Demenz und Burnout: Kranke sollen zur Pflege nach Thailand

Von Beat Kraushaar


Samstag, 11. Mai 2013 23:30

So idyllisch präsentiert der Betreiber sein Resort (Modell). Foto: HO


Schweizer Alzheimer-Patienten verbringen ihren Lebensabend in Thailand – und bald sollen auch Burnout-Opfer und Süchtige dort behandelt werden. Bereits zeigen erste Kantone und Gemeinden Interesse. Auch Altersheime im Ausland sollen gefördert werden.

Am Stammtisch im Restaurant Rössli wird gejasst. Am Tisch nebenan bestellt ein Gast Bratwurst mit Rösti. Nur der Blick aus dem Fenster auf die Palmen verrät: Das «Rössli» ist keine Beiz in der Schweiz, sondern befindet sich im thailändischen Chiang Mai. So stellen sich die Betreiber ihr Demenz-Resort «Vivo bene» vor, das im Februar 2014 seine Pforten öffnen wird.

Es ist ein Grossprojekt: in sechs Wohneinheiten mit eigenen Häusern. Platz hat es für rund 50 Demenz-Kranke und noch einmal so viel für deren Ehepartner. Das Resort umfasst einen 36 000 Quadratmeter grossen Park. «Unsere Bewohner geniessen eine 24-Stunden-Betreuung und eine Atmosphäre nach Schweizer Art, mit eigener Bäckerei», sagt Projektleiter Bernhard Rutz.

Finanziert wird das Grossprojekt von einer Investorengruppe um den Baselbieter Vermögensverwalter Roger Holzer. «Wir haben viel Zeit und Geld für das Konzept investiert und dabei festgestellt, dass das Bedürfnis für solche Einrichtungen riesig ist», sagt Holzer.

Für ihn ist «Vivo bene» erst der Anfang. «Wir sind bereits daran, weitere Standorte zu evaluieren. Neben dem Angebot für Alzheimer-Patienten sehen unsere Investoren bereits weitere Spezialgebiete vor. So unter anderem für Burnout-Patienten und Suchtkranke», sagt Holzer. Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen sei unerschöpflich, sagte der Investor in der TV-Sendung «10 vor 10». Für das Konzept interessieren sich nach Holzers Angaben bereits Investoren aus Südkorea und Taiwan.

In der Schweiz leben mehr als hunderttausend Menschen mit Demenz. Fachleute schätzen, dass sich diese Zahl bis 2050 verdreifacht. Eine Studie rechnet zudem damit, dass der Bedarf an Pflegebetten in den nächsten 15 Jahren um 100 000 zunimmt. Dem gegenüber steht ein Schweizer Betreuungsnetz, das schon heute an seine personellen und finanziellen Kapazitätsgrenzen stösst.

Experten gehen davon aus, dass vermehrt alte Menschen aus der Schweiz in Zukunft im Ausland betreut und gepflegt werden. Dies gilt nicht nur für Demenzkranke, sondern auch für Senioren. Bereits wirbt die Schweizer Firma Novacorpus mit einem Altersheim in Kroatien. Und in Spanien bietet eine englische Altersheimkette Plätze für Senioren an – auch für Schweizer.

Dement im Ferienparadies: Dahinter stecken auch handfeste finanzielle Überlegungen. Vermögensverwalter Holzer streitet dies auch gar nicht ab. «Wir rechnen mit einer Rendite im Bereich von 5 Prozent».

Interessant ist das Angebot auch für die Kostenträger in der Schweiz. «Mit zwei Kantonen führen wir bereits Gespräche, die unser Resort offiziell als Variante anbieten möchten», sagt Holzer. Und sein Projektleiter Rutz fügt an: «Eine Gemeinde wollte gleich ein ganzes Haus reservieren».

Die Gründe für das Interesse der Kantone und Gemeinden sind Einsparungen. In Thailand kostet der Aufenthalt für Demenzkranke rund 5800 Franken pro Monat. Dies ist nur halb so viel wie in der Schweiz. «Unser attraktives Angebot richtet sich an die Mittel- bis Oberschicht. Wenn der Ehepartner mit dabei ist, belaufen sich die Kosten auf 7300 Franken. Dieser Betrag kann normalerweise mit der Pensionskasse und der AHV gedeckt werden», sagt Rutz. Dafür bekommen die Bewohner eine Unterkunft nach Richtlinien für ein demenzgerechtes Heim – ausgebaut als luxuriöses Ferienressort.

Für finanzschwache Gemeinden, die sich bei Bedarf an den Pflegekosten beteiligen müssen, fallen damit keine Kosten an. Deshalb sind solche Angebote für sie durchaus attraktiv. Bei Heimen, die in einem EU oder Efta-Land liegen, zahlt zudem die Krankenkasse eine Kostenbeteiligung. Das lohnt sich für die Kassen, da sich diese nach dem Leistungskatalog des jeweiligen Landes richtet.

Albert Wettstein, ehemaliger Stadtarzt von Zürich und ausgewiesener Demenz-Experte: «Der Kostenaspekt ist ein wichtiges Thema. Was man an individueller Betreuung und Pflege in Thailand bekommt, kann man sich mit einem normalen Einkommen in der Schweiz unmöglich leisten.». Dazu verliert das Ehepaar nicht sein erspartes Geld, das es in der Schweiz an die Pflegekosten beisteuern muss.

Wettstein ist ein Befürworter von Resorts wie demjenigen in Thailand. Allerdings mit gewissen Einschränkungen: «Menschen, die schon Ferien in Thailand machten und auch sonst viel gereist sind, habe ich bei einer Demenzerkrankung auch schon empfohlen, dorthin zu gehen», sagt Wettstein. Wenn eine demente Person ihre eigene Wohnung nicht mehr erkenne, spiele es laut dem Mediziner auch keine Rolle mehr, wenn sie nach Thailand gehe und dort eine 24-Stunden-Betreuung erhalte.

Wettstein schlägt eine einfache Lösung vor, um der Gefahr vor Abschiebung aus Kostengründen einen Riegel vorzuschieben. «Jeder und jede kann in seiner Patientenverfügung festhalten, ob er im Falle einer Demenzerkrankung in der Schweiz oder lieber in Thailand betreut werden möchte.»

Ginge es nach dem Fachmann, sollte man in der Schweiz ein noch weitergehendes Konzept umsetzen. «Ich kann mir solche Resorts auch in anderen Ländern wie etwa am Roten Meer in Ägypten oder auf den Kanarischen Inseln vorstellen. Dann wäre die Anreise für Angehörige nicht so weit.» Gleichzeitig sollte die Schweiz laut Wettstein in Ländern wie Portugal und Spanien Pflegeschulen aufbauen. «Damit könnte man den personellen Pfleger-Engpass in der Schweiz beheben und der Jugend in diesen Ländern mit hoher Arbeitslosenquote eine Ausbildung und berufliche Zukunft bieten.» Als drittes Element sollte die Prävention ausgebaut werden. «Damit könne man innert einer Generation die Demenzerkrankungen halbieren», sagt Wettstein.

Skeptisch zeigt sich die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, Mitglied der nationalrätlichen Gesundheitskommission, Demenzkranke im Ausland zu betreuen. Sie findet ein Abschieben von pflegebedürftigen Menschen, sei es bei Alzheimer oder einer anderen Krankheit in ein Billiglohnland wie Thailand für ein reiches Land wie die Schweiz «nicht akzeptabel». Humbel: «Dazu ist es gegenüber den betroffenen Menschen unwürdig.»

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