Gestrandet im Libanon

Samstag, 28. November 2015 23:30

Aisha (links) und eine ihrer Enkeltöchter hacken Holz, um sich am Feuer aufzuwärmen. Im Winter wird es in der Bekaa-Ebene minus zehn Grad kalt. Foto: Sarah Serafini


Jeder Vierte im Land ist ein Flüchtling. Die Reportage aus dem Bekaa-Tal

Von Sarah Serafini aus Beirut

Nicht einmal einen Ofen gibt es in Aishas Zelt. Und wenn es einen gäbe, wüsste die 47-Jährige nicht, womit sie das Öl bezahlen soll, das sie zum Anfeuern bräuchte. Schon jetzt, Ende November, bläst ein bitterkalter Wind durch die Bekaa-Ebene. In diesem Landesteil vom Libanon, im Osten, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, sinkt die Temperatur im Winter auf bis zu minus zehn Grad.

Aisha ist eine von den 1,2 Millionen von der (Hilfsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) registrierten syrischen Flüchtlingen. Inoffiziellen Schätzungen zufolge sind es sogar zwischen 1,5 und 2 Millionen Syrer, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs in den Libanon geflüchtet sind. Allein in dem Grenzgebiet in der Bekaa-Ebene gibt es inzwischen mehr Syrer als Libanesen. Über 200 000 Flüchtlinge sollen hier in 850 Camps leben. Wobei es im Libanon offiziell gar keine Flüchtlingscamps gibt. Flüchten Syrer ins Nachbarland, so werden sie vom UNHCR registriert. Ihr Aufenthalt im Libanon wird akzeptiert, mehr nicht. Sie lassen sich nieder, wo es Platz hat, bauen mit dem, was sich findet, Hütten und hoffen irgendwie durch den kalten Winter zu kommen. Der Flüchtlingsstatus verbietet ihnen zu arbeiten. Wer kann, tut es trotzdem. Schwarz und zu einem Hungerlohn.

Aisha wohnt im Camp 026, auch das Old River Camp genannt, weil sich neben dem Lager ein ausgetrocknetes Bachbett durch die Ebene schlängelt. In den letzten vier Jahren haben sich hier 35 Zelte angesammelt. 364 Personen, darunter 76 Kinder, leben im Camp. Zwischen die Zelte hat eine Nichtregierungsorganisation (NGO) helle Kieselsteine auf den Weg gestreut. Damit es bei Frost nicht rutschig wird. Seit kurzem gibt es Toiletten, aufgestellt von einer anderen NGO.

Aishas Mann findet keine Arbeit mehr. Letztes Jahr habe er ab und zu als Tagelöhner auf den Feldern arbeiten können. Doch jetzt gehe es ihm gesundheitlich nicht mehr gut. «Und der Konkurrenzkampf um Arbeitsstellen wird immer härter», sagt sie besorgt. Sie sitzt in ihrer Hütte auf einem Teppich, den sie über den kalten Steinboden geworfen hat. Die dünnen Matratzen, die ihre Familie nachts zum Schlafen in der Hütte nebeneinanderlegt, sind in der Ecke ordentlich zu einem Turm gestapelt. Nebst einer kleinen Kommode, darauf ein paar Bücher, ist das Zelt leer. «Wir kamen in den Libanon mit dem, was wir am Leib trugen», sagt sie. Nicht einmal ein Foto von zu Hause in Aleppo konnte Aisha mitnehmen, als sie vor drei Jahren nach Syrien flüchtete. Ihr Haus wurde ausgebombt. Die Erinnerung daran treibt Aisha Tränen in die Augen.

