«Es ist eine Droge, es macht süchtig»

Von Manfred Gärtner


Samstag, 29. März 2014 23:30

Roberto Di Matteo und Jogi Löw während des Interviews in London. Foto: AFP/WILL OLIVER


Zwei Startrainer im Exklusiv-Interview: Roberto Di Matteo und Deutschlands Bundestrainer Jogi Löw über ihre Zeit in der Schweiz und die Fussball-WM.

Von Markus Brütsch aus London

Roberto Di Matteo, wie erklären Sie sich, dass es Ihr früherer Schaffhauser Teamkollege bis zum deutschen Bundestrainer gebracht hat?
Di Matteo: Ich habe seine Karriere sehr eng verfolgt. Jogi hat riesige Fussballkenntnis. Schon als Spieler hat er eine Vision vom Fussball gehabt. Jogi ist aber auch ein sehr intelligenter und bescheidener Mensch, der bodenständig geblieben ist. Ich bewundere, wie er eine Nationalmannschaft aufgebaut hat.

Jogi Löw, wie ist es möglich, dass Di Matteo als Chelsea-Trainer die Champions League gewinnen konnte?
Löw: Röb war schon in jungen Jahren in Schaffhausen viel weiter als ich. Er war sehr gut ausgebildet und hat das Spiel durchschaut. Er hat eine unheimliche Spielintelligenz mitgebracht. Als 18-Jähriger hat er mir als 28-Jährigem erklärt, wie ich im Mittelfeld laufen muss. Ich wusste: Wenn es jemand schafft aus jener Schaffhauser Mannschaft, ein grosser Trainer zu werden, dann er.

Seit Ihrer Entlassung im Oktober 2012 beim FC Chelsea sind anderthalb Jahre vergangen – was haben Sie, Herr Di Matteo, in dieser Zeit eigentlich gemacht?
Di Matteo: Mich weitergebildet und Kurse besucht. Und mich meiner Familie gewidmet. Ich habe diese lange Pause auch darum gemacht, weil ich das Gefühl hatte, meine Familie vernachlässigt zu haben. Es ist eine wichtige Zeit für meine drei Kinder, die nun noch ein paar wenige Jahre zu Hause sind. Dann beginnen sie vielleicht mit dem Studium, und das Familienleben ist bald vorbei.

Herr Löw, Sie werden in Brasilien bereits zum fünften Mal mit der deutschen Nationalmannschaft an einem grossen Turnier teilnehmen. Worauf kommt es bei einer WM oder EM besonders an?
Joachim Löw: Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle: Bleiben wir verschont von schwerwiegenden Verletzungen? Wie verläuft die Vorbereitung? Wie schaffen wir es in einer kurzen Zeit, «Ich-Spieler» in «Wir-Spieler» zu verwandeln? In eine Einheit, die auch schwierige Momente übersteht. Es muss in diesen paar Wochen der Vorbereitung einiges passieren.
Di Matteo: Das Wichtigste für einen Trainer ist, eine geschlossene Einheit zu bilden. Bei einem solchen Turnier ist man bis zu sechs Wochen zusammen. Von den 23 Spielern gibt es vielleicht vier oder fünf, die überhaupt nicht zum Einsatz kommen. Der Teamgeist ist entscheidend.

Was beschäftigt den deutschen Bundestrainer zwei Monate vor WM-Beginn am meisten?
Löw: Wir haben das Problem, dass einige Spieler in diesem Jahr keinen guten Rhythmus haben, vom Verletzungspech verfolgt sind und teilweise länger ausgefallen sind. Khedira ist ein wichtiger Spieler; Klose, Gomez und Schweinsteiger waren lange verletzt, Özil ist es jetzt. Wir müssen in den nächsten zwei Monaten alle Kräfte bündeln. Und uns für einen Kader entscheiden, der allen Belastungen standhält.

Herr Di Matteo, Teambuilding – das war auch beim FC Chelsea bei Ihrem Amtsantritt ein wichtiger Faktor.
Di Matteo: Die Gruppe war zersplittert. Alle schauten für sich. Das wichtigste vom ersten Tag an war, dass wir uns alle ein gemeinsames Ziel setzten und daran glaubten. Das geschah vor allem auch über viele Einzelgespräche. Es gab Spieler, bei denen ich das Gefühl hatte, es sei ihnen egal, was passiert. Ich musste nach einigen Partien ein paar Mal richtig heftig eingreifen.

