Mathias Döpfner im Interview: «Journalist ist der schönste Beruf der Welt»

Von Patrik Müller


Samstag, 27. Juli 2013 23:30

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner über das Papier von morgen und das Geldverdienen im Internet. Foto: Andreas Chudowski / laif


Deutschlands grösster Medienkonzern («Bild», «Welt») verdient schon fast jeden zweiten Euro im digitalen Geschäft. Diese Woche gab er bekannt, Regionalzeitungen und Zeitschriften abzustossen.

Herr Döpfner, mit welchem Medien-Menü sind Sie heute Morgen in den Tag gestartet?
Ich lese zuerst auf dem Smartphone die neusten Nachrichten und dann immer einen ganzen Stapel von Zeitungen. Das sind insgesamt vierzehn - regionale Zeitungen ebenso wie "Welt", "FAZ" und die "Financial Times". Die guck ich durch und lese dann selektiv, was mich interessiert.

Haben Sie so viel Zeit?
Ich nutze meine einstündige Fahrt von Potsdam nach Berlin jeden Morgen zum Lesen.

Würde Ihnen etwas fehlen, wenn es keine gedruckten Zeitungen mehr gäbe?
Ja. Das Papier hat eine eigene Sinnlichkeit, und viele visuelle Darstellungen wirken auf Papier einfach besser. Grosses Kino geht nun mal nicht auf einem kleinen Handy.

Sie forcieren wie kaum ein anderer Verlag das digitale Geschäft, das schon fast die Hälfte des Konzerngewinns ausmacht. Werden Sie die "Bild"-Zeitung auch in zehn Jahren noch auf Papier lesen können?
Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Nur: Was gilt in Zukunft als Papier? Schwere Lesegeräte werden von einer Art elektronischem Papier abgelöst werden. Von einer Folie, die man falten und rollen kann.

Ihr Credo lautet: Es geht um Journalismus und nicht um den Verbreitungskanal. Mit dem Papier hat man aber immer schönes Geld verdient; wie das im Internet gehen soll, bleibt unklar.
Was etwas wert ist, kostet: Es ist unerlässlich, dieses Prinzip in die digitale Welt zu übertragen. Darum gibt es bei unseren Tageszeitungen "Welt" und "Bild" nun ein Abomodell für die Online-Angebote. Mit Anzeigen allein hat man keine solide und krisenresistente Basis für unabhängigen Journalismus. Ich sehe mit Freude, dass es auch in der Schweiz - von NZZ, Tamedia bis Ringier - Initiativen für Bezahlangebote gibt.

Sind die "Welt"- und die "Bild"-Leser wirklich bereit, für Online-Journalismus zu bezahlen?
Mit den ersten Erfahrungen sind wir sehr zufrieden. In kurzer Zeit konnten wir nennenswerte Abobestände aufbauen. Wir verkaufen bei der "Welt" pro Tag im Durchschnitt mehr digitale Abos als Print-Abos.

Das heisst noch nichts. Können Sie die Abos, die Sie bei den Zeitungen verlieren, mit neuen Online-Abonnenten ausgleichen?
Was zählt, ist die gesamte Reichweite einer Marke. Sowohl bei BILD als auch bei der WELT nimmt die Reichweite insgesamt zu.

Glauben Sie, dass auch kleinere, regionale Zeitungen von ihren Online-Lesern Geld verlangen können?
Absolut. Eigentlich mehr noch als die überregionalen Zeitungen. Denn Regionalzeitungen bieten einen sehr spezifischen Inhalt, den andere nicht bieten. Sie sind unverwechselbar.

Bezahlschranken lassen sich aber leicht umdribbeln, etwa via Social Media: Auf Twitter werden munter Links zu Artikeln verschickt, die eigentlich kostenpflichtig sind.
Links von Privatleuten sind kein Problem. Schwierig ist es, wenn Profis, Aggregatoren oder Suchmaschinen die Inhalte anderer systematisch abgreifen und vermarkten. Darum ist mir das Leistungsschutzrecht so wichtig. Wer Inhalte von Verlagen nutzt, muss entweder um Einwilligung bitten, sie kostenlos zu nutzen - oder er muss dafür bezahlen. Es wird in Deutschland ein Rechtsprinzip etabliert, wie es auch in der Musik- und Filmbranche schon seit langem gilt. Und wie es in anderen Branchen selbstverständlich ist. Keiner kommt auf die Idee, Brot aus der Bäckerei zu stehlen, einfach weil es ein Grundnahrungsmittel ist.

Sie haben bei der Lancierung des iPads vor drei Jahren gesagt: "Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit dem iPad die Verlagsindustrie rettet." Haben Sie rückblickend das iPad überschätzt?
Eher unterschätzt! Das damalige Statement war eine Metapher dafür, dass ein neuer Typus von Lesegerät kommt, der das digitale Konsumieren von Journalismus - endlich - angenehm macht. Das ist erst der Beginn einer grossartigen Geschichte.