Vom Schweizerischen Roten Kreuz bekommt sie monatlich ein Paket mit Lebensmitteln (siehe Artikel unten). Aisha zieht die Box zu sich heran und zeigt den Inhalt: Pasta, Bulgur, Bohnen, Öl, Salz. «Auch wenn die Lebensmittel für meine Familie nur wenige Tage halten, bin ich froh um jede Hilfe, die ich bekomme», sagt sie. Aisha fürchtet sich vor dem Winter, fürchtet sich sowieso vor den nächsten Monaten, denn sie kann die Miete nicht mehr bezahlen. Dafür, dass sie hier wohnen darf, muss sie dem Landbesitzer umgerechnet rund 500 Franken pro Jahr abtreten. Dieses Jahr hat sie das Geld nicht zusammengebracht. Kann sie nicht bezahlen, will sie der Landbesitzer wegschicken.

Etwa 4½ Millionen Menschen lebten vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Libanon. Nach Ausbruch des Krieges ist die Bevölkerungszahl um ein Drittel gewachsen. Zum Vergleich: In der Schweiz leben rund 30 000 Flüchtlinge. Man stelle sich vor, diese Zahl würde sich innerhalb eines Jahres verdoppeln, verdrei- oder gar vervierfachen, würde plötzlich die Millionengrenze übersteigen.

Wäre die Flüchtlingsquote in der Schweiz gleich hoch wie jene im Libanon, dann würden hierzulande 2,7 Millionen Flüchtlinge leben. Gemessen an ihrer Bevölkerungszahl gibt es weltweit kein anderes Land, in dem so viele Flüchtlinge leben wie im Libanon.

Der Wind wirbelt staubige Luft auf und weht sie über die an Schnüren aufgehängten Kleider vor den Zelten. Irgendwo wird Plastik verbrannt. Die Kinder des 37-jährigen Fayez spielen barfuss vor dem Zelt. Er ist einer der wenigen Syrer in der Bekaa-Ebene, der noch eine Arbeit hat. In sich gesunken, kauert er in seiner Hütte auf den Knien. Dunkle Ringe unter den Augen lassen ihn älter und müde aussehen. Jetzt, wo der Winter kommt, gibt es auf den Feldern immer weniger zu tun. Manchmal kann er einem libanesischen Bauern aushelfen und erhält für fünf Stunden 10 000 libanesische Pfund, erzählt er. Das sind knapp 7 Franken. In Aleppo war Fayez selbst Bauer, besass Land und Haus. Als vor vier Jahren mitten in der Nacht die Häuser seiner Nachbarn bombardiert wurden, flüchtete er mit seiner Familie Hals über Kopf.

Fayez’ Hütte steht an einer Nebenstrasse in dem Städtchen Qoub Elias, nur fünf Gehminuten von Aishas Camp entfernt. Zusammengenagelte Holzbalken bilden ein Gerüst, das zwei Zimmerchen voneinander trennt. Rechts ist eine provisorisch eingerichtete Küche, links das rund 20 Quadratmeter grosse Wohnzimmer, das in der Nacht zum Schlafzimmer für 16 Personen wird. Mauern hat die Hütte keine.

Das Holzgebälk hat Fayez mit Plastikplachen umwickelt, um die Bewohner vor Wind und Wetter zu schützen. Saida, eine der drei kleinen Töchter von Fayez, lächelt und sagt, es sei schon sehr kalt im Winter.

Ihr Gesicht mit den schwarzen Augenbrauen wird von einem Tuch umrahmt, das sie sich über die Haare gezogen und im Nacken zusammengebunden hat. Ihr Vater streicht ihr über den Kopf und eine von Henna orange gefärbte Locke löst sich aus dem Tuch. Fayez sagt: «Uns geht es gut. Im Vergleich zu anderen sind wir privilegiert.»

Der Libanon ist politisch und ökonomisch am Boden. Es sind nicht nur die Abertausenden syrischen Flüchtlinge, die das Land seit Jahren im Ausnahmezustand erstarren lassen. Seit über einem Jahr existiert keine Regierung. Nachdem mehrere Wahlgänge im Sand verliefen, blieb das Amt des Staatsoberhauptes vakant. Seither regiert, wer Geld hat. Die Korruption floriert, mafiöse Strukturen gewinnen an Einfluss. Das Ende des letzten Bürgerkriegs liegt erst zehn Jahre zurück. 17 Tage ist es her, als der sunnitische Islamische Staat in einem schiitischen Hisbollah-Quartier in Beirut einen Terroranschlag verübte.

