Markus Somm soll NZZ-Chef werden

Christof Moser

Christof Moser ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 13. Dezember 2014 23:30

Alter und neuer NZZ-Chefredaktor? Der geschasste Markus Spillmann (vorne) und Markus Somm (im Hintergrund) am Verlegerkongress 2014.


NZZ-Verwaltungsrat riskiert den Aufstand von Aktionären, Mitarbeitern und Lesern.

Markus Spillmann ahnt vorletzten Freitag noch nicht, dass er den Posten als NZZ-Chefredaktor bald los sein wird. Er weilt am 8. Mediengipfel im österreichischen Lech am Arlberg. In Zürich sickert derweil die Information aus dem NZZ-Verwaltungsrat, dass Spillmann abgesetzt wird – und BaZ-Chefredaktor Markus Somm als Nachfolger vorgesehen ist.

Spillmann, Kürzel «msn», Artillerieoffizier, studierter Historiker, Philosoph und Volkswirtschafter und nach einer steilen Karriere mit Stationen als Inlandredaktor beim «Badener Tagblatt», Auslandredaktor bei der NZZ und Auslandchef bei der «NZZ am Sonntag» seit 2006 Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», geriet seit Anfang Jahr zunehmend unter Beschuss. Auf der Abschussliste stand er allerdings nicht zum ersten Mal. Bereits 2011, als Konrad Hummler Verwaltungsratspräsident der NZZ wurde, schienen Spillmanns Tage an der Redaktionsspitze gezählt.

Nach einer Anstandsfrist soll Hummler geplant haben, Spillmann durch Somm zu ersetzen, der seit 2010 Christoph Blochers «Basler Zeitung» leitet. Sicher ist, dass Hummler Somm neben anderen Namen auf einer Liste möglicher Nachfolger führte. Umgesetzt wurde die Einwechslung Somms damals gemäss NZZ-Quellen nur deshalb nicht, weil sich Hummler im März 2013 als Verwaltungsratspräsident zurückziehen musste, um sich auf die juristischen Auseinandersetzungen im Steuerstreit seiner Bank Wegelin mit den USA zu konzentrieren – was Somms Traum vom NZZ-Chefposten vorerst platzen liess. Dafür sass Spillman – trotz Machtkämpfen mit dem damaligen CEO Polo Stäheli – vorübergehend wieder fest im Sattel.

Bis Anfang dieses Jahres. Markus Spillmanns Auftritt im ARD-Talk «Anne Will» nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative im Februar geriet zum PR-Debakel in eigener Sache. «Sehr schweigsam» sei der NZZ-Chef gewesen, urteilte die FAZ, der «Tages-Anzeiger» kritisierte, er sei «stellenweise etwas blass» gewesen. Auch redaktionsintern wurde der Fernsehauftritt als «verunglückt» kritisiert.

Für zusätzliches Stirnrunzeln sorgte an der Falkenstrasse Spillmanns Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Vor allem ein Ferienschnappschuss auf Facebook, der ihn bauchfrei in Island zeigt, gab zu reden. Nach der Publikation einer für die NZZ ungewöhnlich relevanzfreien Nacktselfie-Geschichte aus dem Bundesverwaltung druckte die «Weltwoche» Spillmanns Facebook-Foto ab und fragte unter dem Titel «Lendenfrei» spöttisch: «Muss man sich um die NZZ Sorgen machen?» Auf den Gängen in der NZZ-Redaktion zerriss man sich zu diesem Zeitpunkt zudem das Maul über Spillmanns privaten Turbulenzen, die in der neuen Liebe zu einer NZZ-Redaktorin gipfelten.

So ambitionierte und machtbewusste NZZ-Fürsten wie Inlandchef René Zeller begannen, Spillmann in der Redaktion offen zu kritisieren – vor allem, weil Spillmann wegen seiner Jobkumulation als Mitglied der Unternehmensleitung, Leiter Publizistik und Chefredaktor auf der Redaktion kaum mehr präsent war und auch publizistisch nur selten in Erscheinung trat. Zeller, der am Freitag für den abgesägten Spillmann einen Apéro organisierte, galt diese Woche auf der Redaktion als aussichtsreichster interner Kandidat für den Chefredaktorenposten.

Spillmann war also bereits angezählt, als er den schwerwiegendsten publizistischen Fehler seiner Chefredaktorentätigkeit beging. Nach der Publikation eines kritischen Kommentars über das Outing von Apple-CEO Tim Cook als Homosexueller distanzierte er sich Ende Oktober via Twitter öffentlich davon, bezeichnete den Kommentar als «Fehlleistung» und stellte damit die verantwortliche Autorin, Wirtschaftskorrespondentin Christiane Hanna Henkel, bloss. Die «Süddeutsche Zeitung» kommentierte Spillmanns Vorgehen aussergewöhnlich scharf mit den Worten: «In diesem Herbst hat die ‹Neue Zürcher Zeitung› ihren Geist aufgegeben» – was in den NZZ-Führungsgremien mehr als nur gehobene Augenbrauen provozierte. Pikantes Detail: Autorin Henkel und NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod kennen sich aus der Alumni-Vereinigung der École des Hautes Études Commerciales (HEC).

