Die Ganser-Verschwörung

Andreas Maurer

Andreas Maurer ist Redaktor bei der «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 14. Februar 2015 23:29

Wanderprediger im Internet: Der Baselbieter Historiker Daniele Ganser hat auf alternativen Youtube-Kanälen ein neues Publikum gefunden. Foto: Montage/Rebekka Heeb


Der Rektor der Universität Basel distanziert sich von seinem einstigen Mitarbeiter Daniele Ganser. Dennoch darf dieser weiterhin in Basel dozieren.

Daniele Ganser (42) ist ein Liebling der Schweizer Medien. Sein Name erscheint beinahe im Wochentakt. In 45 Zeitungsartikeln wurde er in den vergangenen zwölf Monaten zitiert. Ganser tritt als smarter Wissenschafter auf, der komplexe Zusammenhänge mit einfachen Sätzen und steilen Thesen erklären kann. Er ist eloquent und humorvoll.

Ganser hat zu fast allen aktuellen Konflikten etwas zu sagen. Zu Charlie Hebdo: Das Attentat sei ungeklärt, behauptete er Anfang Monat in einem Interview mit der «bz Basel». «Verwunderlich» sei, dass die Polizei das Attentat innert 24 Stunden aufgeklärt habe, weil ein Attentäter seinen Ausweis liegen gelassen habe. Es könne auch eine Operation unter falscher Flagge sein, sagt er. Englisch klingt das noch besser: eine False-Flag-Operation, Gansers Spezialgebiet, die verdeckte Kriegsführung. Gegenüber der alternativen deutschen Online-Plattform «Nachdenkseiten.de» spinnt Ganser den Gedanken weiter. Die False-Flag-Operation könne dazu dienen, Kriege gegen muslimische Länder zu legitimieren.

Gegenüber der russischen Online-Plattform «Sputnik» entwirft Ganser ein ähnliches Szenario für die Ukraine. Es könne sein, dass die USA dort einen Stellvertreterkrieg führen würden. Viele Beobachter würden gemäss Ganser davon ausgehen, dass amerikanische Akteure schon die derzeitige ukrainische Regierung ins Amt gebracht hätten.

In der Wissenschaft sind Gansers Thesen nicht mehrheitsfähig. Markus Linden, Politikwissenschafter an der Universität Trier, urteilt: «Ganser hat eine politische Mission, keine wissenschaftliche Herangehensweise.» Ganser sei ein «hochintelligenter Wissenschaftspopulist». Er setzte sich nicht wissenschaftliche mit Terrorismus auseinander. Anstatt systematisch und historisch vergleichend vorzugehen, picke Ganser jeweils nur einzelne Aspekte heraus, um ein Ergebnis zu suggerieren, kritisiert Linden.

Bereits Gansers Bestseller, sein Buch über die Nato-Geheimarmeen, ist auf Kritik gestossen. Gregor Schöllgen, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen, schrieb in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: «Was Ganser hier zusammenträgt, ist zwar in der Gesamtschau bemerkenswert, im Einzelfall aber zumeist schon bekannt und nicht selten grotesk überzeichnet.»

Ganser gilt als Verschwörungstheoretiker. Auf Anfrage sagt er: «Sobald man die Amerikaner kritisiert, wird man als Verschwörungstheoretiker diffamiert.» Er bezeichnet sich stattdessen als Friedensforscher, der verdeckte Kriegsführung untersuche. Er arbeite mit wissenschaftlichen Methoden, sagt er.

Von Ganser distanzieren sich auch die wissenschaftlichen Institutionen. Den Anfang machte die ETH Zürich, die ihn 2006 entliess. Zum Eklat kam es, weil Ganser dafür plädiert, die Verschwörungstheorien zu 9/11 ebenso ernst zu nehmen wie die offizielle Version. Von der Universität Basel erhielt Ganser nach der Kündigung in Zürich die Leitung eines Forschungsprojekts, das 2010 auslief. Zum Eklat in Basel kam es 2011, als Ganser zum Zehn-Jahres-Jubiläum von 9/11 an der Universität einen Vortrag hielt. Ganser wurde vorgeworfen, selber eine Operation unter falscher Flagge zu führen. Er schmückte sich mit dem Logo der Universität Basel. Rektor Antonio Loprieno kritisierte ihn in einem Brief. Auf Anfrage bestätigt Loprieno: «Ich erinnerte Dr. Ganser daran, dass er nicht an der Universität Basel angestellt sei und dass er deshalb nicht im Namen der Universität Basel und unter publizistischer Anwendung deren Logos eine Vorlesung in den Räumlichkeiten der Universität Basel halten dürfe, was leider vorgekommen war.» Persönlich messe er Gansers Thesen zu 9/11 dieselbe empirische Wahrscheinlichkeit bei wie der Theorie, dass Ausserirdische die ägyptischen Pyramiden gebaut haben könnten, sagt Loprieno.

