Karl-Theodor zu Guttenberg: «Ich bin dankbar für die extremen Erfahrungen»

Von Patrik Müller und Christian Dorer


Samstag, 12. Januar 2013 23:10

Leger und ohne Brille: Karl-Theodor zu Guttenberg beim Interview in einem Hotel in Klosters. Nächste Woche tritt er im Alpensymposium auf. Foto: Olivia Iten


Er war Deutschlands beliebtester Politiker – und musste wegen einer Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit zurücktreten. Heute lebt Karl-Theodor zu Guttenberg (41) in den USA, er gab seit Herbst 2011 keine Interviews mehr. Jetzt bricht er exklusiv im «Sonntag» sein Schweigen.

Herr zu Guttenberg, Sie sind vor knapp zwei Jahren zurückgetreten. Was haben Sie seither gemacht?
Ruhe gegeben - und das war auch notwendig. Ich habe die Zeit genutzt, um aus eigenen Fehlern zu lernen und um mich auf Dinge zu konzentrieren, die Freude bereiten und für die man sich nicht öffentlich rechtfertigen muss.

Zum Beispiel?
Es ist eine wunderbare Erfahrung, nach einigen Jahren im politischen Geschäft auch mal wieder in die Tiefe von Themenkomplexen eintauchen zu können. In Themen, für die man vielleicht keine Zeit hatte - oder von denen man nicht die geringste Ahnung hatte, möglicherweise aber vorgegeben hat, Ahnung zu haben (lacht).

Womit haben Sie sich denn befasst?
Etwa mit den Zusammenhängen der Finanzwelt. Ich habe festgestellt, dass die Kenntnisse zur Zeit, als die Finanzkrise 2007 ausbrach, selbst in den Regierungen sehr begrenzt waren. Auch mir war bewusst, dass ich erhebliche Defizite hatte. Uns werden solche Krisen weiterhin begleiten und man tut gut daran, sich ein hohes Mass an Sachverstand anzueignen.

Ihr Terminkalender war zu Ihrer Zeit als Minister immer randvoll. Haben Sie eine Leere verspürt, als Sie von einem Tag auf den anderen keine Termine mehr hatten?
Im letzten Herbst hat sich meine Familie darüber beschwert, dass es wieder so sei wie früher. Von daher muss ich aufpassen, nun nicht wieder zu viele Dinge zu tun, und damit das zu vernachlässigen, was mir wirklich wichtig ist. Denn es hat mir ungemein gut getan, Zeit zur Reflexion zu haben. Ich bin daher auch nicht in dieses so oft beschriebene Loch gefallen. Im Gegenteil, ich kann die Ruhe und die Entscheidungsfreiheit geniessen.

Und etwas länger in Klosters Ski fahren als früher?
Ja, wir bleiben einige Tage länger. Auch für den Sport bleibt wieder mehr Zeit. Vor allem aber ist mir wichtig, der Familie etwas zurückzugeben von dem, was ich ihr vorenthalten habe. Im politischen Geschäft hat man zu wenig Zeit, um darüber nachzudenken, was für ein Glück die Familie bedeutet. Es sind schliesslich nicht die politischen Freunde, die dereinst am Sterbebett warten werden.

Sie sprechen nächste Woche am Alpensymposium zum Thema "Wieder aufstehen". Wie schwer war das für Sie, wieder aufzustehen?
Das Leben geht in dem Moment, wo man die Rücktrittserklärung abgibt, weiter. Es wäre gegenüber den Menschen, die einem verbunden sind, und gegenüber der Familie das Falscheste, wenn man liegen bliebe.

Das tönt so locker. Sie waren der beliebteste deutsche Politiker, die Medien handelten Sie bereits als Kanzlerkandidaten - und dann das jähe Ende der Karriere. War das wirklich so einfach?
Natürlich nicht. Aber man muss sich in den Jahren des Erfolgs und der bisweilen irrationalen Übersteigerung oder auch Überschätzung der eigenen Person bewusst machen, dass es jeden Tag zu Ende sein kann. Ich habe das nicht erst nach meinem Abgang festgestellt, sondern schon lange davor, und ich habe das auch immer wieder gesagt. Man muss jeden Tag mit dem Karriereende rechnen.