Seit dem verunglückten Kommentar gilt bei der liberalen NZZ das Vier-Augen-Prinzip. Das Versagen der redaktionsinternen Kontrollmechanismen wurde Markus Spillmann angelastet, der dem Verwaltungsratspräsidenten damit den berühmten Tropfen lieferte, der das Fass zum Überlaufen brachte. Bei Jornod setzte sich definitiv die Meinung durch, dass Spillmann mit seiner Ämterkumulation überfordert ist. Im Verwaltungsrat erhielten die Stimmen auftrieb, die Spillmann seit längerem vorwarfen, inhaltliche Baustellen nicht anzugehen. Der Inlandteil gilt ihnen als zu mainstreamig und teilweise zu links. Als unverzeihlich erachteten einige Verwaltungsräte, dass die NZZ die Verwässerung der Zweitwohnungsinitiative durch die bürgerliche Parlamentsmehrheit in einem Kommentar als «schamlosen Verfassungsbruch» geisselte. Als weitere Baustelle gilt der Zürcher Lokalteil, der als «zu gouvernemental und langweilig» kritisiert wird.

Angelastet wurde Spillmann auch der Rekordverlust an Lesern in der letzten Erhebungsperiode. Dass die NZZ im Lesermarkt mit strukturellen Problemen kämpft wie fast alle Zeitungen, liess der Verwaltungsrat nicht gelten. Als weiteren Vorwurf musste sich Spillmann die Kritik gefallen lassen, er treibe die Digitalisierung zu wenig konsequent voran.

Die geballte Kritik führte dazu, dass Spillmann in der von Jornod gewälzten Neustrukturierung der publizistischen Leitung im Geschäftsbereich NZZ einen empfindlichen Machtverlust hätte hinnehmen müssen. Als gesichert gilt neben der Entmachtung als Chefredaktor die Entfernung aus der Unternehmensleitung. Unsicher ist, ob Spillmann den Posten als Leiter Publizistik hätte behalten können. Jedenfalls informierte Jornod am vergangenen Sonntagabend den völlig überrumpelten Markus Spillmann telefonisch über seine bevorstehende Absetzung als Chefredaktor. Ob Jornod ihm da schon eröffnete, dass Markus Somm sein Nachfolger werden soll, ist unklar.

Dies erfuhr Spillmann spätestens am Montag, als der NZZ-Verwaltungsrat zu seiner zweitägigen Sitzung zusammentraf. Laut übereinstimmenden Quellen wagte Spillmann den Machtkampf und drohte mit seiner Kündigung, sollte Somm zum Chefredaktor gewählt werden. Doch Spillmann überschätzte seinen Rückhalt. Einstimmig stellte sich der NZZ-Verwaltungsrat hinter die Umbaupläne ihres Präsidenten. Eine Mehrheit entschied sich auch für Somm statt Spillmann als Chefredaktor. Auf Facebook postete der geschasste Spillmann am Mittwochmorgen um 8.17 Uhr: «#Spillmann #NZZ Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen. Albert Einstein.»

Da Spillmann nicht gute Miene zum bösen Spiel machen wollte, forderte er von Jornod am Dienstag die sofortige Information der Redaktion über seinen Abgang. Eine geplante Mitarbeiterinformation am Dienstagnachmittag um 15 Uhr über das ablaufende und kommende Geschäftsjahr wurde kurzfristig zum Informationsanlass zu Spillmanns Rücktritt umfunktioniert. Spillmann hatte dabei Tränen in den Augen. CEO Veit Dengler sagte kein Wort. Jornod wurde mit Fragen der Mitarbeiter bestürmt, zumal kurz vor der Veranstaltung via Twitter ruchbar wurde, dass Markus Somm als Nachfolger vorgesehen ist.

Dass der Verwaltungsrat zu diesem Zeitpunkt Somm bereits durchgewinkt hatte, verschwieg Etienne Jornod der Redaktion. Stattdessen sagte er, die Suche nach einem Nachfolger sei erst angelaufen – was im weiteren Verlauf dieser Geschehnisse noch zu reden geben dürfte. Um die Gerüchte zu Somm zu zerstreuen, wurde eine Namensliste mit möglichen Spillmann-Nachfolgern in Umlauf gebracht. Die Indizien für den Somm-Coup hatten sich allerdings bereits im Verlauf des Dienstagnachmittags zur Gewissheit verdichtet. Aus der BaZ-Redaktion sickerte, dass Somm Vertraute darüber informierte, dass er «in der Pole Position als NZZ-Chefredaktor» sei. Seine Teilnahme an der Aufzeichnung der TV-Sendung «BaZ-Standpunkte» am vorvergangenen Freitag sagte Somm kurzfristig ab. Der Planung für TV-Termine 2015 verweigerte er sich. Bekannte beschrieben ihn als «völlig von der Rolle» in den letzten Wochen. Gegenüber «Onlinereports» sagte Somm am Dienstag, angesprochen auf die NZZ-Gerüchte: «Dazu sage ich nichts.»

Dass Markus Somm, der sich selber als «Statthalter Blochers» bezeichnet, ihr neuer Chef werden soll, erfährt die NZZ-Redaktion aus dieser Zeitung. Präventiv haben vergangene Woche mehrere NZZ-Kader, darunter Inlandchef René Zeller, mit der Kündigung gedroht, sollte ihnen Somm vor die Nase gesetzt werden. Die Redaktion pocht auf die Redaktionsstatuten, die besagen, dass sie bei einem Chefredaktorenwechsel angehört werden muss. Am Dienstag ist eine Sitzung des Verwaltungsrats mit den Ressortleitern angesetzt. Thema wird Somm sein.

NZZ-Quellen glauben, dass der Verwaltungsrat die Brisanz der Personalie Somm bei Aktionären, Mitarbeitern und Leserschaft komplett unterschätzt – und hoffen, den Somm-Coup noch vereiteln zu können.

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