Fürst Hans Adam: «Die Monarchie wird eine Renaissance erleben»

Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 21. März 2015 23:28

Fürst Hans Adam II. auf der Lenzerheide: Er trat an einer HSG-Alumni-Veranstaltung in der Privà Alpine Lodge auf. Foto: Nicola Pitaro


Fürst Hans Adam II. feierte seinen 70. Geburtstag – und er ist seit 25 Jahren Liechtensteins Staatsoberhaupt. Im Interview sagt er, warum ihm der Franken lieber ist als der Euro, weshalb der EWR dem Land Vorteile bringt und warum seine Söhne vernünftiger sind als er.

Die Monarchie ist in vielen Ländern Europas in Bedrängnis. In Liechtenstein aber scheiterten Volksabstimmungen, die Ihre Macht einschränken wollten. Wie erklären Sie sich das?
Hans Adam II.: Ich spüre aus der Bevölkerung starken Rückhalt. Wir haben ja, wie die Schweiz, die direkte Demokratie, wobei mir ein Veto-Recht zusteht. Eine Volksinitiative der Freien Liste verlangte die Abschaffung dieses Veto-Rechts, sie wurde in der Abstimmung aber verworfen. Das Vertrauen in die Monarchie hat sicherlich auch mit dem wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes zu tun – und mit der Geschichte.

Die Menschen sind noch heute dankbar für die historischen Verdienste des Fürstenhauses?
Sie wissen sehr wohl: Ohne die Monarchie würde es ihren Staat gar nicht geben, weil meine Vorfahren damals die Herrschaftsrechte gekauft haben. Und sie wissen auch: Ohne Monarchie hätten wir den Zweiten Weltkrieg kaum überlebt. Wahrscheinlich wäre es zu einem Putsch und zum Anschluss an Deutschland gekommen.

Dennoch wirkt die liechtensteinische Erbmonarchie auf demokratischer Grundlage – zumindest aus Schweizer Sicht – im Jahr 2015 ziemlich antiquiert. Ist sie nicht ein Auslaufmodell?
Ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass die Monarchie eine Renaissance erleben wird. Der Vorteil einer Monarchie liegt darin, dass man langfristig denkt. Das ist gut für ein Land. In der Demokratie denken die Politiker oft nur bis zu den nächsten Wahlen. Das führt bisweilen zu Entscheiden, die kurzfristig populär, aber nicht im langfristigen Interesse der Bevölkerung sind.

Wo hat sich dieser Vorteil in Liechtenstein denn gezeigt?
Als ich vorschlug, Liechtenstein solle der UNO beitreten , hat man mich zuerst für verrückt erklärt. Ich habe mich dennoch dafür eingesetzt – gegen alle Widerstände. Und am Ende stimmte das Volk zu. Jetzt sind alle glücklich, auch die Politiker. Beim Beitritt zum EWR war das ganz ähnlich. Man kann auch weiter zurückgehen: Schon im 19. Jahrhundert haben meine Vorgänger in Liechtenstein die Schulpflicht eingeführt; damals war es ein sehr armes Land. Für mich ist klar: Liechtenstein hat als Kleinstaat nicht zuletzt wegen des langfristigen Denkens einen Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen anderen Ländern.

Die Schweiz ist auch ohne Monarch wirtschaftlich sehr erfolgreich, wenngleich die Kennzahlen Liechtensteins noch besser sind.
Auch in der Schweiz wird langfristig gedacht, und warum? Weil hier die Macht nicht primär beim Parlament oder bei der Regierung liegt, sondern letztlich beim Volk. Und weil die Schweiz sehr dezentral aufgebaut ist, mit einer ausgeprägten Gemeinde- und Kantonsautonomie. Das führt zu Bürgernähe und zu langfristig orientierten Entscheiden. Ich habe mich bei Reformen in Liechtenstein immer wieder an der direkten Demokratie der Schweiz orientiert.

Kann ein Kleinstaat wie Liechtenstein im Zeitalter der Globalisierung in Zukunft seinen Wohlstandvorsprung halten?
Davon bin ich überzeugt. Liechtenstein war lange Zeit ein armes Land. Erst durch die wirtschaftliche Öffnung kam der Aufschwung. Unsere gut ausgebildete Bevölkerung, niedrige Steuern und eine bürgernahe Verwaltung sind wesentliche Voraussetzungen dafür, und diese Vorteile werden in Zukunft nicht weniger wert sein als heute. Und vergessen Sie nicht: Wir haben eine sehr diversifizierte Wirtschaft, nicht nur den Finanzplatz, das sorgt für Stabilität.

