Big-Data-Hokuspokus

Samstag, 10. Dezember 2016 23:27


Von Jan Fivaz*

Die Nachricht: Am letzten Samstag erschien im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» ein Artikel, wie die Big-Data-Firma Cambridge Analytica Donald Trump zum Wahlsieg verholfen hat. Basierend auf Daten von Facebook-Benutzern sowie weiteren hinzugekauften Datenbeständen wurden von 220 Millionen amerikanischen Bürgern detaillierte Persönlichkeitsprofile erstellt, die es der Trump-Kampagne ermöglichten, gezielt kleinste Wählergruppen mit massgeschneiderten Informationen zu versorgen. Dieses sogenannte Microtargeting habe der Manipulation von Wählern Tür und Tor geöffnet und Trump schliesslich ins Weisse Haus gebracht. Auch in der Brexit-Kampagne sei die Firma involviert gewesen, und nun würden sich bereits Parteien aus Italien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz für ihre Dienste interessieren.

Der Kommentar: Der Artikel erzählt eine spannende Geschichte zu einem wichtigen Thema. Entsprechend hat er für viel Aufsehen gesorgt, wurde inzwischen aber auch von vielen Seiten heftig kritisiert. Dies zu Recht. Schaut man genauer hin, zeigt sich, dass es die Autoren mit Zuspitzungen übertrieben und inhaltliche Fehler begangen haben. Zudem wurde alles, was nicht zur These passte, dass Trump aufgrund einer Big-Data-basierten (Des-)Informationskampagne gewählt worden sei, einfach weggelassen.

Für Trump war Cambridge Analytica erst ab Juni 2016 aktiv (als eine von mehreren Daten-Firmen). Im Vorwahlkampf hat sie noch für seinen Konkurrenten Ted Cruz gearbeitet, und sie habe ihm aus dem Nichts zu einem «Blitzaufstieg» verholfen. Dies ist kompletter Unsinn. Ted Cruz kam nicht aus dem Nichts, er war seit Jahren ein Star der Tea-Party-Bewegung. Zudem hat die Cruz-Kampagne bereits drei Wochen nach Beginn der Vorwahlen die Zusammenarbeit wegen ungenügender Leistungen eingestellt. Dies passt zum wenig schmeichelhaften Ruf, den Cambridge Analytica bei vielen Kampagnen-Managern geniesst: man verspreche viel, liefere aber umso weniger und schmücke sich mit fremden Federn. Die Firma wurde auch als zwielichtig und «biggest campaign tech bullshitter» bezeichnet, was damit zu tun hat, dass es bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass ihre Methoden bei Wahlkämpfen auch tatsächlich funktionieren.

Das Microtargeting der Trump-Kampagne wurde dazu verwendet, die eigenen Wähler zu mobilisieren und um potenzielle Clinton-Wähler mit gezielter Desinformation von einer Stimmabgabe abzuhalten. Was die Mobilisierung der eigenen Wähler betrifft, scheint der Erfolg weitestgehend ausgeblieben zu sein: Trump hat bei den Stammwählern der Republikaner weniger Stimmen geholt als Mitt Romney 2012, und auch insgesamt hat Romney einen etwas höheren Stimmenanteil (47%) erzielt als Trump (46%). Eine hohe Eigenmobilisierung sieht anders aus. Potenzielle Clinton-Wähler – vor allem schwarze Wähler – mit gezielten Falschmeldungen von einer Stimmabgabe abzuhalten, ist wohl die übelste Methode, auf die die Trump-Kampagne zurückgegriffen hat.

Es gab tatsächlich einen Rückgang der Wahlbeteiligung bei diesem Wählersegment. Er dürfte aber vor allem darauf zurückzuführen sein, dass für die Demokraten Hillary Clinton und nicht mehr Barack Obama kandidiert hat. Zudem haben mehrere von Republikanern regierte Bundesstaaten die Wahlgesetze so verändert, dass Minderheiten und vor allem schwarzen Wählern immer wieder neue Hürden bei der Wählerregistrierung und der Stimmabgabe in den Weg gestellt wurden.

Schwach war auch die Reaktion der «Magazin»-Autoren auf die Kritik an ihrem Artikel. Die Details seien nicht so wichtig, man habe vor allem die Diskussion zu den Risiken von Big Data und Microtargeting anstossen wollen. Es ist richtig, diese Debatte ist von zentraler Bedeutung für unsere Demokratien und verdient mehr Aufmerksamkeit. Man soll aber nicht so tun, als handle es sich um neue Themen. Die Debatte läuft bereits seit Jahren.

Es waren die Demokraten, die ab 2008 mit den Kampagnen von Barack Obama zum ersten Mal in grossem Stil auf Big Data, Microtargeting und Social Media gesetzt haben, was damals schon breit in den Medien diskutiert worden ist. Eine sinnvolle Debatte kann aber nur auf der Basis belegbarer Fakten geführt werden. Der Artikel im «Magazin» liefert keine harten wissenschaftlichen Belege, sondern nur vermutete Zusammenhänge.

Das hält die Autoren aber keineswegs davon ab, ein äusserst düsteres Bild heutiger Demokratien, in denen Wähler skrupellos und hoch effizient von Datenspezialisten und populistischen Politikern manipuliert werden, als unumstössliche Tatsache darzustellen. Auch wird vollständig ausgeblendet, dass die Clinton-Kampagne ebenfalls auf Big Data und Microtargeting gesetzt hat. Gemäss Experten sogar in grösserem Umfang und mit technisch ausgereifteren Methoden als Trump. Gewonnen hat sie dennoch nicht. Offenbar lassen sich auch heute Wahlen noch nicht allein mit Facebook und Big Data gewinnen.

*Jan Fivaz studierte Neue und Neueste Geschichte sowie Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern. Er untersucht im Rahmen eines Forschungsprojektes die Benutzung der Online-Wahlhilfe Smartvote.

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