Haben Sie tatsächlich gedacht, dass ein Absturz kommen könnte?
Gerade dann, wenn die Karriere so absurd schnell verläuft wie bei mir, ist man sich über diese Möglichkeit sehr wohl im Klaren.

Ist Ihre Karriere zu schnell verlaufen?
Offen gestanden: ich weiss es nicht. Mittlerweile bin ich dankbar für die extremen Erfahrungen, die ich gemacht habe - durchaus auch für negative Brüche im Leben, die etwas Gutes bedeuten und einen weiterbringen können.

Was ist die entscheidende Lehre, die Sie gezogen haben?
Für mich persönlich habe ich eine Vielzahl von Lehren gezogen, über die ich aber nicht öffentlich spreche. Sicherlich würde ich während einer politischen Karriere keine Doktorarbeit mehr schreiben (lacht).

Für Ihre politischen Ämter wäre eine Dissertation kaum nötig gewesen. Wie oft haben Sie sich verflucht, überhaupt eine solche angefangen zu haben?
Darüber habe ich viel nachgedacht und in einem Interviewbuch auch Stellung bezogen; ich bitte um Verständnis, wenn ich darauf nicht mehr weiter eingehen möchte.

Offensichtlich streben Sie dereinst wieder eine Karriere in der Öffentlichkeit an - sonst würden Sie kaum auf Veranstaltungen wie dem Alpensymposium auftreten.
Es gibt für mich ein paar Themen, von denen ich glaube, dass man darüber diskutieren sollte. Mich beschäftigen die grossen Fragen der Aussen- und Sicherheitspolitik, mich beschäftigt die Zukunft Europas. Dazu äussere ich mich gern, auch wenn ich im Privatleben stehe. Und es ist sicherlich so, dass ich in einem Alter bin, wo man gerne arbeitet, kreativ ist und seine Ideen entwickelt. Aber der Drang in die Öffentlichkeit ist bei mir heute ausserordentlich begrenzt. Ich habe in den letzten eineinhalb Jahren in deutschen Medien keine einzige Äusserung abgegeben, und daran werde ich auf Dauer auch nichts ändern.

Laut deutschen Medien versucht die CSU, Sie zu einem Comeback zu bewegen.
Ich habe für mich eine sehr klare Lebensentscheidung getroffen, und mein Leben findet momentan nicht in Bayern statt.

Momentan - das ist kein Nein für immer.
Ich bin meinem Heimatland von ganzem Herzen verbunden, und ich bin Europa mit ebensolcher Leidenschaft verbunden. Es wird deswegen mit Sicherheit eine Rückkehr nach Deutschland geben. Aber wann das sein wird, und ob das privat oder in irgendeiner Funktion sein wird, das ist vollkommen unabsehbar. Ich verspüre keinerlei Bedürfnis, mich hier festzulegen.

Dass Parteifreunde um Sie buhlen, ist ja nicht ärgerlich, sondern eher schmeichelhaft.
Jeder Mensch freut sich über positives Feedback. Es wäre fürchterlich eitel und vermessen, das abzustreiten. Aber das ist nicht verbunden mit einer Lebensplanung.

Langfristig schliessen Sie ein Comeback nicht aus?
Ich kann auch nicht ausschliessen, dass in Klosters dereinst Palmen wachsen!

Nun leben Sie in den USA. Als Konservativer hatten Sie wohl keine Freude, dass Präsident Obama wiedergewählt wurde.
Es war schon während meiner aktiven Zeit schwierig, mich politisch in eine Schublade zu stecken. Ich wehre mich auch heute gegen allzu platte Begrifflichkeiten - ein Konservativer, ein Linker, ein Rechter, ein Gemässigter, dieses oder jenes. Jeder hat seinen eigenen Kopf.