Ganser doziert trotzdem weiter an der Universität Basel. Im Nachdiplomstudiengang in Konfliktanalysen unterrichtet er einen Tag pro Jahr. Die Universität legt Wert darauf, dass Ganser nicht mehr zu 9/11 unterrichtet. Studienleiter Ueli Mäder bestätigt: «9/11 ist, wie mit ihm vereinbart, kein Thema.»

Auf Anfrage sagt Ganser: «Ich bin enttäuscht, dass man nicht ergebnisoffen über 9/11 diskutieren kann.» Er sei nicht bereit, die Version von Präsident Bush zu glauben, bei der es sich ebenfalls um eine Verschwörung handle.

Bis vor kurzem versuchte Ganser, den Konflikt mit der Uni Basel, an der er 2001 bei Geschichtsprofessor Georg Kreis promovierte, vertraulich zu halten. Doch nun geht er in die Offensive. Denn er wittert Verschwörung. Diesmal sieht er sich selber in einer Hauptrolle. Ganser führt das Zerwürfnis mit seiner Universität in einem Vortrag in Tübingen Ende 2014 als Beleg dafür auf, dass er von den Mächtigen daran gehindert werde, verdeckte Operationen aufzudecken.

In Tübingen erlebte Ganser zudem ein Déjà-vu: Die dortige Universität habe verlangt, dass er deren Logo vom Veranstaltungshinweis auf seiner Homepage entferne, erzählt Ganser in seinem Referat. Er erwähnt auch, dass sich ein Geschichtsprofessor beim Veranstalter per Mail beschwert habe, dass Ganser mit seinen «propagandistischen Vorstellungen» und «kruden Ideen» dem Ruf der Universität schaden könne. Ganser thematisiert diese Interventionen, um den Studenten Mut zu machen, trotz Widerständen nie einzuknicken.

Den Kampf gegen jene, die ihn als Verschwörungstheoretiker bezeichnen, führt Ganser unermüdlich. So versucht er, den Wikipedia-Eintrag zu seiner Person umzuschreiben. Er will das negativ behaftete Wort «Verschwörungstheorie» aus der Einleitung streichen. Andere Wikipedia-Benutzer machen seine Korrekturen jedoch stets rückgängig. Ganser sagt, dass er nicht wisse, wer dahinterstecke, er deutet aber an, dass es ein Geheimdienst sein könnte. Fest stehe nämlich: «Wikipedia gibt es seit 2001, also genau gleich lange wie den Krieg gegen den Terror.»

Ganser ist auf einen guten Ruf angewiesen. Er leitet ein Forschungsinstitut in Münchenstein, das hauptsächlich aus ihm selbst besteht und das er über seine Vorträge finanziert. Sein Standardansatz beträgt rund 5000 Franken pro Referat. Ganser nimmt grundsätzlich alle Einladungen an. So referierte er an einem Kongress des umstrittenen Sektenpredigers Ivo Sasek, der auch Holocaust-Leugnern eine Plattform gibt, ebenso wie an Veranstaltungen von Postfinance, der Volkshochschule oder der IG Passivhaus Schweiz.

Im Gegensatz zur Medienpräsenz in der Schweiz hat Ganser in Deutschland inzwischen Mühe, in etablierten Medien zu Wort zu kommen. In Deutschland hat Ganser dafür ein neues Publikum in alternativen Online-Medien gefunden. Mit der Ukraine-Krise haben diese an Bedeutung gewonnen. Auf Youtube-Kanälen wie «KenFM» erklären Experten in langen Interviews, dass die Realität anders sei, als man meine. Manche Talkgäste wirken plump bei der Präsentation ihrer Verschwörungen. Ganser ist anders. Politikwissenschafter Linden, der diese Online-Medien untersucht, sagt über Ganser: «In dieser Szene ist er der Beste.»

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