Deutsche annullieren Schweiz-Urlaub

Von Peter Burkhardt, Christof Moser, Othmar von Matt, Florence Vuichard


Samstag, 28. April 2012 23:10

Die provokativen Aussagen von Natalie Rickli haben Konsequenzen – Nationalräte warnen vor «bedenklicher Deutschenfeindlichkeit». Foto: Gaetan Bally - Keystone


Vier Bundesräte empfangen morgen hohen Besuch aus Deutschland. Die rekordhohe Einwanderung strapaziert das Verhältnis zu den Nachbarländern: Es ist auch gegenüber Frankreich und Italien belastet.

Wegen der Aussage von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli (ZH), die Schweiz habe zu viele deutsche Einwanderer, sagen Gäste aus Deutschland ihre geplante Reise in die Schweiz ab. «Über unsere Niederlassung in Deutschland haben wir von ersten Annullationen erfahren», sagt Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus. Der Walliser Tourismusdirektor Urs Zenhäusern hat bereits zehn E-Mails von deutschen Gästen erhalten, die ihre Ferien annullieren, weil sie sich wegen des «Deutschenhasses» in der Schweiz nicht mehr willkommen fühlen.

Rickli hatte in einer TV-Sendung gefordert, die Zuwanderung von Deutschen zu beschränken. Diese Attacke komme zum ungünstigsten Zeitpunkt, sagt Gaudenz Thoma, Chef von Graubünden Ferien. Der Tourismus leide bereits unter dem starken Franken. «Da sind unausgegorene Rückenschüsse aus der Politik umso unverständlicher. Unsere intensiven Bemühungen, den Gästerückgang aus dem mit Abstand wichtigsten Auslandsmarkt Deutschland zu stoppen, werden so desavouiert.»

Rickli, die mit ihren Aussagen in Deutschland für Empörung sorgte und Anfragen für Auftritte bei ARD und ZDF sowie Interviews mit «Spiegel» und «Bild» erhalten hat, sagt: «Ich habe nicht erwartet, dass meine Aussagen so hohe Wellen werfen.» Ihr Unmut, zu dem sie stehe, richte sich gegen die Zuwanderung allgemein und nicht gegen Deutsche: «In einer Demokratie ist es wichtig, dass Unbehagen frei ausgedrückt werden kann. Das ist ein Ventil gegen Frust.»

Kritik an Rickli äussern jedoch selbst Parteikollegen: «Ich bin absolut dagegen, dass man so mit Deutschen umgeht», sagt SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner (AG). Er zähle die Deutschen zu seinen «besseren Freunden», betont Giezendanner: «Ich mache mit deutschen Zuwanderern ausnahmslos beste Erfahrungen.»

CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer (ZH) warnt: «Die Deutschenfeindlichkeit hat ein bedenkliches Ausmass angenommen.» Sie habe nach Ricklis Auftritt viele Reaktionen von Deutschen in der Schweiz erhalten, die von Beschimpfungen als «Sau-Schwaben» berichten – «und das mitten in Zürich». Von einer «bedenklichen Entwicklung» spricht auch CVP-Nationalrätin Kathy Riklin (ZH): «Gehässigkeiten gegen Deutsche sind salonfähig geworden.» Sie verstehe, dass sich Schweizer zum Teil etwas bedrängt fühlen: «Für unser Land und die Wirtschaft sind die Deutschen aber ein Gewinn.»

Selbst im Stab des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der morgen Montag in Bern vom Bundesrat empfangen wird, heisst es, man sei «befremdet» über die «Animositäten» von Schweizer Politikern und Medien gegen deutsche Einwanderer. Der offizielle Besuch Kretschmanns in der Schweiz soll das angespannte Verhältnis in Steuer- und Fluglärmfragen entkrampfen. «Die Beziehungen zu unseren Nachbarn könnten besser sein», sagt Aussenminister Didier Burkhalter auch im Hinblick auf die Situation mit Frankreich und Italien. Mit diesen beiden Ländern ist das Verhältnis inzwischen an einem Nullpunkt angelangt.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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