In den USA gibt es zwei Parteien, die Teilung ist sehr klar.
Gleichzeitig gibt es ein immens breites Spektrum innerhalb der beiden Parteien. Deshalb finden Sie auch Kräfte bei den Demokraten, die mir sehr nahe stehen, und solche bei den Republikanern, mit denen ich nun wirklich nichts am Hut habe. Der Wahlkampf der Republikaner war nicht von grosser intellektueller Strahlkraft. Deshalb habe ich mich weder besonders gefreut noch war ich besonders traurig über den Wahlausgang. Erstaunt war ich jedoch über das Ausmass der Bewunderung für Obama in Europa. Auch habe ich die mediale Berichterstattung in Europa als sehr einseitig wahrgenommen.

Im US-Wahlkampf war Europa überhaupt kein Thema. Ist das beruhigend oder besorgniserregend?
Man muss sich bewusst sein - und ich glaube nicht, dass das bereits überall begriffen wurde: Das oft romantisch begleitete transatlantische Verhältnis, das wir bis 1989 kannten, hat sich grundlegend verändert. Die USA orientieren sich heute etwa viel stärker über den Pazifik. Auf beiden Seiten des Atlantiks jedoch prägt heute eine neue Generation die Politik: In Europa eine, die weniger Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den USA kennt. Und in den USA eine, die zunehmend einen lateinamerikanischen oder asiatischen Hintergrund und damit zuweilen überhaupt keinen Bezug mehr zu Europa hat.

Sie waren mitten in der Finanzkrise Bundeswirtschaftsminister. Europa schnürt ein Rettungspaket nach dem anderen und kommt doch nicht aus der Krise heraus. Was wäre da zu tun?
Zunächst mit einigen politischen Unzulänglichkeiten aufräumen: Erstens sollte man Europa den Menschen begreiflicher machen. Die Schwierigkeiten Europas werden uns noch Jahre begleiten, und wir werden immer wieder damit zu kämpfen haben, dass Politiker ihre Entscheide nicht an Europa ausrichten, sondern an der Frage, wie sie wiedergewählt werden können. Zweitens sollte uns bewusst sein, dass das Europa der 6 Staaten, dann der 9 und der 12, bis hin zu den 27 Staaten ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten war und ist. Dritter Punkt: Es reicht nicht, immer zu sagen, Europa sei aus den Krisen heraus gewachsen. Wenn ich mir die Uneinigkeit dieser Tage betrachte und das Ausmass dieser Krise, dann erkenne ich nicht, dass wir stärker geworden sind.

In der Schweiz ist die Zustimmung zu einem EU-Beitritt gemäss Umfragen auf ein historisches Tief gefallen. Welchen Weg empfehlen Sie der Schweiz in Europa?
Dass die Schweiz zurzeit keine Lust verspürt auf die EU, kann ich angesichts der derzeitigen Probleme nachvollziehen. Ich habe die Schweiz emotional immer als Teil Europas begriffen. Ich glaube, dass wir künftig einen noch höheren multinationalen Vernetzungsgrad haben werden. Man wird international kaum Erfolg haben, wenn man meint, komplexen Problemen alleine begegnen zu können. In welchen multinationalen Netzen sich die Schweiz bewegen will, das muss sie selbst entscheiden. Allzu viele Netze gibt es ja nicht: Über die EU mit ihren Problemen haben wir gerade gesprochen; UN und Nato haben enorme Schwierigkeiten; die OECD und die WTO sind reformbedürftig.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland sind auf einem Tiefpunkt. Woran liegt das?
Manche Streitigkeiten sind abstrus. Das Verhältnis muss sich wieder verbessern, und wir bringen auf beiden Seiten das Potenzial mit, das auch hinzubekommen.

Steuerstreit, Fluglärmabkommen, Kritik am Finanzplatz: Gibt es in Deutschland einen Anti-Schweiz-Reflex?
Politisch gibt es fraglos Nachholbedarf. Aber generell sehe ich einen solchen Reflex nicht. Insbesondere in der Bevölkerung gibt es nach wie vor sehr grosse Sympathien für die Schweiz.

