«Am liebsten habe ich schon vor dem Essen ein Meitli»

Von Sacha Ercolani, Patrik Müller


Samstag, 24. November 2012 23:10

Marc Faber beim Hotel Regina im Zürcher Langstrassen-Quartier: «Mit wenigen Ausnahmen tun es alle.» Foto: Markus Forte


Ob Callgirls oder Put-Optionen: Der Ökonom und Untergangsprophet Marc Faber spricht offen wie sonst kaum jemand. Er sagt, wie man jetzt sein Geld am besten anlegt, warum das Nachtleben in Zürich auch schon besser war – und wieso er keine Matur mehr machen würde, wenn er noch einmal jung wäre.

Herr Faber, Sie sind gerade in Zürich – warum wohnen Sie in einem 3-Sterne-Hotel an der Langstrasse und nicht im «Dolder» oder im «Baur au lac»?
Marc Faber: Weil es in diesem Quartier hier glatter ist. Die besten Restaurants sind in nächster Umgebung, vom «Academia» über das «Pergola» bis zur «Casa Aurelio». Und, ja: Es gibt hier am Abend auch noch andere Unterhaltung als nur Essen.

Wie meinen Sie das?
Hier treffe ich viele Freunde für den Ausgang. Ganz normale Leute, keine Anwälte oder Bankiers, denn mit denen habe ich sonst den ganzen Tag zu tun. Die meisten von diesen Freunden waren schon einmal im Knast und bringen eine gewisse Lebenserfahrung mit. Wir haben es immer sehr lustig. Aber es ist in Zürich nicht ganz billig.

Sie sind sich von Thailand her, wo Sie wohnen, anderes gewohnt.
Wenn ich in Zürich in den Ausgang gehe, dann muss ich für Apéro und Nachtessen mit mindestens 200 bis 300 Franken rechnen – ohne Meitli!

Ohne Meitli?
(Lacht) Sie verstehen schon. In Thailand hat man für 150 Franken alles inbegriffen.

Also auch die Prostituierte nach dem Nachtessen?
Am liebsten habe ich schon vor dem Essen ein Meitli. Dann verliere ich keine Zeit.

Das sagen Sie einfach so? Sie sind doch verheiratet.
Meine Frau hat das nicht gern, aber sie kann damit leben. Eigentlich ist das ja ganz normal. Hier an der Hohlstrasse und Langstrasse sieht man immer die schönsten Autos, Bentleys, Ferraris und – schauen Sie da draussen! – Porsches. Alle Leute, die an der Bahnhofstrasse hocken und behaupten, sie machen nicht herum, sind Heuchler. Hypokriten. Mit ganz wenigen Ausnahmen tun es alle.

Ist Zürich im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig?
Zürich ist fürs Nachtleben eine super Stadt, eine der besten in ganz Europa. Doch an der Langstrasse hat sich viel verändert: Früher wurde dieses Quartier von Hells Angels, ein paar Mafiosi, Türken oder Jugos kontrolliert – seit einiger Zeit aber räumen die Beamten hier auf. Die Stadt hat sogar Lokale aufgekauft und darin Galerien für Velofahrer und solche Leute eingerichtet. Die Beamten haben einen Polizeistaat errichtet! Seither ist es nicht mehr so stimmungsvoll.

Zum Wohl der Anwohner: Das Quartier ist sicherer geworden.
Ich hatte in diesem Milieu nie Angst. Wenn man sich hier anständig benimmt, dann passiert nie etwas. Wer aber beispielsweise ein Meitli nach dem Sex nicht bezahlt, bekommt von ihrem Zuhälter eins um die Ohren.

Wie haben sich denn die Preise im Zürcher Nachtleben entwickelt?
Meitli in Zürich kosten sehr viel Geld. Als ich in Zürich studierte, standen die Nutten noch an der Dufourstrasse und kosteten 100 Franken. Heute kriegen Sie zwar immer noch eine für 100 Franken, wenn Sie wollen. Aber: In einem Kabarett ist es massiv teuer, in solchen Luxusläden kostet es, bis Sie eine «rausgelupft» haben, schnell einmal 1500 Franken. Allerdings ist Zürich damit eher billiger als Paris, Rom oder auch Griechenland. Unschlagbar günstig ist es in Thailand, dort kann man für 40 Franken den ganzen Abend saufen.

Sie trinken offenbar viel.
Ja, das würde ich sagen. Eher zu viel als zu wenig. Vom Bier nehme ich zu, darum trinke ich oft auch Whiskey. Und natürlich auch Wein.

