«Das geht echt nur in der Schweiz, oder?»

Von Yannick Nock und Christof Moser


Samstag, 09. Januar 2016 23:29

Der ehemalige «Bild»-Chef und seine berühmteste Schlagzeile: Kai Diekmann in seinem Büro in Berlin. Fotos: Mathias Marx


Kai Diekmann (51) leitete 15 Jahre «Bild», Europas grösste Zeitung. Nun tritt er ab. Im Interview spricht er über grenzwertige Schlagzeilen und Flüchtlinge. Und zum Wahlerfolg von Ex-Kollege Roger Köppel sagt er: «Wahnsinn».

Herr Diekmann, in Ihren 15 Jahren als Chefredaktor der «Bild»-Zeitung haben Sie rund 4500 Ausgaben verantwortet. Erinnern Sie sich an Ihre Lieblingsschlagzeile?
Kai Diekmann: Natürlich an die berühmteste!

Also: «Wir sind Papst!»
So etwas vergisst du nie mehr. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass ein Deutscher Papst wird. Es war schon abends, und die Zeitung musste vom Hof. Plötzlich hiess es aus Rom: Habemus papam. Ein Kollege rief in den Newsroom: «Wir sind Papst!» Diese Schlagzeile war in der Redaktion sehr umstritten, eine Reihe von Kollegen fand sie zu nationalistisch. Ich habe dann etwas gemacht, was ich vorher und nachher nie mehr gemacht habe. Ich habe zwei meiner Vorgänger angerufen und um Rat gefragt. Der eine fand: «Unter keinen Umständen!». Der andere: «Mach es!» Zunächst wurden wir dafür kritisiert, aber nach 48 Stunden kippte die Stimmung total und die Schlagzeile war auf einmal Kult.

Welche hat in Ihrer Zeit politisch am meisten Wirbel verursacht?
Die Berichterstattung zu Bundespräsident Wulff, seinem Hauskredit und dem Anruf auf meiner Mailbox. Den Rücktritt eines Bundespräsidenten unter solchen Umständen hat es in Deutschland noch nicht gegeben.

Gibt es auch Schlagzeilen, die Sie heute nicht mehr so machen würden?
Da gibt es eine Reihe. Allein schon deshalb, weil man manchmal eines Besseren belehrt wird, was den Wahrheitsgehalt einer Geschichte angeht, oder weil man jemanden unnötig verletzt hat. Wir sind Journalisten und arbeiten tagesaktuell. Und die Einordnung einer Geschichte kann sich innerhalb 48 Stunden komplett ändern. Es werden immer wieder Geschichten völlig zu Recht kritisiert, wo auch ich im Nachhinein sage: Och, da ärgere ich mich jetzt drüber.

Zum Beispiel?
Aktuell hätte ich mir rund um die Fifa, den Deutschen Fussballbund und die WM 2006 gewünscht, dass wir in unseren Kommentaren von Anfang an kritischer gewesen wären. Natürlich fühlten wir uns Franz Beckenbauer, der für «Bild» seit 32 Jahren als Kolumnist arbeitet, verbunden und konnten uns die «Schwarze Kassen»-Vorwürfe gegen den DFB anfangs schlicht nicht vorstellen. Wir haben dann aber schnell die Kurve gekriegt. Jetzt ruht das Arbeitsverhältnis erst einmal.

Spürten Sie ein Gefühl von Macht, mit dem Kurs der «Bild» die Stimmung in Deutschland beeinflussen zu können?
Kein Gefühl der Macht, sondern der Verantwortung. Die Frage ist, wie ich mit der Meinungsmacht umgehe, die mir die Marke «Bild» gibt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine Geschichte gleichen Inhalts in der «Bild» oder in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» steht. Die «Bild» ist die lauteste Posaune im deutschen Medienmarkt. Das müssen wir immer berücksichtigen, wenn wir Stücke aufführen.

