Watson: Das 20-Millionen-Franken-Experiment

Christof Moser

Christof Moser ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 26. Oktober 2013 23:30

Hansi Voigt (ganz rechts) und sein Entwicklungsteam im «Watson»-Büro in Zürich West. Foto: Mathias Marx


Mobiler, bunter und munterer als alles, was bisher auf dem Markt ist: So soll das Onlineportal «Watson» werden, das Ex-«20 Minuten»-Chefredaktor Hansi Voigt derzeit auf die Startrampe schiebt. Ein Redaktionsbesuch.

Ein Bürogebäude an der Hard-strasse in Zürich West, zweiter Stock, direkt an der Hardbrücke, die Fenster auf Fahrbahnhöhe, mit Aussicht auf den steten Fluss der Mobilität – hier entsteht das derzeit meist beäugte Schweizer Medienprojekt: Watson. Eine digitale Plattform, die Journalismus auf Smartphone-Bildschirmgrösse optimiert und damit um Aufmerksamkeit der «Wisch und weg»-Touchscreen-Generation buhlen soll, der nachgesagt wird, die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern zu haben, die ihr Ritalin nicht schlucken.

Wer in diesen Tagen die Watson-Redaktion besucht, taucht ein in das aufgeregte Wuseln eines digitalen Start-ups kurz vor dem Start, mit allem, was dazu- gehört: funktionales Büromobiliar, Topfpflanzen, die noch grün sind, weil das Projekt noch jung ist, eine Kaffeemaschine im Dauerbetrieb, herumfläzende Programmierer und Bewerbungsgespräche im Stundentakt. Und mittendrin steht, mit dem typischen Dreitagebart eines digitalen Medienmachers: Hansi Voigt. Der Ex-Chefredaktor von «20 Minuten»-Online ist der Kopf von Watson, AZ-Verleger Peter Wanner, der auch die «Schweiz am Sonntag» herausgibt, das Portemonnaie.

Im AZ-Verwaltungsrat ist Anfang dieser Woche der entscheidende Vertrag unterzeichnet worden, der das Projekt, für das in den nächsten drei bis vier Jahren mit einem Finanzierungsbedarf von 20 Millionen Franken gerechnet wird, auf die Startrampe schiebt. Die AZ-Medien und Wanners private BT Holding beteiligen sich je zur Hälfte an Voigts FixxPunkt AG. Zehn Prozent der Aktien werden für die Gründer reserviert und fünf Prozent für die Mitarbeiter.

«Mich haben der Pioniergeist, die Macherqualitäten und die journalistische Leidenschaft von Hansi Voigt überzeugt», sagt Peter Wanner, gefragt nach den Gründen für den positiven Investitionsentscheid. Dabei geht es für Wanner auch darum, mit seinem Verlag ins digitale Mediengeschäft vorzustossen: «Ich kann ja nicht nur in eine Druckmaschine investieren, sondern muss auch in New Technology und Mobile investieren, denn da wird die Post abgehen. Ich bin selber gespannt, welches Investment ertragreicher sein wird.» Das Bauchgefühl, so Wanner, sei «sehr gut», auch wenn bisher keine weiteren Investoren an Bord geholt werden konnten: «Wir können das Projekt auch allein stemmen».

Abhängig von weiteren Investoren wird vor allem sein, ob Watson dereinst auch nach Deutschland und Österreich expandieren kann. Ein wesentliches Asset des Projekts ist das Redaktionssystem, an dem IT-Entwickler in Zürich und Warschau arbeiten – es soll in Lizenz weiterverkauft und zu einer Einnahmequelle werden. «Dass wir auf der grünen Wiese ein neues System entwickeln können, zugeschnitten auf die Bedürfnisse einer digitalen Redaktion für mobile Medieninhalte, ist für den Erfolg entscheidend», sagt Hansi Voigt.

Noch Entscheidender für das Projekt wird allerdings, ob Watson genügend Aufmerksamkeit generieren kann, um nachhaltig Journalismus finanzieren zu können. Die Ansage ist ambitioniert: Für Watson ist das Tamedia-Portal «20 Minuten»-Online, das jüngst mit strategisch gewollten, seichteren Inhalten die Zugriffszahlen in neue Höhen schrauben konnte, so etwas wie der Hauptgegner. Inoffizielles Watson-Ziel: «20 Minuten» vom Thron stossen. Offizielles, wirtschaftlich relevantes Ziel: der Vorstoss unter die ersten drei der meistbesuchten Schweizer Newsportale, die heute «20 Minuten», «Blick.ch» und «Newsnet» heissen. «Das ist wichtig, weil die Nummer vier im Onlinewerbemarkt faktisch gar nicht mehr existiert», so Voigt. Die Aufgabe ist nicht einfacher geworden, seit das Verlagshaus Ringier letzte Woche angekündigte, eine Schweizer Kopie von «Buzzfeed» lancieren zu wollen, um den «Blick am Abend» ins digitale Zeitalter zu überführen. Der «Buzzfeed»-Erfolg in den USA basiert auf klickträchtigen, im Internet zusammengesuchten Inhalten, die mit investigativen Eigenleistungen kombiniert werden. Ob Ringier nicht nur das Portal, sondern auch den Erfolg mit den geplanten zehn Mitarbeitern wird kopieren können – Voigt zweifelt.

Für Watson, das derzeit 15 Angestellte beschäftigt und fast täglich einen mehr, sollen beim Start gegen 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sein, davon über 40 Journalisten. «Wir wollen nicht einfach Inhalte zusammenklauen, sondern beim Publikum mit guten, eigenen Geschichten punkten», sagt Voigt, der sein künftiges Portal inhaltlich zwischen Newsnet und «20 Minuten»-Online positionieren will. «Wir werden nicht langweilig sein, aber auch nicht dumm». Was das konkret bedeutet, umschreibt Voigt so: «An einem Tag, an dem die ‹Tagesschau› zum wiederholten Mal über einen Gripen-Entscheid im Parlament berichten muss – was wichtig ist, aber keinen interessiert – wird das Topthema bei uns vielleicht US-Sängerin Miley Cyrus und ihre Sexkapaden sein – darüber reden alle, und auch darüber kann man intelligent berichten.» Inhaltlich sei der grosse Vorteil von Watson, sagt Voigt, «dass wir alles können und nichts müssen». Dass er nur auf quotenträchtiges journalistisches Kurzfutter setzen wird, bestreitet er: «Es wird bei uns auch lange Reportagen geben, die kurzfristig kaum Klicks bringen, aber langfristig das Portal im Lesermarkt hochwertig positionieren.» Geplant sind auch Kooperationen mit anderen Medien – mehr will er dazu allerdings noch nicht sagen.

Voigts Hauptaufgabe derzeit: Das richtige Personal finden für das Projekt – und die wachsende Redaktion auf das digitale Abenteuer einschwören. «Bei uns darf niemand sagen, dass er eine Geschichte schreiben will. Bei uns werden Geschichten gemacht» – mit allem, was Multimedia an Möglichkeiten bietet: Bewegtbilder, Töne, Texte. Voigts Vorteil: Er kann auf Mitarbeiter bauen, die multimedialen Onlinejournalismus können. Der grösste Teil seiner heutigen und wohl auch künftigen Crew kommt von «20 Minuten»-Online. 40 der insgesamt 64 Journalisten des Tamedia-Portals haben seit Hansi Voigts Abgang mit Getöse im Herbst 2012 ebenfalls gekündigt.

Ob Watson, das Geschichten machen will, Schweizer Mediengeschichte schreiben wird, zeigt sich schon bald: Starten soll das Onlineportal im ersten Quartal 2014.

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