Einbrüche: Schweiz ist Europameister

Von Fabienne Riklin


Samstag, 30. März 2013 23:15


Die Schweiz ist für Einbrecherbanden ein beliebtes Ziel. Werden sie erwischt, passiert meist wenig. Der Chef der Kriminalkommission fordert nun härtere Strafen.

Alle acht Minuten steigen irgendwo in der Schweiz Einbrecher in eine Wohnung oder ein Haus ein. Recherchen zeigen: Auf 100 000 Einwohner kommen pro Jahr 932 Einbrüche. Damit ist die Schweiz für Banden und Diebe Zielland Nummer eins in Europa – dicht gefolgt von Dänemark mit 805 Einbrüchen. Ganz anders sieht es dagegen bei den Nachbarländern aus. Zwar steigt auch in Deutschland die Zahl der Einbrüche, doch auf 100 000 Einwohner kommen dort lediglich 148 Einbrüche. In Österreich sind es 187.

«Gerade für internationale Banden ist die Schweiz ein attraktives Ziel – es gibt einiges zu holen, und wird man erwischt, passiert wenig», sagt Martin Killias, Kriminologe der Universität Zürich.
Auffällig ist: Vergangenes Jahr verzeigte die Polizei wegen Einbrüchen deutlich mehr Personen aus der nichtständigen Wohnbevölkerung, also illegal Anwesende, Grenzgänger oder Touristen. Häufig handelte es sich dabei um organisierte Banden aus Rumänien und Frankreich. «Es scheint ganz so, als kämen mehr als in anderen Ländern Personen mit kriminellen Absichten als Asylbewerber oder illegal in die Schweiz», sagt Killias.

73 714 Einbrüche meldeten bestohlene Bürger vergangenes Jahr der Polizei – rund 16 Prozent mehr als 2011. Darunter fallen 61 128 Einbruch- und 12 586 Einschleichdiebstähle. Die bevorzugten Zielobjekte der Diebe: Mehrfamilienhäuser. 21 594-mal stiegen die Täter dort ein. Einfamilienhäuser sind die zweitbeliebtesten Ziele (14 207).
Für Kriminologe Killias ist klar: «Die Schweiz hat ein Strafrechtproblem. Es werden zu viele bedingte Strafen ausgesprochen.» In keinem europäischen Land komme man so selten ins Gefängnis wie in der Schweiz.

Handlungsbedarf sieht der Präsident der Schweizerischen Kriminalkommission (SKK) und Kommandant der Kantonspolizei Bern, Stefan Blättler, auch beim Strafrecht: «Es braucht eine Veränderung – härtere Strafen.» Das hiesige Rechte würde Menschen, die selber nichts haben, nicht abschrecken. «Für sogenannte Kriminaltouristen ist die Schweiz ein Honigtopf», sagt Blättler.

Als Lösung schlägt der Kriminalkommissions-Chef die Wiedereinführung von kurzen Freiheitsstrafen und neue Haftgründe vor, die im Strafrecht verankert werden sollen. «Besteht bei einer Person der Verdacht auf bandenmässige Delikte, sollte es möglich sein, ihn länger festzuhalten. Heute reicht die Zeit meist nur, um einen einzelnen Einbruch nachzuweisen.» Die Ergebnisse der Analysen würden oft erst Tage oder Wochen später folgen. «Die Leute sind dann aber über alle Berge, oder – noch schlimmer – führen ihre kriminelle Tätigkeit weiter», sagt Blättler.

Wie schwer die Banden zu fassen sind, zeigt die Aufklärungsrate: Vergangenes Jahr gingen den Schweizer Kantonspolizeien lediglich rund 12 Prozent der Einbrecher ins Netz. Umso leichter ist dagegen das Einsteigen in Schweizer Ein- und Mehrfamilienhäuser. Meist dauert es weniger als 30 Sekunden, und die Diebe sind drin.

Statistiken zeigen: Die eine Hälfte der Einbrecher dringt – sowohl zur Tages- als auch zur Nachtzeit – frech durch Haus- und Kellertüren ein, die andere benützt Fenster, Balkon- und Terrassentüren. Als Werkzeuge genügen Geissfuss, Schraubenzieher und Hammer – manchmal kommt auch ein Akkubohrer zum Einsatz.

Die wachsende Kriminalität spiegelt sich auch bei den Versicherungen wider: Die Schadensmeldungen stiegen vergangenes Jahr bis zu 30 Prozent. Offen ist, ob sich die gestiegenen Schäden auf die Prämien auswirken. Für den Kriminologen der Universität Zürich, Martin Killias, ist klar: «Die Schweiz muss sich vom Mythos, sie sei das sicherste Land der Welt, verabschieden.»

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