Die ersten Gletscher wachsen wieder

Von Fabienne Riklin


Samstag, 28. September 2013 23:30

«Es sieht so aus, dass der Findelgletscher an Masse gewonnen hat», sagt Glaziologe Matthias Huss. Foto: Keystone


Für die Schweizer Alpen war 2013 ein guter Sommer. Die Gletscher haben so wenig Masse verloren, wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Stolz präsentiert sich dieser Tage der Findelgletscher hoch über Zermatt VS. Die fast acht Kilometer lange weisse Zunge strahlt hell in der Herbstsonne. «Es ist so wenig Eis abgeschmolzen wie schon seit längerer Zeit nicht mehr. Es sieht sogar danach aus, dass er leicht an Masse gewonnen hat», sagt der Glaziologe Matthias Huss von der Universität Freiburg (siehe Grafik). Zurückzuführen sei diese positive Einwicklung auf den schneereichen und langen Winter. «Und obwohl der Juli und August sehr heiss waren, vermochte die dicke Schneeschicht das Eis zu schützen.»

In den vergangenen Sommern hatten die Gletscher in der Schweiz im Durchschnitt einen Meter an Dicke verloren. Besonders verhängnisvoll waren die Jahre 2011, 2006 und 2003, in denen der Dicken-Verlust teilweise zwei bis drei Meter betrug. Damals gab es im Winter wenig Schnee und im Frühling war es bereits sehr früh warm.

Die Folgen spürte auch der Schweizer Alpen-Club (SAC). Es entstanden an Orten Seen, wo vorher Gletscherpfade waren, und wo Eis war, kam Fels zum Vorschein. «Wir mussten die Zustiege für unsere Hütten anpassen», sagt Ulrich Delang, Bereichsleiter Hütten beim SAC. Rund 30 Hüttenzustiege sind vom Gletscherschwund betroffen.

Um Volumenänderungen der Gletscher zu messen, bohren die Forscher Stangen ins Eis. Im Frühling und Herbst messen sie dann, wie viel die Stangen aus dem Eis ragen. So können sie das Volumen des Zuwachses oder der Schmelze berechnen.

Diese Woche haben Glaziologe Matthias Huss und sein Team die Messungen am Findelgletscher VS, Pizolgletscher SG, Sankt Annafirn UR und Vadret dal Corvatsch GR sowie dem Glacier du Tsanfleuron VS und dem Glacier de la Plaine Morte BE abgeschlossen. Die Daten sind noch nicht vollständig ausgewertet, aber es zeigt sich, dass die Ausaperung langsamer vorangeschritten ist als in früheren Jahren. So hat beispielsweise der Pizolgletscher lediglich rund 50 Zentimeter an Dicke verloren. «Generell büssten die Gletscher so wenig an Masse ein, wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr», sagt Huss.

Das zeigen auch Messungen des Gletscherforschers Andreas Bauder von der ETH Zürich. «Es gibt Anzeichen für eine positive Bilanz vor allem im Nordtessin und im südlichen Wallis», sagt Bauder. Folgende Gletscher hat er untersucht: Silvrettagletscher GR, Rhonegletscher VS, Giétro VS, Glacier de Corbassière VS und Allalingletscher VS sowie den Basodino TI.

Von einer Entspannung der Situation zu sprechen sei aber zu früh, sagt Bauder. «Es gab immer wieder Jahre, in welchen einzelne Gletscher sich positiv entwickelten. Damit der allgemeine Schwundtrend abnimmt, braucht es mehrere günstige Jahre hintereinander.»

Hinzu kommt: In den letzten hundert Jahren hat sich in den meisten Gebieten der Alpen die Jahresmitteltemperatur um rund ein Grad erwärmt. Und auch wenn diese Woche der Welt-Klimarat vermeldete, dass die globalen Temperaturen seit 15 Jahren nicht mehr gestiegen sind, wirkt sich das nicht direkt auf die Schweizer Gletscher aus. «Grosse Gletscher reagieren bis zu 50 Jahren verzögert», sagt Bauder. Und in der Schweiz waren die vergangenen rund 20 Jahre die wärmsten seit Messbeginn.

Trotzdem zeigen die neusten Untersuchungen: Gletscher können auch heute noch wachsen. «Wir haben daran gezweifelt, ob das überhaupt noch möglich ist. Jetzt wissen wir: Es ist möglich», sagt der Gletscherforscher Bauder.

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