Die gedruckte Auflage ist unter Ihnen um 51 Prozent gesunken. Vom Strukturwandel einmal abgesehen: Wie viel davon ist Ihrem Kurs geschuldet?
Sie könnten mich genauso fragen: «In Berlin schneit es gerade heftig. Einmal abgesehen davon, dass gerade Winter ist: Woran könnte es noch liegen?» Nur weil kaum mehr Schallplatten gekauft werden, heisst das ja auch nicht, dass nur noch schlechte Lieder gesungen werden. Die «Bild»-Zeitung gewinnt im Vergleich zur Konkurrenz seit Jahren Marktanteile. Jede zweite Zeitung, die in Deutschland am Kiosk verkauft wird, ist eine «Bild»-Zeitung.

Wir haben gefragt: Welcher Anteil des Auflageneinbruchs liegt am publizistischen Kurs, also an Ihnen?
Nochmals: Es ist der Strukturwandel in unserer Branche. Digitalisierung ist Entmaterialisierung und Information ist heute zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort verfügbar.

Wird es die «Bild»-Zeitung in zehn Jahren noch am Kiosk geben?
Kürzlich war ich mit meinen Kids in der Deutschlandpremiere von «Star Wars» in Berlin. Da waren eine Menge Stars da, die ich kenne. «Guck mal, da!» habe ich gesagt, das hat meine Kinder aber überhaupt nicht interessiert. Doch auf einmal waren sie weg, weil sie einen Youtuber entdeckt haben, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Da findet eine Revolution statt und wir werden sie nicht begreifen, wenn wir uns nur an die gedruckte Auflage klammern.

Die «Bild» ist für Flüchtlinge und gegen Pegida – schreiben Sie da nicht an der Kernleserschaft vorbei?
«Bild» ist keine populistische, sondern eine populäre Zeitung. Das heisst: Den Leuten aufs Maul schauen, aber den Leuten nicht nach dem Mund reden. Und wir sind immer auch ordnungspolitisch sauber und fordern nicht an einem Tag höhere Renten und beklagen am nächsten Tag höhere Rentenbeiträge. «Bild» hat in vielen Grundsatzfragen eine klare Haltung. Zum Beispiel gegen die Griechenland-Politik der deutschen Regierung, die wir seit 2010 kritisieren . . .

. . . mit überaus populistischen Schlagzeilen wie: «Verkauft doch eure Inseln, Pleitegriechen!»
Wir haben natürlich zugespitzt. Die Haltung dahinter war aber von Anfang an klar: Was uns als Rettungspolitik verkauft wird, ist keine. Diese Politik wird die Verhältnisse zementieren, die den Griechen verunmöglichen, ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Wir sagten immer: Nehmt die Griechen ernst!

Das sagte die linke griechische Regierung auch. Warum hat «Bild» das nicht geschrieben?
Das haben wir doch alles geschrieben. Alles drin. Auch ein langes Interview mit Varoufakis, in dem er erklärt hat, warum es für sie keinen Sinn macht, die Steuern zu erhöhen, weil dann keiner mehr Steuern zahlt. Und wissen Sie, was die Griechen jetzt machen?

Die Inseln verkaufen.
Richtig, das haben wir nämlich auch gemacht, 1990 nach der deutschen Wiedervereinigung, als die «Treuhand» Grund und Boden der ehemaligen DDR verkauft und privatisiert hat.

Wie bestimmen Sie einen solchen Kurs in Grundsatzfragen?
Der Kurs wird hier in der Redaktion in mitunter harten Diskussionen gemeinsam erarbeitet. Dabei gibt es Grundüberzeugungen: zum Beispiel die Ablehnung von Extremismus von links und rechts.

Da muss es Sie doch stören, wenn auf Plakaten in Fussballstadien gegen Ihre Flüchtlings-Aktion «Wir helfen!» protestiert wird mit Slogans wie: «Keinen Platz für Brandstifter»?
Der Platz des Journalisten sollte immer zwischen den Stühlen sein. Wenn Sie mir erzählen, dass wir linken Boulevard machen, und Fans des FC St. Pauli skandieren, wir seien Brandstifter, da machen wirs genau richtig. Sorgen müsste ich mir machen, wenn die «taz» plötzlich mit uns zufrieden wäre und dann der FC St. Pauli uns auch noch mögen würde – da liefe was gründlich schief.

