Das Projekt «Neo» der NZZ

Von Othmar von Matt und Christof Moser


Samstag, 06. September 2014 23:30


News primär im Netz, Hintergrund im Print? Die NZZ plant einen radikalen Relaunch.

«Neo» stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet «neu», «frisch», «jung». Das Wort steht ausserdem für «ungewöhnlich» und «revolutionär».

«Neo» heisst auch das Projekt, mit dem die NZZ-Gruppe die Krise in der Medienindustrie überwinden will. Der entsprechende Prozess sei rollend und finde im grösstmöglichen internen Kreis statt, sagen Eingeweihte.

Mehrere Quellen aus der NZZ-Redaktion glauben, das Projekt «Neo» gehe in der Konsequenz sehr weit – und sei bereits weit gediehen. Geplant sei mittelfristig, Aktualität und News in der Tendenz online zu publizieren, Hintergründiges dagegen nur noch in der Printausgabe. Diese soll zu einer Art Best-of aller journalistischen Angebote werden – seitenmässig deutlich ausgedünnt.

Das sorgt für Unruhe bei der NZZ. Noch immer gilt dort bei vielen Journalisten ein Zweiklassensystem. Selbst wer einen Artikel nicht in der gedruckten Zeitung unterbringt, will ihn tendenziell nicht online publizieren. Eher wartet man ab, bis sich doch noch Platz in der Printausgabe findet. Nach dem Motto: Nur was gedruckt ist, hat seinen Wert.

Veit Dengler, CEO der NZZ-Medien-gruppe, bestätigt das Projekt «Neo» gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Es sei jedoch «kein Konvergenzprojekt», betont er: «Das Ziel ist, den Kunden – unabhängig vom Kanal – das zu liefern, was sie wollen. Und wir wissen, dass unsere Kunden auf allen NZZ-Kanälen nach Hintergrund suchen.» Dass die NZZ-Gruppe im Internet nur noch News verbreiten wolle und in der Zeitung nur noch Hintergrund, «stimmt so nicht», so Dengler. «Aber es stimmt, dass wir uns intensiv über das Konzept Zeitung den Kopf zerbrechen und einen Relaunch der gedruckten NZZ oder mehr anstreben.» Der Verlag werde dazu im Herbst auch Marktforschung betreiben. Man sehe «Neo» als offenen Prozess, «unter Einbindung der Mitarbeiter».

Dass in der NZZ-Gruppe intensive Diskussionen über die Strategie stattfinden, machte NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod gestern in der NZZ selbst publik – allerdings ohne konkret auf das Projekt «Neo» einzugehen. Man beobachte zwei Strategien, wie Verlage die Krise in der Medienindustrie zu kontern versuchten, schrieb Jornod in seinem Beitrag: «Diversifizierung des Kerngeschäfts contra Fokussierung auf das Kerngeschäft.» Jornod macht klar, dass die NZZ-Gruppe die Strategie der Fokussierung verfolge. Im NZZ-Verwaltungsrat sei man «überzeugt davon», dass man auch in Zeiten des strukturellen Wandels von hochwertigem Journalismus leben könne. «Entsprechend setzen wir alles daran, unsere Wertschöpfung aus dem Kerngeschäft – der Publizistik – auch im digitalen Zeitalter zu sichern.»

Jornod beschreibt die Ziele «in Kürzestform» so: «Wir schaffen hochwertigen publizistischen Inhalt. Wir verbreiten ihn über verschiedene Träger und in verschiedenen Märkten. Wir überlassen die Wahl der Nutzung unseren Kunden. Wir wollen damit erfolgreich sein.»

Zuvor war die NZZ beim Personal in die Offensive gegangen. Sie holte unter anderem Colette Gradwohl, die ehemalige Chefredaktorin des «Landboten», und Peer Teuwsen, den früheren Chef der Schweizer Ausgabe der «Zeit». Gradwohl übernimmt die publizistische Produktverantwortung Print/Replika und ist federführend am Projekt «Neo» beteiligt. Mit dieser Investition in Köpfe und Kompetenzen hoffe die NZZ, ihre «führende Position im hochwertigen Journalismus ausbauen zu können», teilte das Unternehmen im Juni mit.

Wie sehr es eilt – auch das macht Jornod in seinem NZZ-Beitrag klar: «Die in wenigen Tagen publizierten neusten Reichweiten-Daten für die gedruckten Zeitungen zeigen in aller Deutlichkeit, dass wir uns bewegen müssen.»

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