Insider-Report: Das wahre Gesicht von Lidl

Von Benjamin Weinmann


Samstag, 17. März 2012 23:10

Morgen begeht der deutsche Harddiscounter sein 3-Jahr-Jubiläum in der Schweiz. Die Angestellten haben nichts zu feiern. Foto: Ennio Leanza - Keystone


In der Schweiz sollte alles anders sein: Frisch, freundlich, transparent. Gesamtarbeitsvertrag inklusive. Doch auch hier herrscht das brutale Lidl-System: Ein System getrieben von Paranoia, Umsatzgier und Kaltherzigkeit. Ein schonungsloser Blick hinter die Fassade.

Sie wirken noch immer gezeichnet bei ihrer Zusammenkunft im Bahnhof-Café. Das Kapitel Lidl haben die vier Frauen nicht abgeschlossen. Obwohl sie mittlerweile alle gekündigt haben oder entlassen wurden. «Das wird noch eine Weile dauern», sagt Beatrice Kägi*. Sie leide bis heute unter dieser Zeit, wache manchmal mitten in der Nacht auf. «Es war der Horror.» Rund drei Jahre arbeitete sie für den deutschen Harddiscounter. Zurzeit ist sie arbeitslos. «Ich war nahe am Burnout, für eine neue Stelle bin ich nicht bereit», sagt die Hausfrau.

Beatrice Kägi*, Evelyne Studer*, Elisabeth Städeli* und Daniela Hager* haben sich länger nicht gesehen. Doch sie verbindet die gemeinsame Zeit bei Lidl. Ärger hat sich aufgestaut. Eine Anekdote jagt die nächste. «Weisst du noch?». Nur: Keine der Geschichten endet mit einem Lachen, fast jede mit Wut. Ihren Entscheid von damals – für Lidl an die Kasse zu sitzen, Regale aufzufüllen, Brote zu backen – bereuen sie trotz allem nicht. «Sonst hätten wir uns ja alle nicht kennen gelernt. Wir waren ein super Team und gaben alles für den Erfolg unserer Filiale. Und damals war ja noch alles anders, wir glaubten den Versprechen von Lidl.»

Damals. Das war vor drei Jahren, als der deutsche Handelsgigant aus Neckarsulm mit einem weltweiten Umsatz von 42 Milliarden Euro den Markteintritt in die Schweiz wagte, das Land von Migros und Coop. Aldi hatte es schliesslich erfolgreich vorgemacht und brachte es bereits auf rund 100 Filialen. Am Donnerstag, 19. März 2009, war es so weit. Auf einen Schlag öffneten die ersten 13 Lidl-Filialen der Schweiz ihre Tore.

Drei Tage zuvor wurde die Presse in die Vorzeige-Filiale in Winterthur eingeladen. Ist das wirklich Lidl?, dachte sich so mancher Journalist. Das sah gar nicht schmuddelig aus, so wie man sich den deutschen Harddiscounter vorgestellt hatte. Im Gegenteil. Es duftete sogar nach frischem Brot. Und dass der damalige Chef, der charmant wirkende Andreas Pohl, persönlich vor die Mikrofone stand, war nun wirklich alles andere als Lidl-like. In anderen Ländern galt der Händler schliesslich als Geheimniskrämer ohne Gesicht.

Doch während Lidl die Filialen auf Swissness poliert, herrscht im Hauptsitz in Weinfelden eine andere Welt. Dort steht das bis heute einzige Verteilzentrum und von dort aus wird die Expansion geplant. Mehrere ehemalige Mitarbeiter haben dem «Sonntag» Einblick in die erschreckende Lidl-Welt gegeben. Das oberste Gebot in Weinfelden lautet: Immer professionell bleiben, ja nicht privat werden. Man ist stets per Sie. Das Du wird nur heimlich geäussert. Körperliche Distanz ist ein Muss. Ein Schulterklopfen gibts nicht. Auch ein Feierabendbier hat in der Lidl-Welt keinen Platz, schliesslich könnte man sich über Negatives im Betrieb austauschen. «Es gab Angestellte, die sich dennoch mit dem Arbeitskollegen am Abend einen Drink genehmigten und dabei gesichtet wurden. Sie mussten am nächsten Tag beim Chef antraben und kamen wie begossene Pudel aus seinem Büro», erzählen zwei Ex-Kader. «Wer der Spitzel war, wussten wir nicht. Wir haben deshalb immer darauf geachtet, möglichst weit voneinander weg zu parkieren, und uns dann in der Bar zu treffen.»