Axel Springer baut auf drei Säulen: Journalismus, Anzeigenvermarktung und Rubrikengeschäft. Reicht das künftig, oder werden Sie diversifizieren, etwa Konzerttickets verkaufen oder Stars vermarkten, so wie Ringier?
Das haben wir nicht vor. Wir setzen auf unsere traditionellen Kernkompetenzen. Wir sind überzeugt, dass Journalismus, Werbevermarktung und das Rubrikengeschäft auch in der digitalen Welt funktionieren. In diesen drei Feldern investieren wir. Es wäre problematisch, würden wir in reinen E-Commerce mit Warenrisiko investieren - etwa wenn wir auf unseren Websites Stühle verkaufen würden. Das hat mit Journalismus nichts zu tun. Man muss aufpassen, dass man nicht die vermeintliche Rettung eines Medienunternehmens durch die Änderung des Geschäftszwecks betreibt.

Quersubventionierung muss ja nicht schlecht sein – sie bringt Mittel für den Journalismus.
Das hieße, der Journalismus selbst ist kein Geschäftsmodell mehr. Auf die Dauer würden so Qualität und Vielfalt nicht überleben. Hinzu kommt: Schuster bleib bei deinem Leisten. Wir glauben, dass wir das gar nicht können, was Aldi oder Migros tun. Und die journalistische Unabhängigkeit würde gefährdet. Ich kann nicht auf der einen Seite Produkte verkaufen und auf der anderen Seite unabhängig über deren Hersteller berichten.

Würden Sie Ihren drei Söhnen empfehlen, Journalist zu werden?
Uneingeschränkt ja. Ich finde, dass Journalist der schönste Beruf der Welt ist - und seine beste Zeit noch vor sich hat. Die digitalen Medien erweitern die Möglichkeiten für guten Journalismus und machen den Beruf noch attraktiver. Das Endprodukt ist aufregender denn je, weil es alle Darstellungsformen, alle ästhetischen Kategorien und nicht zuletzt die Intelligenz der Leser mit einbeziehen kann.

Der Zürcher Soziologe Kurt Imhof kritisiert die Tendenz zum „Rudel-Journalismus“. Sind Journalisten heute unkritischer, gleichförmiger als zu der Zeit, in der Sie in den Journalismus eingestiegen sind?
Ich bin mit solchen Klischees sehr vorsichtig. Sie sind gelegentlich ein Zeichen dafür, dass ihr Absender alt wird. Zeitungen sind heute viel besser als zu den angeblich guten alten Zeiten. Schauen Sie sich nur mal alte Ausgaben an, da steht oft viel Erbärmliches drin. In der Medienbranche ist die Tendenz, das zu verklären, was früher war, noch ausgeprägter als anderswo.

Niemand käme auf die Idee zu sagen, die Autos oder Telefone seien früher besser gewesen. Warum diese Verklärung bei den Medien?
Ich weiss es nicht. Es ist eine gewisse Fortschrittsfeindlichkeit mancher, die glauben, das gehöre zum Berufsbild des Intellektuellen dazu. Was natürlich grosser Unfug ist.

Braucht eine gute Zeitung eine politische Linie, oder gehört die Zukunft der ausgewogenen Forumszeitung?
Zeitungsjournalismus, egal ob gedruckt oder gesendet, braucht mehr denn je eine Haltung. Gerade dadurch macht er sich in der digitalen Welt unterscheidbar von gratis verfügbarer Information. Deren Aufbereitung - und dazu gehören die Haltung, die Unterscheidbarkeit, ein bestimmtes Weltbild - wird zum Erfolgsfaktor. Dafür ist der Leser auch bereit zu zahlen.

Wie weit darf Haltung geben? Ihre Zeitungen haben eine bürgerliche Grundhaltung, sollen sie sich für eine Fortsetzung der CDU-FDP-Regierung stark machen?
Da gibts diesen schönen Satz von Hanns Joachim Friedrichs: "Ein guter Journalist darf sich nie mit einer Sache gemein machen, nicht mal mit einer guten." Eine parteipolitische Positionierung oder Kampfhaltung halte ich für unjournalistisch und falsch. Gleiches gilt für personal- und tagespolitische Fragen. Dort soll es keine Linie im Sinn einer berechenbaren Präferenz geben, sondern ein hohes Mass an journalistischer Unberechenbarkeit. Denn das macht eine Zeitung interessant. In Grundsatzfragen, in wertepolitischen Fragen - da braucht es schon eine Linie. Im Übrigen hat Haltung nicht bloss mit politischen Positionen zu tun. Da geht es auch um Sprache, um Stil, um Ästhetik.