Die Vorbereitung auf eine WM und die dazu gehörende Unterkunft sind offenbar so wichtig, dass sich Deutschland sogar extra ein Camp bauen lässt und den brasilianischen Urwald dafür abholzt. Ist das nicht übertrieben?
Löw: Das ist falsch dargestellt worden, wir bauen hier nicht selbst. Wir waren mehrfach in Brasilien und haben uns verschiedene Unterkünfte angeschaut. Der Zufall hat dann mitgespielt: Ein deutscher Unternehmer hat uns dieses Resort angeboten. Es handelt sich dabei um eine Ferienanlage, die bereits im Bau war. Und weil wir uns dafür interessiert haben, haben wir bei der Gestaltung auch noch ein bisschen mitgeredet. Wir sind insgesamt acht Wochen zusammen. Es ist wichtig, dass sich die Spieler wohlfühlen und ein kleines Zuhause finden.

Herr Di Matteo, Ihr Freund Jogi spricht vom hohen Druck, den die Spieler haben. Dabei ist ja er selber es, der am meisten unter Druck steht. Ganz Deutschland erwartet den Weltmeistertitel von ihm.
Di Matteo: Wenn ich ihn heute Morgen so dasitzen sehe, aber auch im Fernsehen an der Seitenlinie oder bei Medienauftritten, erkenne ich in seinem Gesicht keinen Druck. Auf mich wirkt er locker und relaxt.
Löw: In unseren Karrieren arbeiteten wir uns von der Pike aus nach oben und haben dabei gelernt, mit Druck umzugehen. Während des Turniers spüre ich keinen besonderen Druck.

Dann haben Sie den sogenannten Tunnelblick.
Löw: Ja, dann bin ich unheimlich fokussiert. Und wir bereiten uns ja auch seriös und gewissenhaft vor. Das ist für mich das Entscheidende. Dass wir das Gefühl haben, alle Dinge durchdacht und eine Wenn-dann-Strategie zu haben, zu wissen, was wir wollen. Wenn dann irgendwann einmal ein Gegner besser ist, so muss man das auch akzeptieren.

Das sehen 80 Millionen Deutsche aber anders.
Löw: Während des Turniers habe ich nicht das Gefühl, dass mir zig Millionen Deutsche im Nacken sitzen. Den Druck spüre ich eher hinterher. Wenn die ganze emotionale Anspannung abfällt, dann kommt die Leere. Du bist dann plötzlich alleine. Aber: Während und vor dem Turnier macht es Spass. Ich freue mich auf Spiele gegen England, Argentinien oder Spanien.

Keinen Spass macht es, wenn Ihre Mannschaft wie zuletzt in Stuttgart gegen Chile ausgepfiffen wird.
Löw: Aber diese Erwartungshaltung war schon immer da, und die hat sich auch nicht gesteigert. Vor der EM 2012 wurde geschrieben, für Deutschland gebe es ein Alles-oder-nichts-Jahr. Dabei hatten wir die jüngste Mannschaft.

Weshalb war es für Europäer bislang unmöglich, in Südamerika Weltmeister zu werden?
Di Matteo: Das Klima spielt eine wichtige Rolle. Dies hat man auch 1994 in den USA gesehen. Ich denke aber gleichwohl nicht, dass es für ein europäisches Team unmöglich ist, Weltmeister zu werden. Auch Deutschland ist dazu in der Lage. Brasilien hat eine starke Mannschaft und spielt im eigenen Land, was ein grosser Vorteil ist.
Löw: Die ersten sechs, sieben Mannschaften der Welt sind auf einem ganz ähnlichen Niveau. Da entscheiden Details und Tagesform über Sieg und Niederlage. Es ist noch nie ein Europäer in Südamerika Weltmeister geworden. Die klimatischen Bedingungen und Reisestrapazen sind ungewohnt. In Brasilien herrscht eine Urkraft an Fussballbegeisterung. Brasilien ist der grosse Favorit. Auch weil es seit dem Confed-Cup grosses Selbstvertrauen hat. Den Heimvorteil darf man nie unterschätzen. Zuvor hat Brasilien grössten Respekt vor den Europäern gehabt, aber nun nicht mehr. Argentinien, Spanien, Italien und sicherlich Deutschland sind jedoch schon auch Mannschaften, die den Titel gewinnen können.

Wie geht man mit so hoch bezahlten Stars um, die sich bisweilen wie Diven aufführen?
Di Matteo: Entscheidend ist, dass ich den Spielern den Eindruck vermittle, ich würde alle genau gleich behandeln. Jogi wird mir recht geben, dass dies in Tat und Wahrheit aber nicht der Fall ist, gar nicht möglich ist. Jeder Akteur muss wieder anderes angepackt werden. Die Spieler müssen das Gefühl haben, der Trainer sei fair. Ich hatte den Respekt der Spieler, weil ich ein Ex-Spieler von Chelsea war und einigen Erfolg gehabt habe. Das hat mir geholfen.