Als Verteidigungsminister haben Sie auch die Schweizer Armee kennengelernt. Dieses Jahr wird bei uns über die Wehrpflicht abgestimmt. Hat eine Milizarmee überhaupt eine Zukunft?
Die Schweizer Armee arbeitet in einzelnen Fällen auch mit Deutschland zusammen. Sie hat grossartige Fähigkeiten. Es steht aber ausser Frage, dass die Schweizer Milizarmee in Europa eine echte Ausnahme ist. Global ist der Trend hin zur Professionalisierung der Armeen unausweichlich. Das Feld der Bedrohungen wird zunehmend komplexer: Man muss rasch und vernetzt und somit professioneller agieren oder reagieren. In die Schweizer Debatte kann ich mich nicht einmischen. Die Schweiz entscheidet unabhängig, sie ist auch nicht in Bündnisse eingebunden. Somit steht sie vor einer anderen Ausgangslage als andere Armeen.

Sind die Spannungen in den Krisenländern Europas ein Risiko auch für die Sicherheit des Kontinents?
Sie können relevant sein. Solche Entwicklungen gilt es mit einem Höchstmass an Wachsamkeit zu betrachten. Zu glauben, dass man sich in der EU mit einem Handstreich von einem Land trennen kann, hätte Auswirkungen auf die sicherheitspolitische Lage. Unser Kontinent musste über Jahrhunderte Kriegserfahrungen machen. Wir haben das unfassbare Glück, weitgehend kriegsfrei zu sein. Das ist keine Selbstverständlichkeit - und Handlungsauftrag.

Welche Rolle spielen die Medien, die – gerade in Deutschland – die Krise anheizen und etwa von „Pleite-Griechen“ sprechen?
Die Skandalisierung scheint für die Medien reizvoller zu sein als die Erklärung und Beschreibung der Probleme. Doch da muss sich auch die Politik hinterfragen. Je weniger sie in der Lage ist, zu erklären, desto weniger tun dies die Medien. Journalisten wie Politiker haben das gleiche Problem: Die Themen sind so komplex geworden, dass sie kaum mehr zu vermitteln sind.

Der Vorwurf der Skandalisierung wird oft erhoben. Meinen Sie damit auch Ihre eigenen Erfahrungen?
Ich würde das niemals auf die Medien schieben und habe meine Dummheiten selbst zu verantworten. Den Vorwurf höre ich vor allem aus der Bevölkerung und weniger von politisch Verantwortlichen. Damit haben sich die Medien aber schon auseinanderzusetzen. Ob es letztlich zutrifft, ist eine andere Frage. Das Tempo hat auch in der Medienwelt zugenommen, wir befinden uns in einem völlig anderen Wechselspiel von Medien und Politik als vor dreissig Jahren. Ich würde mir eine Entschleunigung wünschen, dass man sich die Zeit nimmt und nicht treiben lässt.

Liessen Sie sich als Minister von den Medien treiben?
Ich hatte mir den Anspruch gesetzt, es nicht zu tun. Rückblickend liess ich mich durchaus immer mal wieder treiben. Sie sind bereits ein Getriebener, wenn Sie sich mit einem komplexen Thema auseinandersetzen und dann der Pressesprecher sagt, in einer halben Stunde müssen wir Stellung nehmen - obwohl man für die Vertiefung noch Stunden bräuchte. Das ist der Alltag. Wenn man sich da nicht als Getriebener sieht, braucht man eine gute Fantasie.

Sie liessen die Medien nahe an sich ran, Ihr Foto mit Soldaten in Afghanistan ging um die Welt…
…das war ein Schnappschuss.

Wie viel Nähe zu den Medien darf sein?
Entscheidend ist, die Familie, insbesondere die Kinder, aussen vor zu lassen. Wir haben die Medien nie ins Haus gelassen. Journalisten und Politiker müssen sich professionell begegnen. Vor Missverständnissen und menschlichen Problemen ist man letztlich nicht gefeit. Und sicherlich gehört zum politischen Geschäft eine gewisse Inszenierung. Hier wird auf beiden Seiten kokettiert.

Kann man süchtig nach Aufmerksamkeit werden?
Wäre es eine Sucht, würde mir heute etwas fehlen. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil. Auch meine Familie ist dankbar, dass wir heute weitgehend in Ruhe gelassen werden.

Anzeige