Waren es weniger abgewiesene Juden?

Von Othmar von Matt


Samstag, 09. Februar 2013 23:10

Flüchtlinge aus dem Elsass an der Schweizer Grenze in Basel, aufgenommen im November 1944. Foto: Keystone


Er war weltweit bekannter Nazi-Jäger. Heute recherchiert Serge Klarsfeld das Schicksal der französischen Juden und die Rolle der Schweiz. Die Zahl abgewiesener Juden müsse massiv nach unten korrigiert werden, sagt er heute.

Don Klaus, wie er in La Paz ehrfürchtig genannt wurde, genoss den Schutz der politischen Kaste. 1951 emigrierte Klaus Barbie, bekannt als Nazi-Schlächter von Lyon, mithilfe der USA über die Rattenlinie nach Bolivien. Er wurde bolivianischer Staatsbürger und arbeitete für das Innenministerium als Ausbilder und Berater der Sicherheitskräfte von Diktator Hugo Banzer Suárez. Er half mit bei der Partisanenabwehr und führte seine Gastgeber ins Handwerk des Folterns ein.

Dreimal war Barbie, von 1942 bis 1944 Kommandant der Gestapo in Lyon, in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden: 1947, 1952 und 1954. Doch niemand schien Klaus Barbie alias Klaus Altmann etwas anhaben zu können. Bis Serge und Beate Klarsfeld kamen.

Die beiden profilierten Nazi-Jäger begannen in den 1970er-Jahren, die Spur Barbies zu verfolgen. Bolivien lieferte ihn aber erst 1983 an Frankreich aus, zwölf Jahre nach seiner Entdeckung. Am 4. Juli 1987 wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Barbie wurde für die Deportation von 842 Menschen verantwortlich gemacht.

Die Verhaftung Barbies machte Serge Klarsfeld, französischer Jude, und seine Frau Beate, deutsche Protestantin, auf einen Schlag weltberühmt.

77 Jahre alt ist Serge Klarsfeld heute. Nazi-Schergen jagt er keine mehr. Seine Hartnäckigkeit hat er aber nicht verloren. Mit derselben Zähigkeit, mit der er Barbie aufspürte, recherchiert er seit Jahrzehnten das Schicksal der französischen Juden. Er ist Autor des Standardwerks «Vichy – Auschwitz» zur Judenverfolgung in Frankreich. In diesem Zusammenhang treibt ihn seit Jahrzehnten auch die Frage um, welche Rolle die Schweiz in dieser Zeit gespielt hat.

Dass Bilder erstickter Juden an der Ostfront vom Mai 1942 in der Schweiz eine neue Holocaust-Diskussion entfacht haben, ist ihm nicht entgangen. Deshalb will sich Klarsfeld zusammen mit der Genfer Historikerin Ruth Fivaz-Silbermann erneut in der Schweiz zu Wort melden. «Seit 1999 sind wir mit unseren Forschungen weitergekommen», sagt Klarsfeld gegenüber dem «Sonntag». «Wir können heute die Zahl der Juden, welche die Schweiz abgewiesen hat, nach unten korrigieren: von 5000 auf rund 3000.» In den nächsten Wochen würden er und Fivaz deshalb in Genf die neuen Zwischenergebnisse ihrer Forschung präsentieren.

Seine Korrektur nach unten leitete er aus neuen Erkenntnissen vor allem aus Italien, aber auch aus Deutschland ab. Die meisten jüdischen Flüchtlinge hätten via Frankreich in die Schweiz einzureisen versucht. «Maximal 1500 Juden wurden nach Frankreich zurückgewiesen», sagt er. An der Tessiner Grenze seien 300 Juden abgewiesen worden. Dies habe er in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum für jüdische Zeitgeschichte in Mailand eruiert. Er kenne sogar die Namen der 300 Personen. Bleiben noch 1200 Juden, die wohl nach Deutschland oder Österreich zurückgewiesen wurden.

Damit lanciert Klarsfeld die Diskussion um die Zahl abgewiesener Flüchtlinge neu, nachdem sie schon 1999 aufgeflammt war. Schon damals hatte er im Rahmen einer Pressekonferenz die Resultate des Flüchtlingsberichts der Bergier-Kommission angezweifelt. Diese schrieb im 1999 publizierten Flüchtlingsbericht von 24 398 Abweisungen an der Schweizer Grenze. Diese Zahl sei viel zu hoch, betonte Klarsfeld damals. Er sprach von «weniger als 5000 Juden», die abgewiesen worden seien.

