Nationalbank soll Frankenkurs freigeben

Von Michael Heim und Patrik Müller


Samstag, 02. Juni 2012 23:10

Philipp Hildebrand, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), äusserte sich vor einem Jahr zur Koppelung des Schweizer Franken an den Euro. Foto: Peter Schneider - Keystone


Die Euro-Krise hat sich diese Woche zugespitzt, der Aufwertungsdruck auf den Franken nimmt zu. Jetzt fordern Schwergewichte aus Wirtschaft und Politik: Die Nationalbank (SNB) sollte den Mindestkurs von Fr. 1.20 pro Euro aufgeben.

Ex-UBS-Chef Oswald Grübel schreibt in seiner «Sonntag»-Kolumne (siehe unten), es sei «nur eine Frage der Zeit und der Entwicklung der Eurokrise», dass die Strategie des Mindestkurses aufgegeben werden müsse. Je früher die SNB dies tue, umso besser: «Je länger wir daran festhalten, umso höher wird der Preis, den wir alle dafür bezahlen.»

Der Zürcher Finanzprofessor Martin Janssen stimmt Grübel zu: «Die Festlegung des Mindestkurses von 1.20 war in Erwartung eines wieder stärker werdenden Euros vertretbar. Aber jetzt wird der Euro und damit der Franken gegenüber allen anderen Währungen laufend schwächer – obwohl die Marktkräfte zu einem deutlich stärkeren Franken drängen.» Halte die SNB den Kurs lange künstlich bei 1.20, drohe in zwei oder drei Jahren ein umso schlimmerer Absturz auf 90 Rappen. Janssen fordert eine «Exit-Strategie». Die SNB könnte den Franken schrittweise aufwerten: «Jedes Quartal um einen Rappen, von 1.20 auf 1.19 und so weiter.» Welches der «freie» Wechselkurs wäre, lässt sich nicht bestimmen. UBS-Berechnungen aufgrund der Kaufkraftparität gehen von schockierend tiefen 93 Rappen pro Euro aus. FDP-Präsident Philipp Müller: «Die Schweiz hat die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder stützt die SNB den Franken weiter bei 1.20, mit dem Risiko gewaltiger Verluste auf den Devisenreserven. Oder sie gibt den Mindestkurs auf, was wohl Parität bedeuten würde und die Exporte einbrechen liesse.»

SVP-Stratege Christoph Blocher sagt: «Die SNB muss sich bewusst sein, dass der Mindestkurs von 1.20 langfristig nicht durchsetzbar ist. Irgendwann muss wieder der freie Markt den Devisenkurs bestimmen können.» Darum habe Oswald Grübel «grundsätzlich recht».

Ein Fragezeichen setzt Blocher beim Zeitpunkt: «Wann der richtige Moment da ist, um den Kurs wieder frei schwanken zu lassen, muss letztlich die Nationalbank entscheiden.» Bislang habe die Schweizer Exportwirtschaft die Frankenstärke «hervorragend gemeistert», sagt Blocher.



«Der Schweizer Franken ist zurzeit ein Euro»

Frage von Georg Forster, Zürich: Was halten Sie davon, dass die SNB den Eurokurs bei Fr. 1.20 stützt? Der Euro ist doch gerade daran, wie eine Blume zu verwelken.

Antwort von Oswald Grübel: Den Franken mit einem festen Wechselkurs von 1.20 an den Euro zu binden, war ein politischer Entscheid, der am 6. September 2011, wohlgemerkt kurz vor der Parlamentswahl, gefällt wurde.

Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen als derjenige, an dem die Nationalbank ihre Unabhängigkeit verlor und ihre damit verbundene Handlungsfreiheit. Das heisst, dass seither alle Entscheide der SNB berücksichtigen müssen, was der Einfluss auf den fixen Wechselkurs ist.

Will man eine Währung vor einer zu starken Aufwertung schützen, erfolgt dies normalerweise durch Zinsfestsetzung, Liquiditätsbestimmungen, Interventionen und viele andere technische Massnahmen,
auf die jede Zentralbank zurückgreifen kann. Wenn eine relativ kleine, gesunde Volkswirtschaft mit geringer Staatsverschuldung, wie die Schweiz, ihre Währung an einen vielfach grösseren Wirtschaftsverbund mit einer künstlichen Transferwährung und hohen Staatsverschuldungen koppelt, übernimmt sie auch die entsprechenden Risiken.

Mit anderen Worten, der Schweizer Franken ist zurzeit ein Euro. Die volkswirtschaftliche Basis des Frankens ist grundlegend besser als die des Euros und wird sich selbst durch den fixen Wechselkurs nicht so schnell verschlechtern. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit und der Entwicklung der Eurokrise, dass diese Strategie aufgegeben werden muss.

Eines wissen wir ganz bestimmt, je länger wir daran festhalten, umso höher wird der Preis, den wir alle dafür bezahlen.

Jede Woche beantwortet Oswald Grübel eine Leserfrage. Schicken Sie Ihre Frage an den ehemaligen UBS- und CS-Chef: gruebel@sonntagonline.ch

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