Im deutschen Team ist Mesut Özil einer, der polarisiert und derzeit stark in der Kritik steht. Wie machen Sie ihn stark?
Löw: Ich setze auf ihn, weil er in jedem Spiel in der Lage zu aussergewöhnlichen Aktionen ist. Er spielt den finalen Pass sehr gut und ist in der Lage, ein Spiel zu entscheiden. Aber der Eindruck täuscht, dass Mesut divenhaft ist. Er ist ein ganz ruhiger, bescheidener und eher schüchterner Mensch. Der sich nie in den Vordergrund drängt. Dass er bei Arsenal ausser Form geraten ist, hat damit zu tun, dass er sich zuerst an die Premier League gewöhnen muss.

Aber er hat doch bei Real Madrid gespielt.
Löw: In der Premier League kommt Aufgeben nie infrage. Da rennen die Spieler 90 Minuten, unabhängig vom Ergebnis. Und lassen nie nach. Das ist Mesut aus Deutschland und Spanien in dieser Form so nicht gewohnt gewesen.

Die Medien sehen das anders.
Di Matteo: Er war auch ein teurer Spieler, und wenn du so viel kostest, sind eben die Erwartungen auch sehr hoch.
Löw: Özil hat bei uns mit die besten Laufwerte in der Mannschaft. Es täuscht vielleicht, aber er hat den grossen Ehrgeiz, einer der besten Spieler der Welt zu werden.

Wenn man Sie vorhin so über Roberto Di Matteo reden gehört hat, dann könnte man zum Schluss kommen, er wäre der ideale Assistent für Sie, wenn Hansi Flick nach der WM diese Funktion aufgibt und Sportdirektor beim DFB wird.
Löw: Roberto war schon einige Jahre Trainer und konnte selbstständig entscheiden – aber natürlich wäre es wunderbar. Ich glaube allerdings, dass er als Champions-League-Sieger selber in der Lage ist, auch jede Nationalmannschaft als Chef zu trainieren.

Womit wir beim Thema sind. Weshalb sind Sie, Herr Di Matteo, nicht Schweizer Nationaltrainer geworden?
Di Matteo: Ich hatte viele Anfragen von Klubs und deren drei für Nationalmannschaften. Bei zweien habe ich abgesagt. Mit den Schweizern habe ich jedoch ein Gespräch geführt. Die Schweiz ist für mich ein Heimatland. Es war ein gutes Gespräch, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es sei nicht der richtige Zeitpunkt für mich, eine Nationalmannschaft zu übernehmen.

Was trauen Sie der Schweiz in Brasilien zu?
Di Matteo: Sie wird die Gruppenphase überstehen. Sie hat mittlerweile auch eine gewisse Erfahrung mit grossen Turnieren.
Löw: Der Schweiz muss man immer zutrauen, die Vorrunde zu überstehen. Sie ist jedoch in der «Südamerika-Gruppe», was sehr unangenehm ist. Aber die Schweiz hat in den letzten Turnieren gezeigt, dass sie in der Lage ist, ins Achtelfinale zu kommen. Aufgrund einer stabilen, guten Organisation und gewachsener taktischer Qualitäten. Die meisten Spieler spielen im Ausland, sie bringen auch internationale Erfahrung mit. Die Schweiz kann eine gute Rolle spielen.

Ist es eigentlich ein Traum, auf der obersten Stufe Trainer zu sein? Oder muss man zu viele Opfer bringen?
Di Matteo: Es ist überall das Gleiche, auch in der Privatwirtschaft. Wenn du an der Spitze sein möchtest, dann musst du auf vieles verzichten. Aber es ist ein Traumjob, weil wir für den Fussball leben. Es ist eine Droge, es macht süchtig. Wenn du drin tätig bist, siehst du nichts anderes mehr. Ich freue mich darauf, wieder anzufangen.
Löw: Es ist auf der einen Seite ein Traumjob, weil wir den Fussball über alles lieben. Auf der anderen Seite muss man schon sagen, dass man unglaublich viel Disziplin braucht, es gibt auch einen gewissen Preis, den man zahlen muss. Man muss auf manches verzichten, auch auf Privatsphäre, die mir wichtig und kostbar ist. Manchmal fühlt man sich gefangen in diesen Gedanken über Fussball. Das muss man sich dann bewusst machen. Man muss aufpassen, dass Freundschaften nicht darunter leiden. Das sagen einem dann aber auch gute Freunde ins Gesicht, das ist gut so.

Falls Sie Weltmeister werden, hören Sie dann auf?
Löw: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Röbi hat gesagt, er fühle sich noch nicht reif genug, um als Nationaltrainer zu arbeiten. Für mich dagegen war es damals höchste Eisenbahn, aus dem Vereinsfussball auszusteigen. Die Nationalmannschaft war unheimlich wertvoll in meiner Weiterentwicklung. Raus aus der eigenen Liga, weg mit der Vereinsbrille. Es war für mich die beste Weiterbildung, in allen verschiedenen Ländern alle möglichen Spiele zu sehen. Dieses Privileg, über den Tellerrand blicken zu dürfen, geniesse ich noch immer.

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