US-Notenbank würde Credit Suisse und UBS retten

Von Daniel Meierhans


Samstag, 04. August 2012 23:10


Eine ETH-Untersuchung zur Finanzkrise 2008 bis 2010 illustriert: Die Schweizer Grossbanken geniessen in den USA faktisch eine Staatsgarantie. Sie sind «too connected to fail» – zu vernetzt, um unterzugehen.

In der Schweiz ist man sich im Grundsatz über alle politischen Lager einig: Die schiere Grösse macht UBS und Credit Suisse zu einem nicht vertretbaren Risiko für unsere Wirtschaft. Mit der Revision des Bankengesetzes wird darum von den sogenannt systemrelevanten Banken ein höheres Eigenkapital verlangt. Zudem müssen diese Institute eine Notfallplanung vorlegen, die sicherstellen soll, dass sie die für die heimische Wirtschaft essenziellen Funktionen auch bei einem Zusammenbruch etwa des Investmentbankings erfüllen können.

So weit, so gut. Systemtheoretiker bemängeln aber schon länger, dass die «Too big to fail»-Diskussion das entscheidende Risiko des Finanzsystems ignoriert: Das Hauptproblem der internationalen Finanzkonzerne ist nicht ihre Grösse. Sondern ihre gegenseitige finanzielle Verknüpfung.

Die Banken sind nicht «too big», sondern «too connected to fail», wie der ETH-Forscher Stefano Battiston gegenüber dem «Sonntag» betont. Erst durch die gegenseitige Abhängigkeit kann ein einzelnes Institut das ganze System mit in den Abgrund ziehen.

Tatsächlich wäre das System im Verlauf der Subprime-Krise kollabiert, hätte die amerikanische Notenbank FED zwischen 2008 und 2010 neben den betroffenen lokalen Instituten nicht auch einem Kern von insgesamt 22 internationalen Banken mit umfangreichen Notkrediten unter die Arme gegriffen. Dies führt eine aktuelle Studie einer Forschergruppe rund um Battiston eindrücklich vor Augen.

Wäre auf dem Höhepunkt der Krise eine dieser 22 Banken ihren Verpflichtungen nicht mehr nachgekommen, hätte dies die Vernichtung von 70 Prozent aller Vermögenswerte dieser Institute zur Folge gehabt, so die Analyse der Systemtheoretiker. Und dieser Fall wäre ohne Hilfe der US-Notenbank mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eingetreten, denn die Schulden der Grossbanken bei der FED überstiegen deren Marktkapitalisierung zeitweise um mehr als das Sechsfache.

Zum systemkritischen Kern, der über Dreiviertel der insgesamt 1200 Milliarden Dollar umfassenden Notkredite beanspruchte, gehörten auch die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse. Sie standen beim FED mit maximal 77,2 respektive 60,8 Milliarden in der Kreide.

Die Schulden offenbaren allerdings nur einen Aspekt der Systemrelevanz. Dazu kommen die gegenseitigen finanziellen Verpflichtungen, über die sich Zahlungsprobleme fortpflanzen und verstärken. Ein Abschreiber von 10 Prozent kann so zu einem Verlust von 60 Prozent anwachsen, wie die ETH-Forscher zeigen.

Sie haben nun ein Werkzeug entwickelt, das auch die Auswirkungen der gegenseitigen Verstrickungen in Echtzeit abbildet. Dadurch wird es möglich, Probleme bereits während der Entstehung zu identifizieren und mögliche Lösungen auszutesten.

Grundlage ist der sogenannte DebtRank. Dieser orientiert sich am bekannten PageRank-Algorithmus, mit dem die Internet-Suchmaschine Google die Relevanz von Webseiten anhand ihrer Verlinkungen klassiert. Für den auf «Nature Scientific Report» veröffentlichten Proof-of-Concept haben die Forscher sämtliche Transaktionen des FED-Programms mit den aus der Wirtschaftsdatenbank Orbis bekannten, gegenseitigen Beteiligungen der Banken kombiniert.

ETH-Wissenschafter Battiston betont, dass die aktuelle Studie nur das prinzipielle Funktionieren des DebtRank belege. Für exakte Analysen fehlten schlicht die Daten, denn die meisten gegenseitigen Geschäftsverbindungen der Finanzinstitute seien heute auch den Regulatoren nicht bekannt.

Aufseiten der Regulatoren gibt es aber bisher kaum ernsthafte Anstrengungen, die problematischen Abhängigkeiten zu reduzieren. Im Gegenteil; die jetzt verlangten Kapitalerhöhungen werden von Grossbanken viel mehr genutzt, um sich noch stärker zu vernetzen, wie das aktuelle Beispiel der Credit Suisse belegt. Die Investoren, die das frische Geld einschiessen – wie die Qatar Investment Authority, die saudische Olayan-Gruppe, der Staatsfonds von Singapur oder der Vermögensverwalter Blackrock – sind selber Teil eines etwa 150 Unternehmen umfassenden, eng verknüpften Kerns der Weltwirtschaft.

Battiston, der diesen Kern vor einem Jahr in einer aufsehenerregenden Studie identifiziert hatte («Sonntag», 23. Oktober 2011: «147 Finanzkonzerne regieren die Welt»), ist überzeugt: «Die Anreize sind falsch gesetzt. Für die Banken ist es attraktiv, sich immer stärker zu vernetzen.» Ihr Vorteil: Als Teil des hochvernetzten Kerns haben sie mehr als nur gute Chancen, im Notfall von den Notenbanken gerettet zu werden.

Wie falsch die Anreize gesetzt sind, zeigt sich am Fall der Schweiz: Dass ihre Grossbanken zum hochvernetzten Kern der Weltfinanz gehören, relativiert für unser Land zwar die «Too big to fail»-Problematik. Wie die Finanzkrise gezeigt hat, muss im Ernstfall auch das FED einspringen, um das Überleben von UBS und CS sicherzustellen.

Das Dumme daran ist, dass das Gleiche auch für alle anderen hochvernetzten Finanzmarktteilnehmer gilt. Diese implizite Rückversicherung steigert zwangsläufig die Risikobereitschaft der Banken und destabilisiert so das System.

Für die Zukunft heisst dies, dass wir uns weniger Sorgen um einen Zusammenbruch von UBS und CS machen müssen als um weitere weltweite Wirtschaftskrisen, die durch Rettungsaktionen für den Kern des Finanzsystems ausgelöst werden.

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