind, den gesetzlich vorgeschriebenen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent anzuwenden. Diese Kassen verlieren jedes Jahr Geld.

Das sind meist Kassen mit Versicherten, die rund 83 500 Franken oder weniger im Jahr verdienen. Um wie viel zu hoch sind denn deren Renten?
Es gibt zwischen den einzelnen Pensionskassen grosse Unterschiede. Man rechnet damit, dass diesen Kassen jedes Jahr 300 bis 600 Millionen Franken fehlen. Kassen mit vielen Versicherten mit höheren Löhnen haben mehr Spielraum.

Inwiefern?
Sie können im Durchschnitt einen tieferen Umwandlungssatz anwenden, indem sie zum Beispiel beim überobligatorischen Teil einen tieferen Umwandlungssatz anwenden. Bei Bedarf sind solche Pensionskassen also viel flexibler. Sie können respektive müssen den überobligatorischen Teil «kannibalisieren», um den gesetzlichen Verpflichtungen nachzukommen.

Zum Ärger der Besserverdienenden.
Natürlich. Wer nur an die Verzinsung seines eigenen Rentenkapitals denkt, denkt aber nicht weiter als bis zur Nasenspitze. Die Kasse kann so nämlich den Substanzverlust vermindern und braucht hoffentlich später keine Sanierungsmassnahmen – und das kommt letztlich allen Versicherten zugute. Die Realität ist, dass die Mehrheit der Pensionskassen heute entweder keine Reserven mehr hat oder bereits eine Unterdeckung ausweist. Angesichts dieser Situation ist es erstaunlich, dass die öffentliche Diskussion noch immer so geführt wird, als hätten wir eine komfortable Lage.

Die Renten werden auch bezahlt, als wenn nichts wäre.
Ja. Die Reserven müssen aufgebraucht werden, und durch die schlechtere Verzinsung steigt das Alterskapital der Aktiven weniger. Natürlich wird es als unfair empfunden, wenn das Kapital der heutigen Rentner mit 4 Prozent verzinst wird und Berufstätige ab 2012 nur noch den Mindestzins von 1,5 Prozent erhalten. Aber es ist nun mal so: Wenn der Zins der einen Gruppe zu hoch ist, dann kann die Pensionskasse das nur kompensieren, wenn sie der anderen Gruppe weniger gibt. Es geht also nicht anders.

Sollten die Renten der heutigen Rentnergeneration gekürzt werden, so dass auch sie ihren Teil beiträgt zur Lösung des Problems?
Wir müssen alles tun, damit es nicht so weit kommt. Das würde dem ganzen Rentensystem schaden.

Was muss man denn jetzt tun?
Der Umwandlungssatz muss gesenkt werden – und zwar rasch. Wir kommen nicht darum herum. Wenn das Fundament eines Hauses nicht mehr solide ist, dann fällt eines Tages das ganze Haus zusammen.

Das wird schwierig. Das Volk hat die Senkung von 6,8 auf 6,4 Prozent im März 2010 überaus deutlich verworfen.
Die Abstimmung hat deutlich gemacht, dass die Stimmbevölkerung keine Senkung der nominellen Renten akzeptiert. Wenn man nun den Umwandlungssatz senken und die Renten nominell gleich hoch halten will, dann gibts eigentlich nur eine Lösung: Wir müssen mehr in die berufliche Vorsorge einzahlen – indem wir mehr Lohnprozente abgeben oder den Koordinationsabzug senken. Im zweiten Fall bleibt der Lohnprozentsatz gleich, wird aber auf einem grösseren Teil des Lohnes angewendet. Oder man kann beide Massnahmen kombinieren.

Und das würde tatsächlich helfen?
Langfristig schon. Es braucht dann aber auch Übergangsmassnahmen für die Menschen, die kurz nach dem Inkrafttreten der Reform pensioniert würden. Dazu gehört auch, den Umwandlungssatz schrittweise zu senken. Wir werden in unserem Bericht «Zukunft der 2. Säule», der wohl Anfang 2012 fertig wird, eine Palette von möglichen Massnahmen vorschlagen. Darin werden wir auch mögliche Massnahmen zu den kritisierten hohen Vermögensverwaltungskosten und zur umstrittenen Gewinnverteilung bei den Lebensversicherungsgesellschaften vorlegen.

Wieso können eigentlich Banken die 3a-Konti noch immer mit 2 Prozent oder mehr verzinsen, während die Pensionskassen und Versicherungen stöhnen, dass der geforderte Mindestzinssatz von 1,5 Prozent noch immer zu hoch ist?
Man kann die Konti der 3. Säule nicht direkt mit den Pensionskassenanlagen vergleichen. Banken können zum Beispiel eine Mischrechnung mit den viel tieferen Zinsen auf normalen Konti machen. Zudem sieht es so aus, als ob die Banken die 3a-Konti zur Rekapitalisierung nützten: Banken, die Geld brauchen, geben momentan attraktivere Zinsen als andere.

Die Linke wehrt sich gegen den neuen Sozialabbau, auch mit dem Argument, dass der Bund immer den Hang hat, die Lage zu dramatisieren. Bei der AHV jedenfalls hat sich der Bund ein paarmal getäuscht.
Das kann man nicht vergleichen: Es geht hier nicht um Modellrechnungen wie im Fall der AHV. Wir reden hier von den Anlagen und dem erreichbaren Anlagegewinn in der zweiten Säule, und dafür braucht es keine Prognosen. Dafür reicht ein Blick in die Realität. Allein die Unterdeckung der «normalen» Pensionskassen ohne Staatsgarantie beläuft sich heute auf total fast 17 Milliarden Franken!

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