Köppel gegen Strehle: Kritik am Pranger der «Weltwoche»

Von Alan Cassidy


Samstag, 09. Februar 2013 23:10

Res Strehle: Der Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» fand sich diese Woche mit einem Polizeifoto auf dem «Weltwoche»-Cover.


Presseratspräsident Dominique von Burg verurteilt Publikation der Polizeifotos von «Tagi»-Chef Res Strehle.

Die aktuelle Titelgeschichte der «Weltwoche» über den Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», Res Strehle, sorgt für Aufruhr. Die Wochenzeitschrift warf Strehle diese Woche eine «irritierende Nähe zu Bombenlegern und Terroristen» vor. Illustriert wurde der Text mit Polizeifotos von 1984. Sie zeigen Strehle nach einer Verhaftung im Zusammenhang mit einer Hausbesetzung in Zürich.

Für die Publikation der Fotos erntet die «Weltwoche» nun scharfe Kritik. Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserats, sagt: «Es ist völlig unverhältnismässig, Res Strehle derart an den Pranger zu stellen, wie das die ‹Weltwoche› auf ihrer Frontseite getan hat. Für mich ist das nicht zulässig.»

Über den Artikel selbst könne man streiten, sagt von Burg. «Wenn man eine jahrzehntealte Geschichte über angebliche Jugendsünden ausgräbt, muss ein aktueller Zusammenhang gegeben sein. Ob dieser Zusammenhang hier besteht, scheint mir sehr fraglich.»

Peter Studer, ehemaliger Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und früherer Präsident des Presserats, beurteilt den «Weltwoche»-Artikel ebenfalls kritisch. Er sehe Parallelen zur Veröffentlichung von polizeiinternen Fotos Hannibal Gaddhafis durch die «Tribune de Genève» im Jahr 2009, sagt Studer. Damals urteilte das Genfer Gericht, dass die Persönlichkeit des Diktatoren-Sohns durch die Publikation der Fotos verletzt worden sei.

Kernpunkt des Artikels in der «Weltwoche» (Titel: «Der süsse Duft des Terrorismus») ist der Vorwurf an Strehle, er habe sich lange im Umfeld gewalttätiger Linksextremisten bewegt. Als Journalist habe er bis in die 1990er-Jahre Gewalt «verherrlicht».

Strehle reagierte mit einem Beitrag in der Samstagsausgabe des «Tages-Anzeigers» auf die Vorwürfe. Darin schreibt er, er sei an keiner der von der «Weltwoche» erwähnten Gewalttaten beteiligt gewesen, «auch nicht am Rande». Strehle überlegt sich nun, vor den Presserat zu gehen oder eine Zivilklage einzureichen.

Deutliche Worte fand der «Tagi»-Chefredaktor am Freitagabend an einem Branchentreffen der Zeitschrift «Schweizer Journalist» in Zürich. Den Artikel über ihn bezeichnete Strehle dort als «eine Form von Suggestivjournalismus, die in der Schweiz einzigartig ist».

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