Wie stark wird die Wirtschaft vom starken Franken getroffen?
Es wird zwar ein bisschen gejammert, aber im Moment sieht man noch keinen Personalabbau. Ich habe Verständnis für den Entscheid der Schweizerischen Nationalbank, die Euro-Untergrenze aufzugeben, sie war schlicht nicht mehr zu verteidigen. Und als Ökonom bin ich ein Verfechter freier Wechselkurse.

Ist der Franken als Währung für Liechtenstein gesetzt, oder übernehmen Sie eines Tages den Euro?
Ich bin der Meinung, wir werden beim Franken bleiben. Wenn wir die Währung wechseln, dann führen wir den liechtensteinischen Taler ein, mit Gold- und Silbermünzen (lacht).

Der wäre noch härter als der Franken.
Ja, wobei wir ihn wohl an diesen anbinden müssten, damit unsere Exportwirtschaft wettbewerbsfähig bleibt. Das habe ich spasseshalber dem damaligen Nationalbank-Präsidenten Fritz Leutwiler mal vorgeschlagen.

Was spricht denn für den Franken und gegen den Euro?
Ich frage mich, wie lange der Euro da sein wird. In dieser Frage bin ich zunehmend zum Skeptiker geworden. Da ist mir die Stabilität des Frankens doch viel lieber. Er ist ein Fels in der Brandung.

Beim Franken sind sich die Schweiz und Liechtenstein einig – eine andere Strategie haben Sie gegenüber der EU. Liechtenstein ist bald 20 Jahre Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR). Ein Grund zum Feiern?
Ja, die EWR-Mitgliedschaft hat sich bewährt, mehr noch, als ich erwartet hatte. Sie hat uns den Zugang zu den europäischen Märkten gesichert, was ganz zentral ist. Wir werden nicht diskriminiert. Am Anfang haben ja alle gezweifelt, dass Liechtenstein ohne die Schweiz dem EWR beitreten kann. Ich ging zum Schweizer Bundesrat und auch nach Brüssel, und immer hiess es: Das ist unmöglich! Am Ende ging es doch, und es funktioniert.

Die Abstimmung fand im gleichen Jahr, 1992, statt. Die Schweiz sagte ganz knapp Nein, Liechtenstein mit rund 55 Prozent Ja.
Ich wollte ursprünglich, dass die Abstimmung bei uns vor jener in der Schweiz durchgeführt würde, hatte hier aber einen Konflikt mit Parlament und Regierung, die sagten: Wir müssen genau das Gleiche machen wie die Schweiz. Es ging hoch zu und her: Ich drohte, den Landtag aufzulösen und die Regierung zum Teufel zu jagen. Es kam zu Demonstrationen. Wir einigten uns dann auf einen Kompromiss: Ich stimmte zu, die Abstimmung erst nach dem Termin in der Schweiz anzusetzen, und die Regierung und das Parlament stimmten zu, den EWR-Beitritt durchzusetzen, auch wenn die Schweizer Nein sagen. Und so geschah es.

Wenn Sie nun die verfahrene Situation der Schweiz mit der EU anschauen ...
... dann denke ich: Wir haben es nicht so schlecht gemacht. Der beste Beweis für den Aufstieg Liechtensteins ist: Früher gingen liechtensteinische Gastarbeiter in die Schweiz; das habe ich selbst noch erlebt. Heute kommen Schweizer Gastarbeiter nach Liechtenstein. Diese muss man sich erst einmal leisten können (lacht).

Obwohl Sie im EWR sind, mussten sie der EU keinen freien Personenverkehr zugestehen. Sie haben also das erreicht, was die Schweiz mit der SVP-Masseneinwanderungsinitiative in Brüssel vergeblich versucht: Kontingente für Einwanderer. Wie haben Sie das geschafft?
Ganz einfach. Bei der EU-Kommission habe ich gesagt: «Sie wissen, Liechtenstein hat sehr niedrige Steuern. Dafür haben Sie uns oft kritisiert. Wenn wir den freien Personenverkehr einführen, haben wir bald all eure Steuerflüchtlinge bei uns. Wollt ihr das wirklich?» Dieses Argument leuchtete den EU-Oberen ein (lacht herzhaft). Ich musste allerdings hoch und heilig versprechen, dass ich das den Schweizern nicht weitersage. Ich erhielt dann tatsächlich die Zusage, dass wir die Einwanderung begrenzen dürfen. Diese Regelung gilt auch heute noch, sie hat aber keine grosse Bedeutung.

Warum nicht?
Unsere Löhne und auch die Wohnkosten sind so hoch, dass die Einwanderung automatisch begrenzt wird.

Dennoch, der Ausländeranteil ist noch wesentlich höher als in der Schweiz. Führt das nicht zu Überfremdungsängsten?
Das ist bei uns kein grosses Thema. Aufgrund der Kleinheit unseres Landes hat der Liechtensteiner seinen Ehepartner oft im Ausland gefunden, was die Mentalität prägt. Wir haben, wie man in Österreich sagt, eine gewisse Mischkulanz (ein «Durcheinander», die Red.).