Auch Telefonanrufe nach Arbeitsende sind den Lidl-Machthabern suspekt. «Entdeckt der Vorgesetzte auf der Handyabrechnung ein Gespräch mit einem Mitarbeiter nach 21 Uhr, ist eine Rechtfertigung fällig.» Private Gegenstände im Büro seien nicht erwünscht, Unterhaltungen über Privates, über die Familie oder die Ferien, tabu. Es gilt, sich dunkel zu kleiden, möglichst ohne Farbtupfer. «Eine Mitarbeiterin wurde einmal nur schon wegen einer Halskette zusammengestaucht», erinnern sich die beiden Ex-Kader. Schriftliche Weisungen zu diesen Lidl-Regeln existieren nicht. Kein Wunder, schliesslich ist Lidl ein gebranntes Kind. 2008 flog auf, dass in Deutschland Mitarbeiter systematisch ausspioniert wurden – mit Methoden, die an die Stasi erinnerten. Die Angestellten wurden mit Minikameras überwacht und Gespräche in seitenlangen Protokollen notiert. Lidl erhielt zwar eine Busse und entschuldigte sich. Doch offensichtlich hat sich die grundlegende Lidl-Kultur wenig verändert, wie die Berichte von Mitarbeitern in der Schweiz zeigen.

Eine offene Analyse von Problemen scheint es nicht zu geben. Denn das System Lidl ist per se richtig. «Den Satz, Sie sind nicht hier, um zu denken, bekamen wir öfters zu hören», sagt eine ehemalige Kaderangestellte. Probleme würden personifiziert und wenn nötig entfernt. Alles, was nicht dem perfekten System Lidl entspreche, müsse einen Schuldigen haben, «denn am System kann es nicht liegen.» Diese Wahrnehmung spiegelt sich sogar bei den internen Telefon-Verbindungsknöpfen. Namen stehen dort keine, nur die Funktion. Man telefoniert mit dem Regionalleiter. Ob dieser Müller oder Meier heisst, ist egal.

«Das Management steuert über eine Scheinwelt ihr Geschäft und will auch nur diese Scheinwelt sehen: top aufgeräumte Filialen mit lächelndem Personal», sagt ein Ex-Kadermitglied. Entsprechend müssen die Filialen vor kurzfristig angekündigten Besuchen des Managements auf Hochglanz poliert werden. Sogar der oberste Lidl-Chef Klaus Gehrig fliegt aus Deutschland per Privathelikopter in die Schweiz, um auf Filialinspektionstour zu gehen.

Das deutsche «Manager Magazin» schrieb vor einigen Jahren über Lidl Deutschland: «(…) Kritik- und Diskussionsfreude gehören (…) nicht zu den Eigenschaften, die zu einer langen Karriere bei Lidl dienlich sind. Die Unternehmenskultur dort erinnert eher an ein militärisches Ausbildungslager als an ein modernes Handelsunternehmen.» Ex-Mitarbeiter sprechen noch deutlicher von «Gehirnwäsche» und «Sektenbetrieb». Die Hierarchie ist bei Lidl zentral, wie sich auch bei der Verteilung der Firmenautos zeigt: Für untere Kader gibt es einen Audi A4, für Geschäftsleitungsmitglieder einen A8.

Zu Beginn waren die Mitarbeiter in Weinfelden guter Dinge. «Wir wollten etwas erreichen, alle zogen am gleichen Strick», erzählt Sandra Baumgartner*, ein ehemaliges Kadermitglied. Überstunden waren an der Tagesordnung. «Aber das war für uns in Ordnung. Der Enthusiasmus war gross.» Doch schon bald zeigten sich Risse in dem schönen Bild. «Die Umsätze stimmten nicht, die Rendite noch weniger. Die Personalplanung hielt mit der raschen Expansion nicht Schritt.» Zum Vorschein kam das wahre Gesicht des deutschen Harddiscounters. «Plötzlich wurde an der Kostenschraube gedreht», sagt Baumgartner*.

Im Sommer 2009 seien die Regionalleiter erstmals mündlich angewiesen worden, die Arbeitspensen der Mitarbeiter zu reduzieren. Von 80 auf 60 Prozent, von 60 auf 40 Prozent. Und teureren Angestellten sei manchmal gar grundlos gekündigt worden. «Ich wusste nie, ob ich heute an der Reihe bin», sagt Elisabeth Städeli*. Irgendwann traf es sie. «Ich musste an meinem Freitag antraben, um von meiner Entlassung zu erfahren.» Laut den vier Frauen sitzen nun vermehrt Ausländer an der Kasse, die nicht gut Deutsch sprechen.

In den Filialen kam es zu Personalengpässen: «Anfangs waren wir pro Filiale zu sechst, aber nach ein, zwei Jahren waren wir zum Teil nur noch zu zweit», sagt Beatrice Kägi*. Bei vielen Mitarbeitern häufte sich die Überzeit dramatisch an. «Einmal hatte ich einen Operationstermin an einem Nachmittag mit Vollnarkose. Weil wir aber so wenig Leute waren, forderte mich mein Chef tatsächlich auf, am Vormittag noch zu arbeiten.»

Mit der Zeit häuften sich Presseberichte über Probleme beim zweiten geplanten Verteilzentrum in Sévaz FR. Anwohnereinsprachen haben den Bau bis heute hinausgezögert. Mit der Folge, dass das Verteilzentrum in Weinfelden gemäss Insidern an Grenzen stösst. «Wir erhielten die Aktionswaren zum Teil erst spät am Abend oder sogar erst am nächsten Tag. Darüber ärgerten sich die Kunden natürlich, aber wir mussten darunter leiden», sagt Evelyne Studer. Zum Beispiel wurde einmal ein LCD-Fernseher für 499 Franken beworben. «Die meisten Filialen bekamen jedoch nur ein Stück geliefert.» Unter den Mitarbeitern stieg der Frust. Das merkte Lidl. «Damit wir keine rebellierende Gruppe bildeten, wurden einzelne Mitarbeiter zum Teil über Nacht in andere Filialen abgeschoben», sagt Studer.