40 Menschen starben.

Nebst den vielen Syrern beheimatet das Land eine halbe Million palästinensische Flüchtlinge. In Schatila, einem der vier palästinensischen Flüchtlingscamps in Beirut, wohnen geschätzte 30 000 Menschen auf einer Fläche von drei Fussballfeldern. Seit den 50er-Jahren wohnen hier Palästinenser, inzwischen in der zweiten und dritten Generation. Schatila ist autonom organisiert und weder die libanesische Polizei noch die Armee betreten das Quartier. Seit der Flüchtlingskrise sind viele Syrer nach Schatila gezogen, weil hier das Leben billiger ist. Die Häuser stehen hier so dicht nebeneinander, dass in manche Gassen fast kein Licht dringt. Über den Köpfen der Menschen auf der Strasse durchzieht ein Kabelgewirr den Himmel, das die Wohnungen und Läden mit Elektrizität versorgt. Wenn es regnet, sprühen Funken auf die Strassen. Der Strom fällt täglich aus.

In der Hauptstadt zeigt sich am besten, welch gegensätzliches Land der Libanon ist. Nur vier Kilometer von Schatila entfernt liegt die edle Downtown. An der Hamra Street, der Einkaufsstrasse von Beirut, betteln junge Mütter mit Kindern auf dem Arm. Sie sitzen auf einem Stück Karton und strecken die Hand zu den vorbeischlendernden Passanten hoch. Der Hamra entlang weiter ins Zentrum finden sich immer weniger Bettler auf den Strassen. Im Grand Café nippen Damen am Cappuccino und Herren lassen sich vom Kellner Kohle für die Wasserpfeife bringen.

Im sogenannten Solidere-Viertel ist von der Flüchtlingskrise nichts zu spüren. Solidere – ein Kürzel für «Gesellschaft für die Entwicklung und den Wiederaufbau von Beirut» – ist ein libanesisches Immobilienunternehmen, gegründet vom Multimillionär und ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri, der vor zehn Jahren durch eine Autobombe getötet wurde. Nach Ende des libanesischen Bürgerkriegs 1990 begann Hariri das Zentrum Beiruts wieder aufzubauen.

Heute sind die Mieten im Solidere-Quartier so teuer, dass viele Ladenflächen leer bleiben. Sogar die Touristen aus den reichen arabischen Ländern kommen immer weniger zum Einkaufen nach Beirut. Sie können es sich nicht mehr leisten.

Ganz in der Nähe befindet sich die amerikanische Universität von Beirut. Wie eine Oase wirkt das Gebäude mit seinem sauberen Vorplatz und den zurechtgestutzten, immergrünen Mittelmeer-Zypressen. Ein Wachmann kontrolliert, wer durch die schweren Steinbögen den Campus betritt. Eine Gruppe Studenten sucht unter Regenschirmen Schutz vor dem einsetzenden Regen. Omar spricht ein gepflegtes Englisch, stammt aus einer reichen Familie und studiert Elektrotechnik. Er sagt: «Vor der Krise betrug der Mindestlohn eines Libanesen 30 Dollar pro Tag. Heute macht ein Syrer dieselbe Arbeit für 15 Dollar. Das verursacht soziale und ökonomische Probleme.» Omar findet, es bräuchte offizielle Camps und eine bessere Versorgung der Flüchtlinge. Doch im Libanon habe es einfach nicht Platz für so viele Leute. Zudem seien die Voraussetzungen im Land schlecht, um die Leute in den Alltag einzugliedern.

Ein Taxifahrer in Beirut erklärt es so: «Wenn du einen Kuchen hast und ihn mit vier Personen teilst, dann bekommen alle ein schönes Stück Kuchen. Was passiert aber, wenn du einen Kuchen hast und ihn mit hundert Personen teilst?» Er lässt die Frage unbeantwortet.

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