70 Jahre Radio-Wunschkonzert und kein Ende in Sicht

Samstag, 13. Februar 2016 23:30

Schon in jungen Jahren wurde Roger Thiriet zum «Radio-Onkel» einer Nation. Foto: Privatarchiv Roger Thiriet


Montag für Montag erfüllt Radio SRF 1 die Musikwünsche seiner Hörerinnen und Hörer.

Von Roger Thiriet

Will ich mich ein paar Jahrzehnte jünger fühlen als ich bin, stelle ich an einem beliebigen Montag um 20 Uhr Radio SRF 1 ein. Und wie damals, als der Landessender als Radio Beromünster, Schweizer Radio oder Radio DRS den Äther beherrschte, erwartet mich dort punkt 20 Uhr «Das Wunschkonzert». Und mit ihm die exakt gleichen Ländler, Schlager und Klassiker, die ich schon zu meiner Moderatorenzeit vor 40 Jahren mit Namen und Grüssen garniert habe. «Dr Schacher Seppli» von Ruedi Rymann. «Aber dich gibt’s nur einmal für mich» von den Nielsen Brothers. Der «Bolero» von Maurice Ravel. Die Wunschsendung des einstigen Monopolsenders hat als mediale Insel der Konstanz nicht nur der Konkurrenz der Lokalradios standgehalten, sondern auch alle Reorganisationen und Konvergenzen der SRG unbeschadet überstanden. Morgen Montag feiert die Sendung ihren 70. Geburtstag und ist damit aufs Jahr gleich alt wie der andere Monolith des Staatsradios, das «Echo der Zeit».

Als die Radiostudios der deutschen Schweiz in Basel, Bern und Zürich noch ihre eigene Programmhoheit ausübten, war jedes stolz auf seine «Flaggschiffe». Bern auf das «Bluemete Trögli» und die Gotthelf-Hörspiele. Zürich auf das Radio-Cabaret mit Hans Gmür, Ueli Beck, Elisabeth Schnell & Co. oder die erste Autofahrer-Sendung «Chömed guet hei». Und Basel auf den Samstag-Sketch «Spalebärg 77a» mit den Volksschauspielern Margrit Rainer und Ruedi Walter sowie – eben – das «Wunschkonzert». Die erste Ausgabe moderierte am 11. Februar 1946 Fritz Schäuffele, der später als Chef und Ausbildner der Fernsehansagerinnen zum jungen Schweizer Fernsehen nach Zürich ging. Auf ihn folgten Kolleginnen und Kollegen wie Edith Schönenberger, Willy Buser, Paul Göttin und die TV-Legende Heidi Abel, als deren gelegentlicher «Einspringer» ich im Februar 1972 die illustre Reihe fortsetzen durfte. Und so in jungen Jahren zum «Wunschkonzert-Onkel» einer Nation wurde, in der DRS 1 eine faktische Monopolstellung hatte und entsprechend schwindelerregende Marktanteile auswies.

In dieser Aufgabe mit höchst dankbarem Hörerkontakt und -feedback erschlossen sich mir in der Folge gänzlich neue Publikumssegmente. Die Wunschbriefe und -postkarten trugen damals in der Hauptsache drei Absender: Die Mädcheninstitute von Lucens, Lutry und Rolle, wo junge Deutschschweizerinnen im Welschlandjahr mit den ersten Transistorradios unter dem Kopfkissen gegen das Heimweh kämpften. Die Strafvollzugsanstalten von Oberschöngrün, Hindelbank und Lenzburg, deren Insassen auf das Radio als einzige Verbindung zur Aussenwelt zurückgeworfen waren. Und die Alphütten auf Dräckloch, Oberchäseren und Älggi, in denen die Sömmerer über Mittelwelle, UKW und das Sendestudio auf dem Basler Bruderholz den Kontakt zu Freunden und Familien unten im Tal hielten. Sie erhielten mit der Zeit gar ihre eigenen Wunschkonzerte: Für ein rührseliges Rendez-vous mit den Straffälligen war lange Jahre der Montag vor Weihnachten reserviert, und das «Älplerwuko» wuchs sich mit der Zeit zu einer live übertragenen Monsterstubete aus, zu der an einem Montag im Hochsommer die halbe alpaffine Schweiz auf den Urnerboden reist – dieses Jahr auch schon zum 25. Mal ...

Die «Specials» waren eine Erfindung der langjährigen Redaktorin der Sendung. Während meine moderierenden Vorgängerinnen und Vorgänger sich jeweils kurz vor der Sendung die nötige Anzahl Wunschzuschriften aus dem Posteingangskorb fischten und im Vorbeigehen in der Phonothek die dazugehörigen Platten zusammensuchten, baute jene legendäre Hilde Thalmann das Management ihrer Sendung zum Fulltime-Job aus. Kein Brief, keine Karte, kein Fresszettel, der nicht nummeriert und archiviert, keine Zuschrift, die nicht beantwortet, keine Statistik, die unter ihrem Regime nicht penibel geführt worden wäre.

Vor allem anderen achtete sie peinlich genau darauf, dass sich keine Geburtstagsgrüsse in die Sendung schlichen. Und ein einmal gespielter Titel erst nach einer Sperrfrist von sechs Wochen wieder ins Programm kam.

Mit dem Sendestart der Lokalradios vor nunmehr auch schon 35 Jahren verlor das einstige Beromünster/DRS/SRF-Flaggschiff seine Alleinstellung. Wunschkonzerte sind zu billig zu produzieren und sorgen für zu viel Hörerbindung, als dass auch nur einer der Newcomer in der privaten Szene auf dieses populäre Format hätte verzichten können. Dennoch hat die Mutter aller Wukos überlebt und wird auch in den nächsten Jahren Montag für Montag die ewig gleichen Wünsche nach dem Schacher-Seppli, den Nielsen Brothers und dem Bolero erfüllen. Im Gegensatz zu früher darf man heute allerdings in der Sendung zum Geburtstag gratulieren. Also dann, liebes «Wunschkonzert»: Happy birthday to You!

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