Sehnsucht in Prozenten

Samstag, 01. November 2014 23:30

Franz Hohler beim Wandern – mit Blick auf Zürich-Schwamendingen und die Zukunft der Schweiz. Foto: KEYSTONE/René Ruis


Schriftsteller Franz Hohler über die Heidi-Schweiz und den Wunsch, das Weltgedränge einzudämmen

Von Franz Hohler*

In der Schweiz haben wir seit gut 130 Jahren die erstaunliche Möglichkeit, die Verfassung zu ändern, ohne das Parlament oder die Regierung fragen zu müssen. Die 100 000 Unterschriften von Stimmberechtigten, die nötig sind, damit es zu einem Volksentscheid kommt, sind zwar keine Kleinigkeit, doch das lässt sich machen. Schwieriger ist es, beim Urnengang eine Mehrheit für eine Verfassungsänderung zu gewinnen, aber auch das lässt sich machen, in letzter Zeit sogar häufiger als früher. Noch schwieriger ist es für die Regierung, welche in der Regel die Verfassungsänderung abgelehnt hat, diese auch um- und durchzusetzen.

Und wenn das Volk Themen zu beurteilen hat wie Minarette, Ausschaffung krimineller Ausländer oder Masseneinwanderung, erleben wir jeweils konsternierte Bundesräte und Bundesrätinnen, deren Erklärungen am Abstimmungssonntagabend gewöhnlich mit einem tapferen Lippenbekenntnis zur direkten Demokratie beginnen, die sie in diesem Moment wohl innerlich zum Teufel wünschen.

Die angenommenen Volksinitiativen der letzten Zeit haben etwas gemeinsam. Sie mögen einen politischen Willen ausdrücken, aber eigentlich drücken sie eine Sehnsucht aus, die Sehnsucht nach einer Schweiz, die von den Stürmen der Welt in Ruhe gelassen wird, die Sehnsucht nach einer Heidi-Schweiz, die es gar nie gab. Dabei wird gerne ausgeblendet, dass die Schweiz ohne Ausländer sofort zusammenbrechen würde und dass der Alpöhi zur Kehrichtabfuhr eingeteilt werden müsste.

Ich kenne diese Sehnsucht durchaus, sie tritt auch als Schmerz auf, etwa beim Anblick von sechsspurigen Autobahnen oder von Wohntürmen und Terrassensiedlungen an Orten, deren Namen uns ländliche Zeiten vorgaukeln, Püntacher, Hasenweid, Chrebsbach. Wir haben unsere Landstriche bis zum Äussersten angefüllt, um unserer Haupttätigkeit nachgehen zu können, dem Wohnen. Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, wurde der erste Erbauer einer Stadt. Wir sind seine Nachfahren und sehnen uns nach dem friedlichen Leben des Schäfers Abel.

Diese Sehnsucht lässt sich politisch einfacher bewirtschaften als Begriffe wie Völkerrecht oder humanitäre Tradition. Als Grund für die überbordende und überfordernde Entwicklung orten wir nicht etwa uns selbst, sondern die Ausländer. Sie sind das Fremde schlechthin, sie sind die Unschweizer, sie brauchen Wohnungen statt Flüchtlingslager, Minarette statt Kirchtürme. Unsere Kirchen werden zwar immer leerer, werden abgerissen, verkauft oder in Theater umgebaut, aber wir halten an ihnen fest, auch wenn sich immer mehr Menschen von ihrem Geläute gestört fühlen.

Nächstens haben wir über eine Initiative zu befinden, welche die Sehnsucht sorgfältig in Prozente umwandelt. 0,2 Prozent steht da als erlaubte Zuwanderungswachstumsziffer, und in den Übergangsbestimmungen erscheinen die Zahlen 0,6 Prozent und 0,4 Prozent für die Jahre, in denen man sich an die neue Regelung langsam zu gewöhnen hat. Da muss also sehr genau gerechnet werden, damit «unsere natürlichen Lebensgrundlagen» erhalten bleiben, wie sich die Initiative ausdrückt. Die Verfassungsänderung soll eine Ergänzung des Artikels 73 darstellen, welcher ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Erneuerungsfähigkeit als Ziel erklärt.

Der Begriff Ausländer oder ausländisch wird zwar im Initiativtext tunlichst vermieden, aber da es um die Zuwanderung geht, ist klar, wer damit gemeint ist.

