Abt Martin Werlen bricht konservative Tabus

Von Abt Martin Werlen


Samstag, 10. November 2012 23:10

Eröffnung des zweiten Vatikanischen Konzils im Petersdom am 11. Oktober 1962: Die Aufbruchstimmung von damals sei verflogen, meint Abt Martin Werlen. Foto: AZ


50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entbrennt eine neue Debatte über die Zukunft der katholischen Kirche. Nach der ultrakonservativen Stellungnahme des Churer Bischofs Vitus Huonder von dieser Woche sagt nun der Abt von Einsiedeln – Mitglied der Bischofskonferenz –, dass sich die Kirche dringend öffnen muss.

Die hier vorliegenden Gedanken sind eine Provokation. Der Begriff «vocatio» ist darin enthalten: Ruf, Berufung. Und das «pro» sagt klar aus, dass die Berufung in positiver Weise herausgefordert und gefördert wird. Diese Gedanken wollen bewegen. Sie wollen ermutigen, miteinander die Glut unter der Asche zu suchen, damit das Feuer wieder brennen kann. Jesus Christus selbst braucht das Bild vom Feuer, um seine Sendung zu beschreiben: «Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!» (Lk 12,49).

Dieses Schreiben ist ein Versuch, Kritiken ernst zu nehmen. (…) Nicht selten hört man die verletzende Bemerkung: «Wenn es Ihnen nicht passt, sollen Sie doch austreten!» Das, was so vielen Menschen Mühe macht mit der Kirche, betrifft gerade nicht das Glaubensgut, sondern das Getue darum herum.

Die Situation der Kirche ist dramatisch – nicht nur in den deutschsprachigen Ländern. Dramatisch ist sie nicht nur wegen massiv zurückgehender Zahlen von Priestern und Ordensleuten oder dem kontinuierlichen Rückgang des Kirchenbesuchs. Das sind Fakten, die leicht feststellbar sind. Das wirkliche Problem ist nicht numerischer Natur. Das wirkliche Problem ist: Es fehlt das Feuer!

Die Polarisierung zwischen konservativ und progressiv in der Kirche ist heute gross. Der Graben lässt kaum mehr einen Dialog zu. Auf beiden Seiten wird nicht selten der anderen Seite die Kirchlichkeit abgesprochen. (...)

Es geht nicht darum, uns dem Zeitgeist anzupassen. Es geht darum, den Zeitgeist wahrzunehmen, die Menschen in unserer Zeit zu lieben und das Evangelium zu ihnen zu tragen. Es geht nicht darum, Äusserlichkeiten zu erhalten, sondern treu zu sein. Unser Bemühen darf es nicht sein, konservativ oder progressiv zu sein. Unser Anliegen muss es sein, heute zu hören, was Gott uns sagen will und es auch zu tun. Darin sollen wir uns gegenseitig unterstützen. Vom seligen Papst Johannes XXIII. stammt das Wort: «Wir sind nicht auf Erden, um ein Museum zu hüten, sondern einen blühenden Garten zu pflegen.»

Das Zweite Vatikanische Konzil hat eine Kirche erleben lassen, in der die Gläubigen miteinander auf der Suche sind. Nehmen Menschen unserer Zeit, fünfzig Jahre danach, die Kirche so wahr? Es gibt Kirchenmänner, die heute darüber klagen, dass seit 40 Jahren immer die gleichen Probleme thematisiert werden. Das sollte eigentlich einen durchschnittlich intelligenten Menschen nicht überraschen. Die gleichen Probleme werden immer wieder thematisiert, weil sie noch nicht gelöst sind.

In traditionalistischen Kreisen sind zum Beispiel die Ministranten immer noch kleinere oder grössere «Kleriker». Dies ist verständlich aus der Zeit, in der die Liturgie ein Gottesdienst der Kleriker war. Nur sie waren Diener des Altars und konnten Altardiener sein. Eine Frau hatte da selbstverständlich nichts zu suchen. (...) Heute tragen die Ministrantinnen und Ministranten in den meisten Pfarreien ein weisses Kleid, das Taufkleid. Als Getaufte nehmen sie einen liturgischen Dienst wahr. Für diesen Reichtum unseres Glaubens und der Tradition hat uns das Zweite Vatikanische Konzil wieder die Augen geöffnet. Überall ist dieser Schritt noch nicht getan worden. Selbst im Petersdom in Rom tun immer noch kleine oder grosse «Kleriker» den Dienst – gekleidet als Chorherren, ausserhalb der Papstgottesdienste wie Bischöflein. Es muss zumindest nachdenklich stimmen, wenn Priester heute wieder ohne besondere Erlaubnis ihres Bischofs auf eine solche Weise Liturgie feiern können, als ob es das Zweite Vatikanische Konzil nie gegeben hätte.

Die Kirche hat in den vergangenen Jahren sehr viel an Glaubwürdigkeit eingebüsst. (...) Wenn zum Beispiel kirchliche Amtsträger heute noch in der Öffentlichkeit sagen, dass die meisten sexuellen Übergriffe nicht in der Kirche geschehen, sondern in Familien, verraten sie damit neben einer unverantwortlichen defensiven Haltung auch theologische Inkompetenz. Sie schwächen das Zeugnis der Kirche. Wenn sexuelle Übergriffe in Familien von Getauften geschehen, so sind das genauso Übergriffe in der Kirche. Zur Kirche gehören alle Getauften.

