ETH forscht an der Zukunftsmaschine: Eine Milliarde von der EU?

Von Raffael Schuppisser und Yannick Nock


Samstag, 05. Januar 2013 23:10

ETH-Professor Dirk Helbing in seinem Büro im Institut für Soziologie der ETH Zürich. Foto: Chris Iseli


Ein neues Grossprojekt der Hochschule will nicht weniger als die ganze Welt erklären – und dadurch Katastrophen verhindern.

Es ist nur ein kleiner Schritt für die EU-Kommission, aber ein grosser für die Wissenschaft. In den nächsten Tagen entscheidet die Europäische Union über Fördergelder von bis zu einer Milliarde Euro. Brüssel will damit ein wissenschaftliches Grossprojekt verwirklichen, das Europa weltweit zum Vorreiter machen soll. Forscher sprechen von einem Man-on-the-Moon-Projekt, weil es vergleichbar ist mit der Errungenschaft des ersten Menschen auf den Mond.

Ganz vorne im Rennen um diese Fördergelder ist ETH-Professor Dirk Helbing (47) mit seinem Megaprojekt Futur ICT. Ein Projekt, das sich nicht weniger zum Ziel gesetzt hat, als die Welt zu erklären. «Uns ist in den letzten Jahren klargeworden, welche riesigen Wissenslücken klaffen», sagt der Soziologe. Zwar wisse man viel über die einzelnen Systeme wie Politik, Banken oder sogar Protestbewegungen. Doch entscheidender sei, wie sie aufeinander einwirken. Darüber wisse man noch viel zu wenig.

An Beispielen solcher Wechselwirkungen mangelt es Helbing nicht. «Wenn heute jemand den Koran in einer amerikanischen Kleinstadt verbrennt, kommt es am anderen Ende des Globus zu Ausschreitungen.» Die Welt sei durch Plattformen wie YouTube und Facebook sensibel geworden gegenüber lokalen Ereignissen. Doch auch globale Entwicklungen beeinflussten sich gegenseitig.

Das menschliche Vorstellungsvermögen könne diese grossen Zusammenhänge kaum mehr erkennen, sagt Helbing. Es brauche deshalb ein radikales Umdenken. Futur ICT soll dabei die treibende Kraft sein – ein Wissensbeschleuniger, ein Cern für die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

«Wir brauchen eine Intelligenz, die über unsere hinausgeht», sagt Helbing. Futur ICT will eine solche Intelligenz schaffen: den «Living Earth Simulator». Im Rechner wird anhand realer Daten ein digitales Ebenbild der Welt geschaffen, eine Art wissenschaftliches «Second Life». So kann nicht nur unsere Gesellschaft simuliert werden, sondern auch, wie sie sich entwickeln wird. Eine Art Zukunftsmaschine. Das habe aber nichts mit Wahrsagerei zu tun, sagt Helbing, sondern mit Forschung.

Möglich wird der Weltensimulator nur dank dem Internet. Früher hatten die Sozialwissenschaften damit zu kämpfen, dass die Daten für Modelle und Statistiken nur mühsam beschaffbar und dennoch sehr beschränkt waren. Das ist nun anders: Das Internet ist voll von Daten – und täglich werden es mehr. In den nächsten paar Jahren werden mehr Daten produziert als bisher in der ganzen Menschheitsgeschichte zusammen – das Zeitalter von «Big Data» hat begonnen.

Solche Daten sind für die Wissenschaft von grossem Interesse. Anhand von Tweets und Facebook-Posts lässt sich etwa die Zufriedenheit der Bürger eines Landes ablesen. Und untersucht man, wie häufig in verschiedenen Regionen auf Google nach «Grippe» gesucht wird, kann der Verlauf einer Epidemie in Echtzeit analysiert werden.

Solche Daten werden in den Weltensimulator eingespeist. «Wir wollen aber auch unsere eigenen Applikationen entwickeln, um beispielsweise Vertrauen und Risikobereitschaft messen zu können», sagt Helbing. Dafür sollen Webexperimente und Online-Computerspiele entwickelt werden, an denen Freiwillige teilnehmen. Wie entscheiden sich Menschen tendenziell in bestimmten Situationen? Wann sind sie bereit, ein unvernünftig hohes Risiko in Kauf zu nehmen? Solche Dinge interessieren Helbing und seine Kollegen. Denn mit diesen Erkenntnissen wird der Mensch mit seinen oft willkürlich anmutenden Handlungen für die Algorithmen des Simulators berechenbar.

So wie Astronomen die Bahnen der Himmelskörper kennen und Sonnenfinsternisse vorhersagen können, soll es Soziologen möglich werden, die Entwicklung der Gesellschaft zu berechnen. Dadurch könnten von Menschen gemachte Katastrophen frühzeitig erkannt und mit den nötigen Massnahmen abgewendet werden. So zumindest die Theorie.

Doch der Nutzen des Projekts beginnt schon früher. «Es ist nicht entscheidend, dass wir über Nacht die ganze Welt simulieren können. Für die Beantwortung vieler Fragen muss man nicht jedes einzelne Detail kennen», sagt der ETH-Professor. Er ist überzeugt, dass es dank Futur ICT bald möglich sein wird, grosse politische und wirtschaftliche Fehlentscheide zu vermeiden, wenn man diese zunächst am Computer simuliert und so die möglichen Konsequenzen sichtbar macht.

Futur ICT soll über die nächsten zehn Jahre aber nicht nur Politikern und Wirtschaftsführern helfen, sondern allen zugutekommen. Helbing und seine Kollegen wollen eine öffentliche Plattform mit Datensätzen und Applikationen kreieren, die ähnlich wie Wikipedia jeder nutzen und nach bestimmten Regeln weiterentwickeln kann. «Es ist an der Zeit, Daten als ein neues öffentliches Gut für alle verfügbar zu machen, wie Strassen oder Bibliotheken», sagt Helbing. Dabei meint er nicht sensible persönliche Daten, vielmehr aggregierte Daten, die keine Rückschlüsse mehr auf das einzelne Individuum zulassen. «Wir wollen nicht Personen nachspionieren, sondern grosse Zusammenhänge erkennen.»

Damit ist Futur ICT auch als europäische Antwort auf amerikanische Internetfirmen wie Apple, Amazon, Facebook und Google zu verstehen. Diese Unternehmen sammeln, analysieren und verwerten grosse Datenmengen bisher am effektivsten. Sie bereichern sich dabei aber an den Daten ihrer Nutzer und dringen in ihre Privatsphäre ein.

«Das kann auf die Dauer nicht gut gehen», warnt Helbing. Denn die Informationsgesellschaft basiere auf dem Vertrauen der Nutzer. Wird diese durch die Verletzung der Privatsphäre erschüttert, droht dieses Vertrauen zusammenzubrechen. «Wir wollen deshalb unsere eigene Informationstechnologie kreieren, welche die Privatsphäre respektiert», betont Helbing. In «Big Data» sieht Helbing deshalb vor allem eines: eine grosse Chance – für die Menschheit, für Europa und für die Schweiz, die das nötige Know-how aufbauen kann, um ein «Zurikon Valley» zu kreieren.

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