Aus der wissenschaftlich-statistischen Ecke sind allerdings erhebliche Zweifel am reinen Kausalzusammenhang Einwanderung-Landverbrauch zu hören; es wird auf die Abnahme der Landwirtschaft aufmerksam gemacht, auf die gestiegenen Ansprüche an unsere Wohnfläche, auf die Zunahme von Single-Haushalten, und dann gebe es sogar einen Landschaftszuwachs, nämlich denjenigen an Wald, kurz, der Sachverhalt sei komplexer, als es die simplen Lösungsvorschläge in Prozentzahlen vermuten liessen.

Vor 35 Jahren habe ich ein Lied mit dem Titel «Das Projekt Eden» geschrieben, in dem sich ein Land selbst zumauert. Damals gab es nur eine geringe Einwanderung, aber es wurde jede Sekunde ein Quadratmeter Land überbaut. Diese Zahl gilt heute immer noch. Unser öffentlicher Verkehr ist von einer vorbildlichen Dichte, unsere Schnellzüge sind zu fahrenden Grossraumbüros geworden. Trotzdem haben wir mehr Autos als Kinder. Und Jahr für Jahr verschwinden 1000 Bauernbetriebe. Wohin? Und warum? Und wer ist Schuld?

Da stehen wir, die Willensnation Schweiz, ein aussereuropäisches Land mitten in Europa, suchen eine neue Nationalhymne und zerbrechen uns auf der Suche nach einfachen Lösungen die Köpfe, lancieren politische Vorschläge, um das Weltgedränge einzudämmen und ahnen, dass es sich nicht eindämmen lässt, auch wenn wir 10 Prozent unserer Entwicklungsgelder dazu verwenden würden, in den kinderreichen Ländern die Geburtenregelung zu predigen. Wir sehen die Bilder der afrikanischen Boat-People, die zu Hunderten an den italienischen, maltesischen und griechischen Küsten angespült werden, halb verhungert, halb verdurstet, wenn sie nicht schon an Erschöpfung gestorben sind, und verlangen, dass sie in den Ankunftsländern registriert werden, damit wir sie Dublinkonform sofort dorthin zurückschicken können.

Mit Schaudern hören wir, dass Libanon, das halb soviel Einwohner hat wie die Schweiz, mit einer Million syrischer Flüchtlinge klar kommen muss – aber bei soviel Völkerwanderung und Unsicherheit in der heutigen Zeit sollten wir doch wenigstens unsere Nationalbank auf goldene Füsse stellen, wenigstens zu 20 Prozent, um aus dem Geld wieder etwas Reales zu machen, Vollgeld statt Buchgeld, Numismatik statt Elektronik. Nein, schreien die Handelseliten, die Geldmenge hat schon lang nichts mehr mit der Goldmenge zu tun, und wir wirtschaftlich Ungeschulten senken unsere unwissenden Köpfe ratlos auf den Stimmzettel. Aber wenigstens wissen wir bei der Pauschalbesteuerung, worum es geht, nämlich dass es nicht sein darf, dass ein Formel-1-Rennfahrer 20 mal weniger Steuern zahlt als unser unermüdlicher Roger Federer, nur weil der Formel-1-Crack ein Ausländer ist, da können wir wieder guten Gewissens die Gleichbehandlung fordern, die wir den Ausländern an andern Orten verweigern. Wir sind ein initiatives Volk, vielleicht starte ich demnächst eine Volksinitiative mit dem Begehren, das Wort «Ausländer» in unserer Verfassung und unseren Gesetzen durch das Wort «Mensch» zu ersetzen.

«Glauben Sie, dass die Schweiz untergehen wird?» fragte mich kürzlich besorgt ein älterer Mensch. «Ja», sagte ich, «zweifellos. Mehr als das, die Schweiz ist schon untergegangen. Die Schweiz, in der Sie und ich aufgewachsen sind. Aber sie entsteht jeden Tag neu. Vielfältiger. Welthaltiger. Überraschender. Machen Sie mit und freuen Sie sich darauf!»

Der ältere Mensch war ich selbst. Ich war nicht ganz sicher, ob ich mich darauf freuen sollte. Aber mitmachen werde ich.

* Franz Hohler (71) ist Schriftsteller, Liedermacher und Kabarettist. Am 5. November erscheint «Der Autostopper», gesammelte kurze Erzählungen.

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