Die Expansion geriet ins Stottern. Anstatt der angepeilten 100 Filialen bis Ende 2011, wurde diese Woche erst die 80. eröffnet. Lidl hatte sich schon vor Markteintritt mehrere Standorte gesichert. Einige wurden aber bis heute nicht gebaut, andere schon, jedoch nie eröffnet, sondern als Lagerumschlagplatz benutzt. «Schritt um Schritt werden nun auch Geisterfilialen eröffnet, um gegenüber dem Mutterhaus in Neckarsulm den Schein der Expansion aufrechtzuerhalten», sagt Sandra Baumgartner*. Den durchschnittlichen Filialumsatz schätzen Insider deshalb nicht wie in den meisten Medien vermeldet auf 10 Millionen Franken, sondern eher auf 8.

Als «Der Sonntag» Mitte letzten Jahres mit Verweis auf ein internes Schreiben aus Neckarsulm über einen Expansionsstopp berichtete, gingen die Wogen in Weinfelden hoch. Der intern zuweilen als Choleriker bekannte Chef Andreas Pohl trommelte die Belegschaft zusammen, um den Maulwurf ausfindig zu machen. Dem Vernehmen nach klang seine Rede vor dem versteinerten Personal etwa so: «Unter uns ist eine Zecke. Und diese Zecke saugt Blut. Die Zecke glaubt, sie könne sich verstecken. Aber wir werden sie finden.»

Auch sonst wurde der Ton grober. Die Filialen mussten mehr Umsatz liefern, und das zu tieferen Kosten. «Immer häufiger gingen die Leute von sich aus oder wurden ohne Warnung entlassen», sagt ein ehemaliger Regionalleiter. «Als ich mich weigerte, gut arbeitende Leute so zu entlassen, sagte mein Chef: Dann mobben Sie halt professionell.» In Weinfelden seien Ende Monat meist etwa zwei bis drei Leute gegangen, oder gegangen worden. Die Kündigung verlief auf Lidl-Art. Das heisst: keine Verabschiedung von Arbeitskollegen und die Begleitung durch den Chef vor die Tür. Kein Danke. Kein Handschlag. Nichts.

«Vom ursprünglichen Team sind nur noch wenige mit dabei», sagt das ehemalige Kadermitglied Sandra Baumgartner*. «Die Halbwertszeit eines Kaders liegt bei etwa drei Jahren. Danach wird einfach neues Frischfleisch von den Universitäten geholt. Auch wir waren fast alle Uniabsolventen und der Jahreslohn von rund 90 000 Franken – inklusive Auto – war sehr verlockend.» Der Schweizer Anteil im Kader, der anfangs über 75 Prozent betrug, liege heute wohl unter 50 Prozent. Tendenz sinkend. Stattdessen würden vermehrt Leute aus Ostdeutschland angestellt.

Wie geht es weiter? Das zweite, noch nicht gebaute Verteilzentrum in Sévaz FR dürfte im besten Fall 2014 in Betrieb genommen werden, sagen Insider. Und politisch drohen Vorstösse die weitere Expansion auf der grünen Wiese einzudämmen. Rückzugsgerüchte dementiert der Harddiscounter heftig. Eine Mediensprecherin gibt es bei Lidl Schweiz nicht mehr, und der neue Länderchef Matthias Oppitz hat sich der Öffentlichkeit bisher auch noch nicht präsentiert. Die Transparenz schwindet.

Die vier Frauen im Bahnhof-Café haben noch immer Kontakt mit einigen Lidl-Mitarbeiterinnen: «Wir kennen aber niemanden, der glücklich ist», sagt Beatrice Kägi*. Ihre beiden Kolleginnen Elisabeth Städeli* und Daniele Hager* haben inzwischen eine neue Stelle gefunden. Und Evelyne Studer* arbeitet nun bei einem Schweizer Detailhändler: «Das ist wie der Himmel verglichen mit der Hölle Lidl. Hier darf ich nicht vor 7 Uhr zur Arbeit kommen, bei Lidl war ich regelmässig um 6 Uhr am Start, um Paletten zu transportieren, Brote zu backen und Bestellungen zu erledigen. Bei Lidl musste ich alles machen. Nun darf ich regelmässig Pause machen und es gibt eine echte Arbeitsteilung. Und vor allem darf ich auch wieder mit den Kunden plaudern, Spass haben und lachen.»

Und dann sagt sie noch einen Satz, dem all ihre Kolleginnen zustimmen: «Wir raten jedem davon ab, sich bei Lidl zu bewerben. Diese Botschaft ist uns am allerwichtigsten.»

* Namen geändert, der Redaktion bekannt.


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