Schneller als die Schweiz waren Sie nicht nur beim UNO-Beitritt, sondern auch bei den Finanzplatz-Reformen: Liechtenstein schaffte das Bankgeheimnis früher ab und nahm sich so aus der Schusslinie der USA, der EU und der OECD.
Mir war bereits in den 70er- und 80er-Jahren klar geworden, dass die Transparenz auf dem Vormarsch ist. Durch Kontakte zu Nachrichtendiensten wusste ich zudem: Die sehen sowieso alles, ob mit oder ohne Bankgeheimnis. Manchmal erhielt man darüber hinaus Hinweise: Passt auf, bei dieser Bank ist etwas nicht, wie es sein sollte. Inzwischen weiss ja die ganze Welt um die Möglichkeiten der NSA, aber im Verborgenen horchte sie uns natürlich schon viel länger aus.

Hat die Schweiz die neuen Realitäten zu lange ignoriert?
Auch bei uns dauerte es letztlich lange, bis die Reformen politisch durchsetzbar waren. Aber nicht so lange wie in der Schweiz. Dort war dieser Prozess politisch sicher schwieriger. In einem kleinen Land wie Liechtenstein lässt sich so ein Entscheid, den ich auch mit Druck herbeigeführt habe, schneller treffen. Das war auch bei der Liberalisierung des Bankenplatzes so.

Diese Liberalisierung haben Sie Anfang der 90er-Jahre angestossen, und sie führte zu einem Bankenboom.
Damals waren nur drei Banken zugelassen. Nach der Liberalisierung kam es zu einer Gründungswelle, schliesslich gab es 16 Banken. Da wurde mir fast unwohl: Ob das gut geht? Ich habe darauf bestanden, dass die Banken hohe Eigenkapitalanforderungen haben, höhere als in der Schweiz. Und inzwischen hat auch eine gewisse Konsolidierung stattgefunden.

Die Bankenreform haben Sie erst nach dem Tod Ihres Vaters durchgeführt. Warum?
Ich wusste, dass es bei gewissen Reformen zu einem offenen Konflikt zwischen meinem Vater und mir gekommen wäre, und das wollte ich vermeiden.

Ihre eigene Bank, die LGT, gilt als grösste Steuerzahlerin. Expandieren Sie weiter?
Es läuft ihr sehr gut. Aus Deutschland haben wir uns zurückgezogen, nachdem man uns dort schlecht behandelt hat. Aber es gibt Wachstumsmärkte, insbesondere in Asien, wo wir ordentliche Zuflüsse haben.

Jetzt, wo das Bankgeheimnis weg ist: Was gibt es noch für einen Grund, das Geld in Liechtenstein anzulegen?
Die Steuern sind nach wie vor niedrig, und es gibt Vorteile für juristische Personen, etwa Stiftungen. Gerade für Familienvermögen sind das sehr gute Möglichkeiten.

Könnten diese Privilegien nicht ebenso fallen wie das Bankgeheimnis?
Nein, denn die Transparenz ist auch hier gegeben – man kann sich nicht hinter einer juristischen Person verstecken.

Ihre Familie ist eine der ältesten Dynastien in Europa, ihre Wurzeln gehen 700 Jahre zurück. Wie beurteilen Sie als Europäer die Probleme der EU?
Die europäische Einigung ist an sich etwas Gutes. Aber die Art und Weise, wie sie durchgeführt wurde, ist nicht ideal. Es ist fraglich, ob die EU so, wie sie heute ist, auf Dauer Bestand haben wird. Die Zukunft kann nicht das Modell der USA sein; die Vereinigten Staaten von Europa, das ist die falsche Vision. Europa heisst Vielfalt, und eine Einigung kann nur auf Vielstimmigkeit basieren.

Sie haben Ihren Vater und mögliche Konflikte mit ihm erwähnt. Gibt es solche auch mit Ihrem Sohn, Erbprinz Alois, an den Sie die Regierungsgeschäfte bereits vor zehn Jahren übergeben haben?
Das geht sehr gut. Mein Sohn konsultiert mich, und ich sage dann: «Ich würde das so machen, aber es ist deine Verantwortung, wie du entscheidest.»

Und wenn er Ihren Rat ignoriert?
Wenn es ganz schieflaufen sollte, hätte ich immer noch die Möglichkeit, einzugreifen. Ich könnte die Stellvertretung durch meinen Sohn wieder rückgängig machen (lacht).

Dazu hatten Sie bislang aber keinen Anlass?
Nein, nein. Alle meine Söhne sind vernünftig. Vernünftiger als ich. Ich habe mich gern in Auseinandersetzungen gestürzt, sie aber sind viel diplomatischer, vorsichtiger.

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