Mister China erklärt sich und die Grossmacht

Sabine Altorfer

Sabine Altorfer ist Redaktorin bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 13. Februar 2016 23:30

Uli Sigg im Treppenhaus von Schloss Mauensee. Viele chinesische Künstler haben ihn porträtiert, manche echt schräg, wie Pandamaler Zhao Bandi 2010. Foto: Columbus Film


Uli Sigg wurde als Unternehmer, Botschafter und Kunstsammler zum China-Kenner. Ein Film erzählt sein aussergewöhnliches Leben, und in Bern ist ab Freitag seine Sammlung zu sehen.

Eine Katze hat neun Leben – der Schweizer Uli Sigg mindestens drei. Drei chinesische Leben. Davon erzählt Michael Schindhelm in seinem Film. Es ist eine freundschaftliche Hommage des ehemaligen Basler Theaterchefs und heutigen globalen Kulturtäters Schindhelm an den Schweizer Unternehmer, Botschafter und Kunstsammler. «Gab es denn gar niemanden, der sich kritisch über mich äusserte, der fand, ich sei ein Idiot?» Das habe er Michael Schindhelm nach dem Sichten des Rohschnitts gefragt, erzählte Uli Sigg diese Woche an der Weltpremiere des Films in Zürich.

Ist das verwunderlich? Eigentlich nicht bei einem Mann, der nicht nur in der Schweiz, sondern auch international den Ruf eines Mr. China, eines der besten Kenner des heutigen China, erworben hat. Weil er nicht nur oft, sondern eben auch schon sehr früh dort tätig wurde.
Das einzige kritische Votum, neben viel lobendem Kommentar, kam dann – wen wunderts? – von Künstler Ai Weiwei. Der Regimekritiker findet es falsch, dass Sigg seine einzigartige Sammlung chinesischer Gegenwartskunst China schenkt. «Man würde die Bilder besser im Mauensee versenken.»
Mauensee? Hier auf der Insel, in einem Schloss inmitten seines Privatsees, residieren Uli und Rita Sigg seit 1998. Und hier startet der Film. Theatralisch. Ja gar pathetisch-symbolisch: Die Kamera fährt über die Brücke, die Siggs Insel mit dem Luzerner Boden verbindet.
Das rote Tor öffnet sich, man sieht das Schloss aus dem 17. Jahrhundert, die grüne Wiese davor, die gelbe Schlangenlinie einer Blumenrabatte. Darin steht – klein und schwarz, wie eine Statue – Uli Sigg.
Man sieht ihn noch öfter: über Brücken gehen, aber auch durch Korridore in verfallenden Fabriken oder durchs Grandhotel Beijing. Er erzählt ruhig und doch farbig über seine vierzig Jahre China-Erfahrung, führt uns in schwülstige chinesische Verhandlungszimmer, auf Chinas Strassen, in die Schweizer Botschaft, in sein klösterlich-karges Arbeitszimmer in Mauensee und vor allem in chinesische Künstlerateliers.

Sigg der Brückenbauer, Sigg der Türöffner, Sigg der Experte und Sigg der Freund: Das zeigt Schindhelm.
Uli Sigg, 1946 in Luzern geboren, war Schweizer Meister im Rudern und Wirtschaftsjournalist bei Ringier und kam durch seinen Vater zum Liftbauer Schindler. Was sollte man mit dem Journalisten im Konzern machen? Da kam 1979 die Anfrage aus China nach Zusammenarbeit gerade recht. «Sigg soll China machen, hiess es», erzählt der heute 70-Jährige schmunzelnd. Also reiste er in das Land, «über das man damals weniger wusste als heute über Nordkorea». Wo aber, nach dem Tod von Mao 1976, unter Deng Xiaoping die wirtschaftliche Öffnung als neue Strategie proklamiert und der Aufstieg des Entwicklungslandes zur heutigen Wirtschaftsmacht initiiert wurde.
Sigg checkte das Terrain, teilte sein Hotelzimmer mit Ratten und verhandelte mit den chinesischen Staatskonzernen. Sein Ehrgeiz: Nicht nur das erste Joint Venture einer westlichen Firma mit China aushandeln, sondern ein allgemeingültiges Modell kreieren! Welche Strapazen das bedeutete, kann man nur erahnen: Verwaltungsratssitzungen dauerten zehn Tage, die Luft war dick vom Zigarettenrauch, Leute, die sich zu offen zeigten, verschwanden von der Bildfläche, und ob ein ausländischer CEO so viel verdienen durfte wie 120 Chinesen, war eine schier unlösbar, eine Knacknuss. Ein ehemaliger Schweizer Mitarbeiter erzählt auch von Affichen über vollstreckte Todesurteile an der Zufahrtsstrasse zur Fabrik. Doch mit seinem Rezept: Nie jemanden unterbrechen, lieber stundenlang dasselbe mehrfach anhören, sich in die andere Seite hineinfühlen, gewann Sigg das Vertrauen der chinesischen Politik.

