Behrings Komplize wusste nichts

Von Christian Mensch


Samstag, 13. Dezember 2014 23:30

Die Bundesanwaltschaft konzentriert sich auf einen Haupttäter: Dieter Behring soll alle Fäden im Betrugsfall in den Händen gehalten haben. Foto: Keystone


Zehn Jahre versuchte die Bundesanwaltschaft, Peter Weibel Betrug nachzuweisen. Nun soll das Gegenteil wahr sein.

Der Strafverteidiger hätte es nicht eindringlicher formulieren können: Der ehemalige Basler Wirtschaftsanwalt Peter Weibel (66), die Nummer zwei im mutmasslich betrügerischen Anlagesystem von Dieter Behring, hat nichts gewusst und konnte nicht wissen, weshalb sich Hunderte von Millionen Franken, Gelder von Hunderten von Anlegern, in Luft aufgelöst haben. Dies erklärt die Bundesanwaltschaft in einer 48-seitigen Einstellungsverfügung, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegt. Da kein Wissen und entsprechend auch kein Vorsatz vorliege, werden sämtliche Ermittlungen gegen Weibel wegen Betrug und schwerer Form von Geldwäscherei eingestellt – nachdem die Bundesanwaltschaft zehn Jahre lang versucht hat, Weibel wegen dieser Delikte vor das Bundesstrafgericht in Bellinzona zu bringen.

Vor zehn Jahren kam der «Fall Behring» nach kritischen Medienberichten ins Rollen. Basel war der wichtigste Schauplatz des wahrscheinlich grössten Betrugsfalls in der Schweizer Kriminalgeschichte. Zahlreiche geprellte Anleger wohnen in der Region und warten zumindest auf einen Teil ihres Geldes.

Weibel und Behring waren ein langjähriges Gespann. Gemäss einem Polizeibericht der Bundeskriminalpolizei haben sie sich 1993 in Genf kennen gelernt. Weibel, der zuvor schon knapp an zwei Skandalen vorbeigeschlittert war, arbeitete damals in Genf bei der Geo Bank, da habe ihm Behring gefälschte Bankwechsel der Banco de la Nacion Argentina zum Verkauf angeboten. Es kam zu einem Strafverfahren, aber zu keiner Verurteilung: Das Genfer Gericht konnte ihnen keinen Vorsatz nachweisen.

Kurze Zeit später war Weibel an Behrings Seite, als dieser in Basel mit seinem Börsenhandelssystem wunderbare Renditen versprach und im Kleinen begann, Anleger zu gewinnen. Für fantastische Projekte war Weibel stets zu haben, sei es für ein mirakulöses, senkrecht startendes Flugzeugprojekt, in das er Millionen investierte, sei es für eine Wundernähmaschine, deren Entwicklung im Konkurs endete. So wollte Weibel in Behring auch einen «begnadeten Softwareentwickler erkannt haben», wie er der Polizei zu Protokoll gab.

Die Bundeskriminalpolizei meint zwar in ihrem Ermittlungsbericht von 2009, dass Weibel aufgrund seiner Ausbildung als Jurist und Master of Business Administration hätte auffallen müssen, dass die Zahlen, die ihm Behring präsentierte, nicht plausibel sein konnten. Doch Weibel wollte nichts wissen und gab dazu im Verhör auch die Erklärung: «Behring gab mir die Gelegenheit, zu kontrollieren. Gerade deshalb habe ich nicht kontrolliert. Wenn ich kontrolliert hätte, hätte ich sein Vertrauen missbraucht.»

Erleichtert wurde ihm sein grenzenloses Vertrauen durch beinahe grenzenlose Gewinnaussichten: Weibel erhielt von Behring über Jahre eine Gesamtprovision von 48 Prozent pro Jahr auf das investierte Kapital. Insgesamt flossen damit Weibel nach Berechnungen der Bundesanwaltschaft gut 52 Millionen Franken zu. Auch wenn er davon Zinszahlungen an Kunden sowie Provisionen an Untervermittler abgeben musste, verblieben ihm stolze Einkünfte.

Das Rad drehte über Jahre. Ein Ende war nicht abzusehen und Weibel drehte kräftig mit. Er wollte eine internationale Vertriebsorganisation aufbauen und damit eine Milliarde Franken in das System einfliessen lassen. Er investierte eigenes Geld, das seiner Frau, seiner Söhne und seines Vaters – was ihm die Bundesanwaltschaft nun zu seinen Gunsten auslegt: Es sei dies ein gewichtiges Indiz, dass Weibel überzeugt gewesen sei, dass Behring tatsächlich mit seinem Börsensystem Geld verdiente, schreibt sie in der Einstellungsverfügung. Denn: «Die Inkaufnahme einer Selbstschädigung im dargestellten Umfang ist auszuschliessen.» Die Bundesanwaltschaft äussert viel Verständnis für Weibels nun festgestellte Unwissenheit. Denn das von Behring präsentierte System vermöge «auf den ersten Blick durchaus zu überzeugen» und lasse «Warnsignale (. . .) in den Hintergrund treten».

Nicht nur Weibel wird durch eine Einstellungsverfügung der Bundesanwaltschaft vom Betrugsvorwurf entlastet. Alle Beschuldigten erhielten in dieser Woche ähnliche Entlastungsschreiben – ausser Behring selbst. Denn dieser soll nach Lesart der Bundesanwaltschaft nun allein für den Betrug verantwortlich sein. Für Anwälte ist die Kehrtwende ein prozesstechnisch begründeter Akt der Verzweiflung der obersten Strafverfolgungsbehörde, um das Verfahren vor der totalen Verjährung überhaupt vor Gericht bringen zu können.

Eine Hintertür, um Weibel doch noch zur Verantwortung zu ziehen, hat sich die Bundesanwaltschaft allerdings offengelassen. Kurz vor der Einstellung der Betrugsermittlung hat sie gegen ihn ein neues Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, einer vergleichsweisen Bagatelle, eröffnet: Er habe seinen Kunden verschwiegen, dass er von Behring selbst Provisionen von bis zu 48 Prozent pro Jahr erhalten habe. Aber wie konnte Weibel nur wissen, dass dies vielleicht ein Problem ist?

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