Täglich?
Es gibt Leute, die nehmen Schlaftabletten, ich trinke halt am Abend jeweils drei bis vier Bier, dann schlafe ich super. Ich trinke jeden Tag, besoffen bin ich deswegen aber nicht. Höchstens angeheitert.

Was ist für Sie Genuss?
Es ist ein Glück, im Leben eine Arbeit zu haben, die man gerne macht. Einzig das Schreiben meiner Newsletter – das macht drei Viertel meiner Arbeitszeit aus – stinkt mir manchmal schon sehr. Das ist wie Bergsteigen, sehr anstrengend.

Wie viele Abonnenten haben Sie?
Das gebe ich nicht bekannt, sonst weiss jeder, was ich verdiene. Mein monatlicher Börsenbrief und der Website-Report laufen sehr gut. Aber das Ganze kommt ja nicht von selbst, ich muss täglich Informationen sammeln und analysieren.

Warum tun Sie sich den Stress noch an, Sie haben ja längst ausgesorgt?
Das wäre mir zu langweilig, oder soll ich wirklich den ganzen Tag saufen? (lacht) Ich habe schon die ganze Welt gesehen und wüsste nicht, was ich als Pensionierter machen sollte.

Ihr Markenzeichen ist der Pessimismus, Sie gelten als Untergangsprophet. Zurzeit sind das aber fast alle Wirtschaftsexperten, das ist nicht mehr sehr originell.
Ich sah einige Krisen voraus, auch die Finanzkrise von 2007/2008. Aber ich bin nicht immer pessimistisch. Am 6. März 2009 wurde ich von Bloomberg interviewt. Ich sagte: Jetzt würde ich Aktien kaufen. Denn die Aktienmärkte waren überverkauft. Das erwies sich als richtig. Dennoch: Ich bleibe ein grosser Pessimist. Die geopolitischen und sozialen Probleme wachsen uns über den Kopf. Das Finanzsystem, wie wir es heute kennen, wird irgendwann zusammenklappen.

Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Die Frage ist, wie schützt man sich am besten: Mit Bargeld, mit Staatsobligationen oder mit Aktien? In der Regel sind Anteile an Unternehmen in Krisen recht gut. Wer Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland Bargeld hielt, verlor im 1. und 2. Weltkrieg alles durch Hyperinflation. Wer hingegen Anteile an Unternehmen hatte, behielt sein Vermögen, weil die Unternehmen überlebten.

Sind nicht Immobilien am sichersten?
Sie bieten gute Sicherheit, aber in Deutschland kam es stark drauf an, ob Sie ein Haus im Westen oder im Osten besassen. Im Osten kam es zu Enteignungen. Letztlich kommt es immer auf eine gute Diversifikation an, auch geografisch. Ich würde auch nie das ganze Vermögen bei einer einzigen Bank in einem einzigen Land haben. Sondern auch noch einen Teil zum Beispiel in Singapur.

Heute herrscht ein eigentlicher Anlagenotstand: Sparzinsen gibt es kaum noch, die Immobilienpreise sind hoch, Aktien riskant, Obligationen rentieren kaum. Was tun?
Gehen Sie ins Puff! (lacht) Dann haben Sie etwas davon. Wenn ich 200 000 Franken zum Anlegen hätte, würde ich wahrscheinlich eine Immobilie kaufen. Aber nicht in Zürich, sondern auf dem Land, wo es günstiger ist.

Sie kaufen auch Kunst als Anlage.
Ein Andy Warhol ist heute zehnmal mehr wert als vor zehn Jahren. Mindestens. Aber wenn eine Krise kommt, was dann? Vielleicht können Sie ihn schon verkaufen. Aber zum halben Preis.

Womit haben Sie am meisten Geld verdient im Leben?
(denkt nach) Das meiste habe ich schon verdient, indem ich gearbeitet habe. Mit meinem Newsletter, mit Vermögensverwaltung, mit Verwaltungsratsmandaten. Ich bin wie eine Nutte: Ich bewege mich nur, wenn ich bezahlt werde.

Wie viele Millionen haben Sie auf der hohen Kante?
Das sage ich nicht. Aber es ist genug, sodass ich nur aus Spass arbeite. Ich verdiene mehr, seit ich nur noch selten handle. Ich verschiebe zwei-, dreimal im Monat die Positionen ein wenig. Früher glaubte ich zu wissen, wie sich die Börse entwickelt. Heute bin ich der Ansicht: Wir wissen nicht, was morgen ist, wir müssen die Wahrscheinlichkeiten abschätzen – und genug Reserve haben, um profitieren zu können, wenn ein Unfall passiert.

