Unschweizerisch schweizerisch

Benno Tuchschmid

Benno Tuchschmid ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 30. Januar 2016 23:29

Der Luzerner Rapper Mimiks zählt zur neuen Generation der Schweizer Rapper, die der Szene frischen Wind einhauchen. Sein Album ist auf Platz 2 der Charts. Foto: Sandra Ardizzone


Die spannendste und erfolgreichste Musikkultur im Land ist Hip-Hop. Nur merkt das kaum jemand

Rap ist so unschweizerisch wie laut telefonieren im Pendlerzug. Vielleicht ist es deshalb die derzeit spannendste Strömung in der populären Musik des Landes – und die erfolgreichste dazu. Weil unschweizerisch direkt, explizit und konfrontativ. So unschweizerisch unlangweilig. In den aktuellen Top Ten der Schweizer Album-Charts stehen derzeit drei Schweizer Künstler, zwei davon sind Rapper. Der Luzerner Mimiks (Platz 2 mit dem Album «C.R.A.C.K») und der in Zürich lebende Knackeboul (Platz 9 mit dem Album «Knacktracks»). Der dritte Schweizer in den Top Ten ist Polo Hofer, der von sich selbst sagt, er sei der erste Schweizer Rapper gewesen, und der mit den Sprechsängern tatsächlich mehr gemein hat als seine Vorliebe für Marihuana.

Das ist kein Unfall. Schon 2015 verkaufte keine Schweizer Band mehr Alben als Lo & Leduc.

Es war ein weiter Weg aus den Armenvierteln amerikanischer Grossstädte. Aber 2016 ist Rap in der Schweiz angekommen. Künstlerisch und kommerziell. Das zeigt sich nirgends so deutlich wie an der «Bounce Cypher» des SRG-Jugendsenders SRF Virus, der vergangenen Donnerstag stattfand. Es ist quasi das Branchentreffen. Während sechs Stunden pilgern über 100 Rapper ins SRF-Radiostudio in Zürich und liefern ihre eigens für diesen Anlass getexteten Reime live in die offenen Mikrofone des Senders (siehe Box). Ein Feuerwerk der drückenden Bässe und des Wortwitzes.

Das klingt dann mal politisch, wie bei Luc Oggier von Lo & Leduc: «Kennsch Ufklärig u i rede ned vo Schnäbi / aso lueg ases dis Nei i die Urne schafft, schaffe sie es Ja, de schaffe mir üs ab». Oder es klingt einfach nach Freude an der Sprache und am Rhythmus wie bei Knackeboul: «Homies checked Kreativitätstheorie / konstant am Puls vor Ziit wie Ärzteserie». Rund 10 000 Zuhörer und Zuschauer haben die «Bounce Cypher» per Live-Stream mitverfolgt. Sie sahen einen Querschnitt, der sich für soziologische Studien eignen würde. Die Palette reicht von grimmigen Türken in Trainerjacken aus Kleinbasel bis zu Teenager-Kids aus dem Zürcher Oberland mit Mittelstandshintergrund.

Sie alle stehen an diesem Donnerstag vor dem Eingang des Radiostudios, trinken Dosenbier und grüssen sich, wie man es in der Szene tut: Der Handschlag geht fliessend über in eine halbe Umarmung, begleitet von einem «Waslauft, Brudi, alles guet?»

Grégoire Vuilleumier alias Greis steht inmitten dieser Patchwork-Familien und freut sich rauchend. Er ist für die Schweizer Szene so etwas wie die antiautoritäre Vater-Figur: «Wir befinden uns in der goldenen Ära des Schweizer Raps.» Greis ist 37. Der jüngste Rapper ist weniger als halb so alt. Greis ist der bekannteste Vertreter der ersten grossen Welle des schweizerdeutschen Raps Ende der 90er-Jahre, von der damals viele dachten, es sei die goldene Ära. Greis erklärt den neuen Kreativitätsschub in der Szene auch mit dem Alter der Kultur. «Jede Subkultur grenzt sich am Anfang ab, und wenn sie dann erwachsen wird, dann beginnt sie sich zu öffnen.» Das sei mit der Punk-Musik genauso passiert. Und jetzt passiert es mit Rap, befeuert durch die unendlichen Möglichkeiten des Internets.

Für die breite Öffentlichkeit war Schweizer Sprechgesang lange gleichbedeutend wie Bligg und Stress. Also «Rosalie» und gerappte Coop-Werbung. Zwar sind beide tatsächlich in der Schweizer Hip-Hop-Szene gross geworden. Der eine als Teil der legendären Mundart-Rap-Gruppe «Bligg’n’Lexx», der andere als Mitglied der Lausanner Crew «Double Pact», doch für den Erfolg verabschiedeten sie sich in Richtung helvetischer Konkordanz-Musik. Die Szene verzieh es ihnen nicht. Denn Rap versteht sich als unangepasst. Erfolg ist verdächtig, Anbiederung Verrat.

Versöhnt mit dem kommerziellen Erfolg hat sich die Szene mit Lo & Leduc. Rap paart sich bei ihnen mit eingängigen Melodien. Die Single «Jung verdammt» harrte 46 Wochen in den Charts. Und die Zeilen «i ha gmeint de Tüüfel chöm im Füür und ned im rote Chleid» hängen noch immer irgendwo da draussen. Der Rapper Manuel Liniger alias Manillio, Teil des Berner Kollektivs Eldorado FM, sagt: «Der Erfolg von Lo & Leduc hat alles verändert.»

Er hat auch die Musik-Industrie wachgerüttelt. Lo & Leduc kamen auf dem kleinen Label «Bakara Music» raus. Die Schweizer Ableger der internationalen Musikkonzerne waren im Schweizer Hip-Hop in den letzten Jahren abwesend. Jetzt beginnen sie sich wieder zu interessieren. Manillio veröffentlicht noch diesen Frühling ein neues Album. Es wird bei «Universal» veröffentlicht. Auch das wohl im Herbst erscheinendes Debüt-Album des Luzerner Duos Marash & Dave weckt grosses Interesse. Mit ihrem progressiven Klang werden die beiden als nächste grosse Nummer gehandelt.

In seiner Heimat ist Hip-Hop längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. US-Präsident Barack Obama gab öffentlich bekannt, sein Lieblingssong des Jahres 2015 sei «How much a Dollar Cost» des US-Rappers Kendrick Lamar. In Deutschland stürmen Rapper wie der Offenbacher «Haftbefehl» regelmässig die Charts und prägen mit ihren Unterwelt-Geschichten die Jugendsprache des Landes. Das von ihm eingeführte Wort «Babo» (bosnisch für Vater und im Sinne von «Chef») wurde zum Jugendwort 2013 gewählt. Die deutschen Feuilletons beschäftigen sich in epischen Texten mit dem Phänomen Haftbefehl und Co. – bei denen es immer um das grosse Thema eines Zuwanderungslandes gehe, um «unten sein und nach oben wollen» («Frankfurter Allgemeine Zeitung»).

Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider Ammann hört keinen Schweizer Rap. Und in den Feuilletons kommt Rap hier auch kaum vor. Das hat eventuell damit zu tun, dass Schweizer Rapper zwar auch nach oben wollen, aber nicht von so weit unten kommen.

Luc Oggier von Lo & Leduc sagt: «Es ist in der Schweiz schwer, Haftbefehl zu sein.» Nicht weil es hier kein unten gäbe, sondern weil sich die Klischees besonders hartnäckig halten würden. Sogar Bligg wird von Radio-Moderatoren noch mit den Worten «Yo! Yo!» empfangen.

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