Muschg verteidigt Grass

Von Stefan Künzli


Samstag, 07. April 2012 23:10


Schweizer Schriftsteller sehen im Gedicht über Israel keine antisemitischen Aussagen.

Für sein Gedicht über Israel wird Günter Grass in Deutschland einhellig verurteilt und als Antisemit beschimpft. Jetzt erhält Grass Unterstützung aus der Schweiz. Für den Schriftsteller Adolf Muschg ist der Antisemitismus-Vorwurf gegen seinen deutschen Kollegen Günter Grass «so absurd unbillig und unverhältnismässig, dass man über die fast geschlossene Front gegen den Autor nur staunen kann». Das schreibt Muschg in einem Essay für den «Sonntag» und ist damit der erste international renommierte Schriftsteller, der sich auf die Seite von Günter Grass schlägt.

Seine Kritiker würden Grass «für etwas geisseln, was er nicht geschrieben hat; sie verurteilen ihn, dass er geschrieben hat; sie strafen ihn dafür ab, dass er ist, und dass er auch noch Grass ist».

Grass wird die Kompetenz abgestritten, Kritik an Israel zu üben. «Warum», fragt Muschg, «drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sich diese Kritik denn erledigt hat? Und womit hat ein Autor wie Grass das Recht verwirkt, sich weltbürgerlich zu äussern? Warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag indiskutabel zu finden?» «Das dröhnende Schweigen» zeige, «dass die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite» sei.

Andere Schweizer Autoren wie Klaus Merz und Lukas Bärfuss üben zwar auch Kritik am umstrittenen Gedicht, sehen Grass aber nicht als Antisemiten. Pedro Lenz schreibt: «Ich erkenne, selbst nach mehrmaliger und sorgfältiger Lektüre des Gedichts, keine antisemitischen Aussagen darin. Die politischen Ansichten in seinem Gedicht scheinen mir absolut nachvollziehbar und legitim.» Lenz dünkt zudem «die da und dort geäusserte, selbstgerechte Empörung über das Gedicht heuchlerisch».

Selbst der jüdische Schriftsteller Charles Lewinsky meint: «Wenn man den Begriff der Meinungsfreiheit ernst nimmt, dann darf man das natürlich. Auch wenn man Deutscher ist. Auch wenn man Grass heisst. Nein, als antisemitisch empfinde ich das ‹Gedicht› nicht. Nur als peinlich realitätsfremd.»

Hier das Essay von Adolf Muschg im Wort:

Nicht diese Töne

Günter Graß` Gedicht verzichtet auf Mehrdeutigkeit, es ist also eigentlich gar kein Gedicht, und der Hinweis, er habe schon bessere geschrieben, darf gleich entfallen. Es ist schlecht oder recht ein Manifest, mahnend und warnend, gegen die Anwendung von Gewalt mit Katastrophenpotential, gerichtet an Israel, dem sich der Verfasser kritisch verbunden fühlt.

An dem, was er sagt, mag noch so viel Wahres sein: daß es nicht die ganze Wahrheit sei, wird ihm jetzt unerbittlich vorgerechnet. Er habe die andere Seite nicht gesehen, und zwar so wenig, daß seine Einseitigkeit nicht nur fast ein Verbrechen sei, sondern ein besonders infames: dünn verschleierter Antisemitismus. Das ist so absurd unbillig und unverhältnismäßig, daß man über die massive Front gegen den Autor nur staunen kann. Seine Kritiker geißeln ihn für etwas, was er nicht geschrieben hat; sie verurteilen, daß er geschrieben hat; sie strafen ihn dafür ab, daß er ist, und daß er auch noch Graß ist. Die Mehrdeutigkeit, auf die das „Gedicht“ verzichtet, betrachten sie als böswillige Unterschlagung und scheuen keine Kunst der Interpretation, ihr auf die Schliche zu kommen. Der Text selbst, und was er sagt, ist ihnen keine Anerkennung seines – wie immer eingeschränkten – Wahrheitsgehalts wert; sie sprechen diesem Autor sogar achtbare Motive ab, ihn zu veröffentlichen.

