Frauen-Aufstand gegen SRG

Von Christof Moser, Alan Cassidy und Florence Vuichard


Samstag, 12. Oktober 2013 23:30

Sechs Männer, keine einzige Frau: So wirbt die SRG für den Themenmonat «Die Schweizer».


Blutige Schlachten und mutige Männer: So präsentiert die SRG in aufwendigen TV-Filmen die Schweizer Geschichte. Frauen? Spielen keine Rolle. Dafür muss SRG-Generaldirektor Roger de Weck heftige Kritik einstecken.

Die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri traut ihren Augen kaum, als sie Mitte September eine Einladung von Roger de Weck an die «exklusive Vorpremiere» der fiktional-dokumentarischen Fernsehfilmreihe «Die Schweizer» aus der Mailbox fischt. Es sei ihm «ein Vergnügen», die Mitglieder der Bundesversammlung am 18. September in das Berner Kino Cine Movie einzuladen, schreibt de Weck in seinem E-Mail – und verspricht nicht weniger als die Klärung der Frage: «Wie die Schweizerinnen und Schweizer wurden, was sie sind».

Doch was der SRG-Generaldirektor den Parlamentsmitgliedern in schönen Worten anpreist, sorgt inzwischen nicht nur bei SP-Frauenpräsidentin Yvonne Feri für Kopfschütteln: «Vier spektakuläre, spannende Filme über prägende Figuren an Wendepunkten der Schweizer Geschichte» – allesamt Männer.

Die Geschichte der Schweiz – eine Geschichte ohne Frauen? Rütlischwörer Werner Stauffacher, Einsiedler Niklaus von der Flüe, Schlachtenführer Hans Waldmann, Rotes-Kreuz-Gründer Gillaume-Henri Dufour, Wirtschaftsmagnat Alfred Escher und ETH-Gründer Stefano Franscini sind die Hauptfiguren der vier aufwendig produzierten, abendfüllenden Filme, die den Themenschwerpunkt «Die Schweizer» krönen sollen, mit dem die SRG ab 3. November auf allen öffentlich-rechtlichen Radio-, TV- und Internetkanälen die Schweizer Geschichte zum Thema macht – und die Frauen brüskiert. Statt Begeisterungsstürme erntet Roger de Weck für das SRG-Prestigeprojekt einen Sturm der Entrüstung.

«Es ist unfassbar, dass wir im Jahr 2013 – nach all unseren Bemühungen und nach einer Frauenmehrheit im Bundesrat – noch immer gegen ein einseitiges Geschichtsbild kämpfen müssen, in dem Frauen keine oder nur eine marginale Rolle spielen», kritisiert die frühere CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Judith Stamm, die als erste Politikerin ihrem Ärger über die SRG in einer Kolumne auf «Seniorweb» öffentlich Luft verschaffte. «Wir haben genug Frauen in unserer Geschichte, die eindrucksvolle Spuren hinterlassen haben. Bei der SRG pflegt man offensichtlich ein total verstaubtes Geschichtsbild», so Stamm zur «Schweiz am Sonntag».

Sukkurs erhält Stamm von der amtierenden Nationalratspräsidentin Maya Graf (Grüne): «Meine erste Reaktion war: Unglaublich! Es kann doch nicht sein, dass in der heutigen Zeit diese Sensibilität noch immer fehlt. Schon der Titel macht klar, dass die Frauen mit dieser Serie nicht angesprochen sind.» Dabei gäbe es laut Graf «viele spannende Frauen», auf die man vertieft hätte eingehen können: «Zum Beispiel Gertrud Stauffacher, von der eine Statue im Nationalratssaal steht.»

«Nur noch zum Weinen» findet die Auswahl der TV-Geschichtshelden die ehemalige CVP-Nationalratspräsidetin Chiara Simoneschi-Cortesi: «Wenn man so etwas sieht, fragt man sich, ob 30 Jahre Gleichstellungspolitik für nichts waren. Die SRG hat die politische Pflicht, die Bestimmungen der Verfassung umzusetzen – und dazu gehört die Gleichstellung von Mann und Frau.»

Auch Liliane Maury Pasquier (SP), Nationalratspräsidentin im Jahr 2001, «kann die Auswahl der Protagonisten nicht verstehen». Die frühere CVP-Nationalrätin Thérèse Meyer-Kaelin, die 2005 den Nationalrat präsidierte, sagt: «Die Geschichte unseres Landes wurde von Männern und Frauen geschrieben. Es gibt viele Frauen, die es verdient hätten, ins Rampenlicht gestellt zu werden.»

CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann hat SRG-Generaldirektor Roger de Weck und Verwaltungsratspräsident Raymond Loretan in einem E-Mail geschrieben, sie freue sich auf einen Themenmonat «Wir Schweizerinnen», den die SRG sicher bald nachliefern wird – und hat bis heute nichts gehört. Anders SP-Nationalrätin Yvonne Feri, die in der Herbstsession im Namen der SP Frauen einen Brief an de Weck lancierte, den 30 SP-Parlamentarierinnen und -Parlamentarier unterzeichnet haben, um gegen die «zu einfache und zu bequeme Auswahl» der Protagonisten für das SRG-Projekt zu protestieren.

Noch während der Session kam es zur Aussprache mit de Weck. Gebracht hat es wenig: «Es hiess, man habe die Frauen, die die Schweizer Geschichte im Hintergrund prägten, nicht in den Vordergrund rücken können, weil man damit das Publikum nicht abholen könne.»

SRG-Generaldirektor Roger de Weck war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, weil ferienabwesend. SRG-Sprecher Iso Rechsteiner verweist an das Rahmenprogramm rund um die TV-Geschichtsfilme. So rücke zum Beispiel die «Sternstunde»-Reihe am Sonntagmorgen historisch bedeutsame Schweizerinnen ins Zentrum. Für SP-Ständerätin Pascale Bruderer bleibt die Männerauswahl des SRG-Projekts trotzdem «eine verpasste Chance»: «Das Plakat mit den sechs historischen Männerfiguren sagt genug.»

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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