Kirchliche Kreise, die nicht selten grosse Unterstützung von Kirchenführern geniessen, haben grosse Mühe damit, wenn sich die Kirche zu menschenrechtlichen Themen äussert, die ihnen nicht passen. Dazu gehört zum Beispiel der Umgang mit Asylsuchenden. Wie können wir die Haltung der Verachtung oder der Gleichgültigkeit gegenüber aus anderen Ländern geflüchteten Menschen vertreten, wenn Jesus selbst sich gerade mit den Notleidenden identifiziert? Dies kann zum Gegenzeugnis in unserer Zeit werden. «Ich war fremd, und ihr habt mich (nicht) aufgenommen» (Mt 25,35.43).

Viele Gläubige machen uns auf Situationen aufmerksam, die angegangen werden müssten. (...) Aber die Vorschläge werden von den heute Verantwortlichen nicht aufgenommen. Denken wir zum Beispiel an den Umgang mit Menschen, deren Ehe gescheitert ist und die in einer neuen Beziehung leben. Hier kennt die orthodoxe Tradition einen Umgang, der von der römisch-katholischen Kirche nie verurteilt wurde. Aus den bei den orthodoxen Schwestern und Brüdern gemachten Erfahrungen könnten wir viel lernen und selbst einen Weg finden, der uns auch für Menschen Sauerteig sein liesse, deren Weg nicht ideal verlaufen ist. Sie sind es, die das Dasein der Kirche in besonderer Weise heilsam erfahren müssten.

Die zölibatäre Lebensform ist ein möglicher Weg der Nachfolge Jesu Christi, genauso wie die eheliche Lebensform. Beide Lebensformen sind Charismen – Geschenk Gottes. Dies wird in der Öffentlichkeit kaum mehr so wahrgenommen – auch nicht unter Getauften. Wir haben es fertiggebracht, die Christusnachfolge in der Ehelosigkeit so zu präsentieren, dass sie einfach als Gesetz gilt. (...) Könnte es nicht auch anders tönen? Könnte die Zulassung zur Weihe nicht anders gestaltet und die zölibatäre Lebensweise von Christinnen und Christen in der Folge anders wahrgenommen werden? Zum Beispiel so: «Der Zölibat der Kleriker, gewählt für das Reich Gottes und sehr angemessen für das Priesteramt, soll gemäss der Tradition der Universalkirche überall grosse Wertschätzung erfahren. Genau gleich soll in Ehren gehalten werden der Status der in Ehe lebenden Kleriker, bestätigt durch die Praxis der Urkirche und der orientalischen Kirchen.» Eher progressiv eingestellte Getaufte werden den Kopf schütteln und sagen, dass sie das nicht mehr für möglich halten. Das ist zu weit weg vom Denken in Rom. Eher konservativ eingestellte Getaufte werden den Autor der Häresie verdächtigen. Beide Seiten werden überrascht sein, wenn sie erfahren, dass der angeführte Textvorschlag ein offizieller Text von Rom ist, unterzeichnet 1992 vom seligen Papst Johannes Paul II. Es handelt sich um Kanon 373 des Kirchenrechts für die orientalischen Kirchen, die in voller Einheit mit Rom stehen.

Damit ist klar, dass andere Wege möglich sind.

Gott sagt Ja zum Menschen. Diesem Ja muss sich die Kirche immer neu aus ganzem Herzen anzuschliessen versuchen. Der Mensch ist Mann oder Frau. Mit dem Ja zur Frau tut sich die Kirche immer noch schwer. Sie zeigt sich in der Geschlechterfrage unbeholfen und ratlos. (...)

Wie gesehen, gehören die Kardinäle nicht zum Glaubensgut. Auch hier wäre noch viel Spielraum für neue Wege. Das Beratungsgremium des Papstes könnte auch anders aussehen. Zum Beispiel könnten für fünf Jahre Menschen aus der ganzen Welt, Frauen und Männer, Junge und weniger Junge in dieses Gremium berufen werden. Alle drei Monate würden sie sich in Rom mit dem Papst treffen. Keine der Anwesenden würden wegen der Sorge um die eigene Karriere etwas sagen oder verschweigen. Diese Treffen könnten eine andere Dynamik in die Leitung der Kirche bringen. Wichtige und weniger wichtige Fragen könnten angegangen werden.

Zur Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Schweiz fand die Synode 72 statt. Eine Frucht dieser Synode sind die vier Hochgebete für besondere Anliegen – grundlegend entstanden im Kloster Einsiedeln und im Kloster Fahr –, die heute im lateinischen Messbuch der römisch-katholischen Kirche sind und damit auch in Übersetzung in aller Welt. Im Hochgebet «Jesus, unser Weg» wird um den Geist gebetet, dem wir das Geschenk des Zweiten Vatikanischen Konzils verdanken. Ein Zeichen der Hoffnung!


Hier gibt es die Broschüre

Der publizierte Text ist der Broschüre «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» entnommen. Es handelt sich dabei um ein überarbeitete Referat von Abt Martin Werlen anlässlich der Feier «50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil» und «Eröffnung Jahr des Glaubens» in der Klosterkirche Einsiedeln. Die Broschüre ist ab sofort in den Klosterläden Einsiedeln und Fahr erhältlich (siehe www.klosterladen-einsiedeln.ch). Es kann auch per Mail klosterladen@kloster-einsiedeln.ch oder Telefon 055 418 64 71 bestellt werden (5 Franken plus Porto).

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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