Wie wichtig ist es für Angela Merkel, dass die «Bild» für und nicht gegen Flüchtlinge schreibt?
Das weiss ich nicht. In der Griechenlandfrage sind wir bei jeder Abstimmung im Bundestag über neue Milliardenpakete auf die Barrikaden gegangen. Selbst in der Partei war Merkels Kurs umstritten. Letztlich hat sie sich aber durchgesetzt. Wie die griechische Tragödie ausgeht, wissen wir noch nicht. In der Flüchtlingsfrage beeindruckt mich, wie Merkel in Europa politische Führung übernommen hat.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Kanzlerin?
Die Bundeskanzlerin war vor unserem Umzug einmal in Hamburg zu Besuch bei «Bild». Sie hält klare Distanz zu Journalisten, anders als beispielsweise Gerhard Schröder, der viel zugänglicher für die Medien war.

Schröder sagte einst, er brauche nur «Bild», «BamS» und die Glotze, um zu regieren. Das ist überholt. Welche drei Dinge braucht Merkel?
Das weiss sie besser als ich. Merkel hat ihre sehr eigene Art, indem sie sich eben nicht inszeniert und ihr Privatleben nicht in der Öffentlichkeit ausbreitet.

Klingt frustriert.(Steht auf und holt die «Bild»-Ausgabe, die Angela Merkel auf der Front in ihrem Ski-Urlaub in der Schweiz zeigt. «Die Kanzlerin privat»). Gerade wenn sich jemand nicht in den Medien inszenieren will, macht doch so etwas gleich doppelt Spass (tippt mit dem Finger auf die Schlagzeile und lacht).

2001 sind Sie «Bild»-Chef geworden. Wie hat sich Deutschland in diesen 15 Jahren verändert?
Die entscheidende Frage ist vielmehr: «Wie hat sich die Welt verändert?» 2001 war eine Zäsur und hat uns gezeigt, dass Bürgerkriege, egal wo sie auf der Welt stattfinden, eine Auswirkung vor unserer eigenen Haustüre haben. Ähnlich ist es nun in Deutschland: Der Krieg in Syrien klopft durch die Flüchtlinge bei uns an. Bereits 9/11 hat uns vor Augen geführt, wie moderne Kriegsführung aussieht: Terror hat nicht nur die gewählten Repräsentanten eines Systems zum Ziel, sondern kann jeden treffen.

2015 war diesbezüglich ähnlich.
Ich kann mich nicht erinnern, wann wir je so viele Kriege, Krisen und Unglücke zur gleichen Zeit erlebt haben. Das Krisenmanagement verlangt heute von der Politik viel mehr, als das vor 10 oder 15 Jahren der Fall gewesen ist.

Gilt für Sie als Boulevard-König der Slogan «Bad news are good news»?
Von schrecklichen Bildern kann man sich nie ganz frei machen. Denken Sie nur an den Germanwings-Absturz, bei dem 150 Menschen, darunter eine halbe Schulklasse, ums Leben kam. Dasselbe galt, als ein Kollege in mein Büro kam und mir das Bild des kleinen Aylan hinlegte, der ertrunken an die Küste von Bodrum geschwemmt wurde: Dann bin ich als Mensch genauso betroffen wie jeder andere auch. Aber das schränkt meine Professionalität nicht ein.

Sie bleiben Herausgeber der «Bild»-Gruppe und bestimmen die publizistische Linie. Was werden Sie dennoch am Redaktions-Alltag vermissen?
Wehmut verspüre ich nicht. Wir formalisieren im Kern ja nur, was wir in den letzten zwei Jahren bereits gelebt haben. Weil mich zuletzt die strategischen Fragen viel Zeit gekostet haben, litt das Tagesgeschäft darunter.