Kann die Nationalbank den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken halten?
Ja, indem sie Franken druckt und druckt, aber die Nachteile sind gross. Man sieht das beim Hongkong-Dollar, der seit 1983 an den US-Dollar gebunden ist. Hongkong kann keine eigenständige Geldpolitik mehr betreiben, weil die Zentralbank alles Augenmerk auf den Wechselkurs richten muss. Das führt zu gewaltigen Preisausschlägen bei Vermögenswerten. Die Immobilienpreise gehen mal massiv rauf, dann wieder runter. Das ist schlecht.

Sie sind gegen den Euro-Mindestkurs?
Ja, die Nationalbank hat einen Riesenfehler gemacht. Eine starke Währung ist langfristig nicht schlecht für den Export. Denn die Schweiz exportiert hohe Qualität, und da macht der Lohnanteil eines Produkts nur wenig vom Endpreis aus.

Immerhin hat der Mindestkurs bis jetzt die Inflation nicht angeheizt. Die Teuerung ist nahe bei null.
Wie stark sind Ihre Versicherungsprämien in den letzten Jahren gestiegen?

Ziemlich stark, aber gemessen am Index der Konsumentenpreise haben wir insgesamt keine Teuerung.
Wer misst den Konsumentenpreisindex? Die Regierung oder Sie? Es ist nicht wichtig, wer wählt, sondern, wer die Stimmen zählt. Die offizielle Inflation täuscht. Die Schweiz ist wesentlich teurer als vor 20 Jahren. Ganz deutlich. Schauen Sie sich Preise der Privatschulen an, der Spitäler, des Fleisches, der Ski-Tageskarte in St. Moritz: Das ist alles teurer geworden. Singapur ist eines der Länder mit den ehrlichsten Statistiken. Und es betreibt eine relativ strikte Geldpolitik. Aber die offizielle Inflation ist 4,4 Prozent. Die wahre Teuerung dürfte in der Schweiz ähnlich sein, vielleicht 3 bis 4 Prozent.

In welches Land würden Sie heute auswandern, wenn Sie gerade fertig studiert hätten und reich werden möchten?
Ich würde vielleicht gar keine Matur und kein Ökonomie-Studium mehr machen. Sondern Mechaniker für Sportautos werden. Da ist selten ein Spezialist zu finden, der fähig ist. Da haben Sie sofort einen Marktwert.

Mit gutem Handwerk wird man reicher als mit Studium?
Sie müssen vor allem machen, was Ihnen Freude macht. Aber heutzutage treiben sich an den Universitäten so viele Idioten rum, die irgendwas studieren, zum Beispiel Philosophie. Ich habe nichts gegen Philosophie, das ist wunderschön, aber wie kann man damit überleben? Leider studieren heute zu viele, und manche davon sind so weltfremd, dass sie nicht einmal eine Glühbirne wechseln können. Das sind genau die Leute, die zur Nationalbank oder zur Federal Reserve passen. Nutzlos! Was ich aber jedem jungen Menschen empfehlen würde: Lernt Chinesisch!

Hat die Schweiz eine gute Zukunft vor sich?
Wir dürfen einfach nicht dieselben Fehler machen wie andere Staaten. Wie hat Obama die Wahlen gewonnen? Indem er gegen die reichsten Amerikaner gewettert hat. Er erzählte, euch geht es besser, wenn wir die Reichsten ärmer machen. Ich befürchte, dass auch in der Schweiz eines Tages die Sozis kommen und sagen: Es ist eine Sauerei, dass die Reichen so wenig Steuern zahlen, nehmt denen mehr weg. Doch das macht alle ärmer. Vielleicht sind es auch gar nicht die Sozis, sondern die Europäer, die erreichen, dass die Schweizer Regierung einknickt.

Beim Steuerabkommen ist ja der Bundesrat den Deutschen schon weit entgegengekommen.
Ja, völlig unnötigerweise. Wir sind ein souveränes Land. Ich hätte den Deutschen gesagt: Fuck you! Wir haben eine eigene Verfassung, löst eure Probleme selbst.

Für den Finanzplatz sieht Dr. Doom wohl ebenfalls schwarz?
Die fetten Jahre sind definitiv vorbei. Aber das geht auch in Ordnung. Die Banken haben ihre Kunden jahrzehntelang ausgenommen und sich an ihnen bereichert. Und als das nicht mehr ging, riefen sie nach dem Staat, damit sie wieder Boni zahlen können. Das geht einfach nicht.

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