«Ich kaufe keine Kunst»

Samstag, 07. Juni 2014 23:30

Marc Spiegler: «Allzu kommerzielle Auftritte sind Gift für die Messe.» Foto: ZVG/Art Basel


Über Kunst spricht er gern, über sich selber weniger: Marc Spiegler, Direktor der Art Basel, hat enormen Einfluss in der Kunstwelt. In der Öffentlichkeit tritt er zurückhaltend auf.

Von Miriam Glass

In neun Tagen geht es los: Dann strömen die Kunstsammler, Galeristen, Künstler und Promis an die Art Basel. Wer etwas auf sich hält in der Kunstwelt, kommt zu diesem Anlass – und wer als Galerist Erfolg haben will, bemüht sich mit aller Kraft um einen Ausstellungsplatz an der weltweit wichtigsten Kunstmesse.

An der Spitze des Grossanlasses steht Marc Spiegler, 45. Um eine Einschätzung dieses Mannes gebeten, sagt ein Basler Szenekenner: «Hunderte von Galeristen würde ihm den Arsch küssen. Man muss schon sehr gut drauf sein, um da nicht abzuheben. Marc hat das geschafft. Er ist ein Supertyp!»

Dieser «Supertyp» sitzt kurz vor dem Start der Art Basel beim Mittagessen im Basler Messe-Restaurant Käferstube. Im linken Ohrläppchen glitzert ein Ohrstecker, ansonsten hat Spiegler nichts Schillerndes. Über die Art Basel spricht er gerne und ausführlich, geht es um ihn als Person, antwortet er deutlich knapper.

Der gebürtige Amerikaner wünscht auf Schweizerdeutsch «En Guete», beantwortet Fragen aber auf Englisch, um sich präzis ausdrücken zu können, wie er sagt. Auch wenn er entspannt und offen wirkt: Dieser Mann kontrolliert genau, welches Bild von ihm in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Er weiss, wie Medien funktionieren, arbeitete er doch selbst für viele Jahre als Journalist.

In seinen Artikeln für Publikationen wie «The Art Newspaper» oder «Art News» analysierte er scharfsinnig die Kunstwelt, im Gespräch verzichtet er auf provokante Aussagen. Zum Beispiel, wenn es um die Preise auf dem Kunstmarkt geht. An der Art Basel in Miami Beach soll 2013 ein Werk von Jeff Koons für acht Millionen Dollar den Besitzer gewechselt haben. Eine Summe, die nicht nachvollziehbar ist für aussenstehende Beobachter. Was hält Spiegler davon? «Diese Werke und diese Preise sind nicht das Herz der Kunstwelt», sagt er. «Das Herz der Art Basel sind Hunderte von Galeristen und Tausende von Künstlern, die durch ihre Arbeit und mit etwas Glück vielleicht zur Mittelschicht gehören – von der Qualität her aber zur obersten Liga.»

Es mag um viel Geld gehen an der Art Basel, spürbar werden soll dies nicht. «Allzu kommerzielle Auftritte sind Gift für die Messe», sagt Spiegler. «Wir sind kein Auktionshaus, das in den Verkauf involviert ist. Wenn statt der Kunst das Geld ins Zentrum rückt, verliert die Messe ihre Lebendigkeit.»

Galeristen rechnen Spiegler diese Haltung hoch an. «Er ist fokussiert und inhaltlich interessiert», sagt der Basler Galerist Stefan von Bartha. Beat Raeber von der Galerie RaebervonStenglin ergänzt: «Von kurzfristigen Trends lässt Spiegler sich nicht beeinflussen. Er denkt langfristig.»

Statt Neuerungen anzupreisen, geht Spiegler lieber ins Detail. Dafür legt er die Gabel ab und fährt mit dem Finger über einen Plan der Messehallen. Wer bekommt welchen Platz? Was bringt es den jungen Galerien im Sektor «Statements», wenn sie dieses Jahr neu in direkter Nachbarschaft zu den Grossen der Branche stehen? Über diesen Fragen kann bei Spiegler das Essen kalt werden.

In kürzeren Happen kommen Auskünfte zu seinem Lebenslauf: Geboren 1968 in Chicago, Studium der politischen Wissenschaften und des Journalismus, Arbeit als Journalist, 2007 Ernennung zum Co-Direktor der Art Basel. Seit rund 15 Jahren lebt Spiegler in der Schweiz. «Meine Frau ist Schweizerin», erklärt er. Mit zwei Kindern wohnt die Familie in Zürich. Spieglers Interesse an Kunst haben seine Eltern geweckt, die ihn früh in Museen mitnahmen. Die Familie zog oft um. Als Zehnjähriger war er mit den Eltern neun Monate auf Reisen. «Ich habe gelernt, schnell Fuss zu fassen», sagt er. «Mich an neuen Orten zurechtzufinden, ist für mich nichts Aussergewöhnliches». Eine Fähigkeit, die ihm in seiner Position zugute kommt.

Als Spiegler mit Annette Schönholzer und Cay Sophie Rabinowitz die Co-Leitung der Art Basel übernahm, waren grosse Fussstapfen zu füllen. Vorgänger Sam Keller, heute Leiter der Fondation Beyeler, galt als «Kunstgott», sagt ein Galerist. Er machte die Art Basel zur partylastigen Grossveranstaltung. Spiegler und Schönholzer (Rabinowitz trat nach wenigen Monaten zurück) führten die Messe fort, waren als Personen aber weit weniger auffällig als Keller.

Seit zwei Jahren steht Spiegler allein an der Spitze, Schönholzer ist zuständig für «Neue Initiativen». 2012 eröffnete in Hongkong ein neuer Messestandort. Über die Zeit seit seinem Amtsantritt setzt Spiegler selbst den Titel «die globalen Jahre». «Früher war das Auswahlkomitee für die Galerien rein europäisch», sagt er. «Jetzt sind Experten aus den USA, Asien und Europa dabei. Und Asien, der Mittlere Osten sowie Afrika werden immer stärker Teil unseres Denkens.»

Wann hat Spiegler, ständig umgeben von Kunst, selbst zuletzt ein Werk gekauft? «Seit zwanzig Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht», sagt er. «Als Direktor der Art Basel wäre die Interessenskollision zu gross. Als Journalist war es genau so.» Sein Interesse an Kunst hänge nicht von deren Besitz ab. Es rühre daher, «dass Kunst unendlich viele neue Sichtweisen auf die Welt eröffnet».

Nach Beispielen gefragt, nennt Spiegler den Tschechen Jiri Kovanda. Dessen Interventionen im öffentlichen Raum sind subtil, kaum zu bemerken. «Plötzlich kommt einem jemand zu nahe. Man realisiert nicht, was passiert – im Nachhinein bringt einen die Begebenheit aber dazu, über Nähe und Distanz nachzudenken», erklärt Spiegler. Weitere Namen folgen: Santiago Sierra, Ai Wei Wei, Adrian Piper. Sie alle werfen gesellschaftskritische Fragen auf, thematisieren Armut, Rassismus, Zensur.

Wenn Spiegler über diese Künstler spricht, stockt das Gespräch keinen Augenblick. Per Telefon verschiebt er sein nächstes Meeting. Weil er von einem weiteren Werk erzählen will. Aber auch, weil er einen Kaffee braucht. Die Tage sind lang, wenn morgens die E-Mails aus Asien eintreffen, nachmittags die aus Europa, abends die aus den USA. Den «globalen Jahren» ist mit Kunst allein nicht beizukommen. Es braucht auch viel Organisation. Und hin und wieder einen doppelten Espresso.

Anzeige