Sie haben die Fifa und Sepp Blatter erwähnt: Verbinden Sie noch etwas anderes mit der Schweiz?
Natürlich, man nimmt Sepp Blatter in erster Linie doch nicht als Schweizer wahr. Die Fifa ist ja keine Schweizer Organisation, sondern eine internationale. Dass ein Schweizer an der Spitze steht, ist Zufall. Ich kenne die Schweiz vor allem als Reiseland – und ich bin beeindruckt von der Karriere meines Ex-Kollegen Roger Köppel. Das beste Ergebnis, das es je bei einer Nationalratswahl gegeben hat, richtig?

Korrekt.
Wahnsinn. Allerdings frage ich mich, ob direkte Abstimmungen auch das geeignete Mittel sind, wenn es um komplexere politische Sachfragen geht.

Haben Sie das auch Roger Köppel gesagt?
Um ehrlich zu sein, habe ich schon sehr lange nicht mehr mit ihm gesprochen. Als ich den «Schweizer des Jahres» (Sepp Blatter, Frontseite der «Weltwoche») gesehen habe, da war ich schon beeindruckt (lacht). Das geht doch echt nur in der Schweiz, oder?

Lesen Sie auch Schweizer Zeitungen?
Viel zu selten. Mein guter Freund Arthur Cohn schickt mir Artikel aus der «Weltwoche» zu. Ich würde sogar sagen, einmal pro Woche bekomme ich kopierte und kommentierte Artikel von ihm.

Wie sehen Sie Köppels Doppelrolle als Journalist und Politiker?
Das funktioniert nicht so einfach, wie man schon bei Rudolf Augstein (ehemaliger Herausgeber des «Spiegels») gesehen hat. Das war eine Episode, die wollte er hinterher immer vergessen machen. Ich habe Roger Köppel als Kollegen sehr gemocht, weil er total unorthodox war, immer gegen den Strich gebürstet hat. Was uns aber schon immer getrennt hat, war seine Ablehnung von EU-Europa. Als Kohlianer (Anhänger Helmut Kohls) stehe ich natürlich in einer anderen Tradition. Das wiederum gefällt mir an Angela Merkel. Sie weiss um den Wert Europas. Wir haben doch als Folge der Griechenlandkrise erlebt, wie alte Stereotypen wieder aufgebrochen sind. Das gilt auch jetzt in der Flüchtlingskrise. Wir sind in einer Situation, in der das Scheitern von Europa nicht ausgeschlossen ist.

Kann das wieder in den alten Nationalismus führen?
Wenn man sieht, wie die Länder im Balkan in der Flüchtlingsfrage miteinander umgehen, dann muss man diese Sorge haben.

Sie haben selbst eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Wie kam es dazu?
Wir haben uns im Urlaub in Bodrum blöd verhalten, als wir mit den Kindern unvorbereitet auf eine ganze Gruppe von Flüchtlingen gestossen sind. Das war vor einer Polizeistation. Wir haben den Kindern gesagt «bleibt weg!». Später haben wir als Familie festgestellt, dass die Reaktion falsch war. Und wir wollten mehr tun, als nur Kleider oder Geld zu spenden. Lasst uns eine Familie aufnehmen, haben wir gesagt. Innerhalb von 48 Stunden haben meine «Bild»-Kollegen vor Ort eine Familie identifiziert, die dringend Hilfe benötigte: Ein Vater, der mit seinen zwei Kindern gerade in Palermo angekommen war. Die Mutter ist auf der Flucht ertrunken. Die Kinder waren so traumatisiert, dass sie auch Monate danach angefangen haben zu erbrechen, wenn sie einen See gesehen haben.

Wie lange bleibt die Familie bei Ihnen?
Dem Vater ist es sehr wichtig, wieder selbstständig zu leben. Wir haben jetzt eine Wohnung gefunden, 300 Meter von uns entfernt. Dort können sie bald einziehen. Wir werden die Kinder aber weiterhin über Mittag bei uns haben, damit der Vater seine Kurse besuchen kann.

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