In der Schweiz machte Uli Sigg erstmals ausserhalb des Wirtschaftsteils Schlagzeilen, als Bundesrat Flavio Cotti den Nicht-Diplomaten 1995 zum chinesischen Botschafter ernannte. Wer sonst hätte für expansionshungrige Schweizer Firmen ein besserer Türöffner sein können? Nach seinem Rücktritt 1998 blieb Sigg aktiv, unter anderem als Verwaltungsrat bei Schindler, bei Ringier und bei der China Development Bank. Wie vertraut er mit der chinesischen Mentalität ist, bewies später seine erfolgreiche Vermittlung für das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron beim Wettbewerb um das Olympiastadion. Und ja, Sigg gehört seit 2008 laut «Bilanz» zu den 300 reichsten Schweizern. Das Geld habe er vor allem in seiner Schindler-Zeit und als späterer Unternehmer verdient, sagen Insider.

In seiner Zeit als Botschafter (1995– 1998) wollte Sigg sich einen anderen, direkteren Zugang zum chinesischen Alltag verschaffen. Durch die zeitgenössische Kunst. Die war meist im Untergrund tätig, trotzdem gelangte er in die Ateliers, sah, welche Kraft und Kreativität, aber auch wie viel kritisches Potenzial vorhanden war. Als Filmzuschauerin bekommen wir Einblick in die Entwicklung Chinas, wenn die Künstler von ihren Familien erzählen, von Verbannung und Gefängnisstrafen, von ihrem Werdegang . Sigg kaufte. Containerweise. Und brachte das Kunstgut in die Schweiz in Sicherheit. Erst haben die Werke 100, dann 1000 Dollar gekostet, und spätestens, nachdem er «seine» chinesischen Künstler an die Biennale Venedig vermittelt und 2005 in der Berner Ausstellung «Mahjong» gezeigt hatte, kosteten sie 10 000 und mehr Dollar. Ist es da verwunderlich, dass der Künstler Wang Guangyi im Film mit einem Bentley vor seinem Atelier vorfährt?
Die 1463 Werke, die Uli und Rita Sigg 2012 dem Hongkonger Museum M+ versprochen haben, wurden auf 163 Millionen geschätzt, 47 zusätzliche kaufte die Regierung in Hongkong für 22 Millionen Dollar.

Sigg sammelt weiter – vor allem junge Künstlerinnen und Künstler. Das Kunstmuseum Bern zeigt Arbeiten aus den letzten 15 Jahren ab nächster Woche. Die ganze Sammlung Sigg umfasst mittlerweile Künstler aus drei Generationen. Einen besseren Überblick kann weltweit keine andere Sammlung, kein Museum bieten.
Heute ist Sigg in Kunstkreisen einer der bekanntesten Menschen – und sitzt in Beiräten des MoMa in New York und der Tate Modern in London. Wer den kleinen Mann mit dem grossen Renommee nicht kennt, kann sich entweder Schindhelms Film anschauen – oder sieht ihn als Sujet zahlreicher Werke seiner chinesischen Künstlerfreunde. Manchmal echt schräg.

«The Chinese Lives of Uli Sigg». Ein Film von Michael Schindhelm. Ab 18. Februar im Kino.
«Chinese Whispers». Neue Kunst aus den Sigg-Collections. Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, Bern. 19. Februar–19. Juni.

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