«Die umfangreichen Recherchen der letzten Jahre haben gezeigt, dass für die Kriegszeit knapp 24 500 Rückweisungen an der Grenze statistisch belegt sind», heisst es im Schlussbericht der Bergier-Kommission von 2002. Diese Zahlen seien aber «ziemlich unklar», sagt Jacques Picard heute, als Mitglied der Bergier-Kommission massgeblich für den Flüchtlingsbericht zuständig und Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Uni Basel. Man könne sie weit nach unten oder auch weit nach oben korrigieren: «Der Streubereich liegt zwischen 3000 und 35 000 weggewiesenen Flüchtlingen.» Denn bei den Wegweisungs-Zahlen gehe es um «Fälle», was «nicht identisch ist mit weggewiesenen Personen».

Die Zahl im Bergier-Bericht stützt sich auf eine Berechnung des Bundesarchivs von 1996, die auf nur teilweise überlieferten Akten beruht. «Wir hatten 1995 eine Anfrage der Gedenkstätte Yad Vaschem in Israel erhalten, die Namen abgewiesener Flüchtlinge zu eruieren», sagt Guido Koller. «Um diese Schicksale zu dokumentieren.» Daraus entstand Kollers Dokumentation «Entscheidungen über Leben und Tod. Die behördliche Praxis in der schweizerischen Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges» in Band 22 von «Studien und Quellen» (1996).

Darin zeigt Koller auf, dass für weggewiesene Flüchtlinge drei Zahlen existieren: die namentlich registrierten weggewiesenen Einzelpersonen (10 000), Wegweisungen aufgrund anonymer Meldungen der Grenzorgane (24 000) und abgelehnte Einreisegesuche von Schutzsuchenden auf Schweizer Botschaften im Ausland (14 500). «Das Bundesarchiv ging in den 1990er-Jahren von 30 000 abgewiesenen Schutzsuchenden aus», sagt Koller. Die Bergier-Kommission hingegen berief sich auf «eine statistische Erfassung der direkt an der Grenze Zurückgewiesenen», so Koller. Sie kam damit auf die Zahl von 24 500. In beiden Fällen ist unklar, wie viele Juden enthalten sind. Picard: «Das weiss man nicht.»

Schon 1999, nach der Veröffentlichung des Flüchtlingsberichts, gab es einen Zahlenstreit. Nicht nur Klarsfeld meldete sich. Der Lausanner Ökonomieprofessor Jean-Christian Lambelet kritisierte, dass die Bergier-Kommission Mehrfachzählungen an der Grenze nicht berücksichtigt habe, und korrigierte die Bergier-Zahlen zurück auf rund 8000 zurückgewiesene Flüchtlinge. Und eine 2000 erschienene Untersuchung des Staatsarchivs Genf kam unter der Leitung von Catherine Santschi zum Schluss, die Schweiz habe «nur» 3420 Flüchtlinge abgewiesen.

Dass Klarsfeld die Zahlen-Diskussion neu lanciert, überrascht Jacques Picard nur bedingt. «Seit den 1990er-Jahren gibt es neue Zugänge zu Archiven und aufgearbeiteten Akten», sagt er. «Zum Beispiel in ehemaligen Konzentrationslagern, Museen und in lokalen Archiven.» Die Frage, wie viele Flüchtlinge die Schweiz tatsächlich weggewiesen hat, habe die Geschichtsschreibung tatsächlich «noch nicht beantwortet».

Serge Klarsfeld hingegen übt harte Kritik an der Bergier-Kommission. «Sie untersuchte diese Frage nicht einmal, sondern übernahm einfach die bestehenden Zahlen aus dem Bundesarchiv», sagt er. «Sie forschte, wo die Vermögen geblieben sind, statt dass sie Leben und Tod der Menschen untersuchte. Im Tod von Menschen besteht aber die Tragödie.»

Für ihn ist klar: «Die Schweiz sollte eine neue Kommission ins Leben rufen, welche die Frage der Rückweisungen an der Grenze und der Akzeptanz der Juden in der Schweiz untersucht», sagt er. «Es geht darum, wie viele Juden in die Schweiz flüchten konnten, wie viele abgewiesen wurden – und was mit ihnen geschehen ist.» Klarsfeld: «Es geht um das Image der Schweiz in der Welt. Und das ist wichtig für die Schweiz.»

Den Vorwurf, die Bergier-Kommission habe schlecht gearbeitet, weist Jacques Picard zurück. «Sie konnte sich diese Recherche von der Methodik, den Ressourcen und der Archivtiefe her nicht leisten.» Die Arbeit von Serge Klarsfeld sei deshalb verdienstvoll. Picard: «Wenn er die Zahlen herunterkorrigieren kann: umso besser.»

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