Angenommen, er habe Recht – ein wie immer diskutables Recht –, um den Weltfrieden besorgt zu sein, so darf er auf keinen Fall der Mann sein, Recht zu haben. Das Problem seines Gedichts sind nicht atomar bestückte Raketen im nahen Osten, nicht die friedensbedrohende Gefahr eines Erst- oder Zweitschlags, von welcher Seite immer. Das Problem des Gedichts ist, wenn man seine Kritiker hört, allein Günter Graß. Was eigentlich glauben sie gutmachen zu müssen, wenn sie ihn so gründlich anschwärzen? Plötzlich soll alles gegen ihn sprechen: nicht nur die Einteilung des ganz jungen Mannes zur Waffen-SS, die er selbst – natürlich zu spät! – eingestanden hat und aus der inzwischen eine „Zugehörigkeit“ geworden ist. Auch der „Nobelpreisträger“ liest sich fast wie eine üble Nachrede, und der einzige Lichtblick, der ihm vereinzelt zugestanden wird: daß er sich immer noch meisterhaft auf die Herstellung von Publizität verstehe. Von Publizisten geäußert, ein mehr als zweideutiges Lob, denn er hat ihnen damit nur Gelegenheit gegeben, ihm ein umfassendes Scherbengericht zu bereiten, und sie haben es hoch professionell angenommen.

Das deutet auch auf einen Generationenwechsel in den Redaktionen. Wer die Welt immer noch als Intellektueller sieht wie Graß – nämlich: als Verpflichtung zur moralischen Intervention – ist ein notorischer Schulmeister, der sich selbst maßlos überschätzt und besser vor der eigenen Tür kehren würde. Als Moraltrompeter ist er eine Figur von Vorgestern und bemächtigt sich einer Aufmerksamkeit, die er nicht verdient: so urteilt dieselbe Macht, die sie ihm verschafft hat. Und sie ist, in Sachen öffentlicher Kultur, spätestens seit der Affäre Wulff von der vierten im Staate zur ersten geworden.

Ich frage bescheiden: womit eigentlich hat das Graß-Gedicht keine sachliche Auseinandersetzung verdient? Warum führt die Brandwarnung – selbst wenn sie unbegründet wäre – nicht weiter als bis zur Hinrichtung des Feuermelders? Hat er für seine übrige Tätigkeit – wenn man die aktuelle schon für einen Mißgriff hält – keinerlei Respekt verdient? Es ist offenbar müßig, danach zu fragen, ja, es ist spielverderberisch – auf ein faires Spiel der veröffentlichten Meinung ist in diesem Fall nicht zu rechnen. Aber die Erinnerung darf nicht verboten sein, daß die Medien ihre Freiheit auch schon liberaler verstanden, ihre Macht selbstkritischer ausgeübt haben. Nur: wer auf Teufel komm raus im Rennen bleiben muß, der holt sich seinen Teufel, wo er ihn findet. Blut lecken ist gut; Blut ziehen ist besser.

Nein, Schonung braucht Graß nicht, aber die unfröhliche Jagd, mit der er zur Strecke gebracht wird, ist kein Zeichen von Souveränität. Es zeugt auch nicht von jenem Selbstvorbehalt an Scham, den man so lautstark bei ihm vermißt. Kritik an Israel hätten andere kompetenter vorgebracht, lese ich überall, die seine sei also nicht nur heuchlerisch, sondern auch wohlfeil. Wenn das wahr ist: warum drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sie sich denn erledigt hat? Und womit ein Autor wie Graß das Recht verwirkt haben soll, sie weltbürgerlich zu äußern? Das dröhnende Schweigen über diesen Punkt zeigt jedenfalls so viel, daß die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite ist. Er meinte der Diskussion zu dienen – auch in Israel. Wenn das ein Irrtum ist: warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag dazu indiskutabel zu finden? Weil die Lage ihn nicht im geringsten rechtfertigt? Weil sie zwar verzweifelt sein mag, aber bitte nicht ernst?

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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