Journalisten gelten nicht unbedingt als gute Führungskräfte. Aus Ihnen aber wurde ein höchst erfolgreicher CEO, in der Medienbranche gelten Sie schon fast als Messias. Warum können Sies so gut?
Also, diese Frage überfordert mich jetzt.

Das ist Absicht.
Jeder Versuch, eine Erklärung zusammenzubasteln, würde misslingen. Nehmen Sie meine Überforderung zur Kenntnis (lacht). Vielleicht gehört genau das dazu: Dass ich auch zugebe, etwas nicht zu wissen. Die Zeiten sind vorbei, in denen Führungskräfte als Alleswisser unterwegs sein konnten

Was tun Sie, um bei so viel Lob nicht abzuheben?
Da hab ich eine Antwort! Ich hatte schon immer eine ausgeprägte Neigung zu Selbstkritik. Manchmal ist die Auseinandersetzung mit mir fast selbstzerfleischend. Zudem darf man Anerkennung, die einer bestimmten Funktion zukommt, nie mit Anerkennung der eigenen Persönlichkeit verwechseln. Das sind alles Eitelkeitsfallen, in die viele tappen.

Sie hinterfragen sich ganz grundlegend?
Ich habe dazu eine gute Übung, die ich von Zeit zu Zeit mache. Ich denke: Mein Vorgänger ist gerade gefeuert worden, heute ist mein erster Arbeitstag, und jetzt gucken wir mal, was der alles falsch gemacht hat. Wenn man das durchdenkt, stösst man auf ganz vieles, das man selbst nicht richtig gemacht hat. So bleibt man frisch.

Was erwarten Sie von einer Führungskraft?
Zuallererst Empathie und Respekt vor den Mitarbeitern. Wer das nicht mitbringt, wer kein wirkliches Interesse an den Menschen hat, der wird andere nie dazu bringen, ihm zu folgen. Dann kommen natürlich viele andere Dinge dazu: Kommunikative und analytische Fähigkeiten und Fachwissen.

Sie sind schon seit elf Jahren Chef des Konzerns, Ihre Vorgänger gaben sich die Türklinke in die Hand. Wie haben Sie das Vertrauen von Verlegerin und Hauptaktionärin Friede Springer gewonnen?
Ich habe es nicht gewonnen, sondern es ist mir geschenkt worden. Es ist ein grosses Glück, dass es eine so vertrauensvolle Zusammenarbeit gibt. Dieser Rückhalt ist wichtige Voraussetzung für Erfolg.

Vor einem Jahr hat Ihnen Friede Springer ein Aktienpaket im Wert von 73 Millionen Euro geschenkt. Ein ziemlich ungewöhnlicher Vertrauensbeweis.
Ja, ein großer Vertrauensbeweis und ein enorm motivierendes persönliches Geschenk.

Ihre wichtigsten Medien in der Schweiz - "HandelsZeitung", "Bilanz" und "Beobachter" - verlieren Auflage. Zugleich scheint die digitale Transformation noch am Anfang zu stehen. Welche Perspektive sehen Sie?¨
Da habe ich eine andere Wahrnehmung. Wir sind daran, konsequent zu digitalisieren - gerade beim "Beobachter" sehen wir große Potenziale. Mit Apps, Websites und Bewegtbild. Es gilt die gleiche Strategie wie im ganzen Unternehmen - und wir haben in der Schweiz ein sehr gutes Management.

Eine Tageszeitung fehlt Ihnen in der Schweiz.
Haben Sie eine?

Es stehen immer mal wieder welche zum Verkauf, zuletzt wechselte die "Basler Zeitung" den Besitzer.
Eine reine Zeitung würden wir heute nicht erwerben. Höchstens Marken, die multimedial sind oder das Potenzial dazu haben.

Wie läuft das Joint-Venture mit Ringier in Osteuropa?
In den Märkten gibt es konjunkturellen Gegenwind. Die Zusammenarbeit mit Ringier ist schon fast eine unheimliche Quelle der Freude! Oft ist es ja so: Man flirtet miteinander, verlobt sich, und dann stellt man fest, wie mühsam das tägliche Zusammenleben ist. Bei Ringier und Springer ist es umgekehrt. Wir haben hart verhandelt, jetzt aber läuft es wunderbar zwischen uns.

Wenn Ringier eine Quelle so grosser Freude ist: Gibt es weitere Geschäftsfelder, auf der Sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnten?
Wir konzentrieren unsere Zusammenarbeit auf unsere gemeinsamen Aktivitäten in Osteuropa und da können wir uns noch eine Menge vorstellen.

2002 verhandelten Springer und Ringier über eine Fusion, sie scheiterte an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Könnte eine Fusion oder eine Übernahme wieder zum Thema werden?
Das Thema stellt sich nicht.

Nur mal als Gedankenspiel.
Sie wollen mich aufs Glatteis führen (lacht). Nein, das Thema stellt sich wirklich nicht.

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