Die Briefkastenfirma des Star-Psychiaters

Von Sandro Brotz und Beat Kraushaar


Samstag, 04. Februar 2012 23:10


Frank Urbaniok hat als Chefbeamter lukrative Nebenjobs – sein Geschäftsmodell löst bei Fachkollegen scharfe Kritik aus.

Der Chefarzt entscheidet, welche Häftlinge gefährlich sind. Das geschieht mit einem Prognoseinstrument, das Frank Urbaniok über eine Briefkastenfirma vertreibt. Nun werden erstmals Zahlen bekannt.

Die Firma Profecta hat ihr Domizil im steuergünstigen Wilen bei Wollerau, einem Ortsteil von Freienbach im Kanton Schwyz. Ihr Zweck gemäss Handelsregister: «Innovative Produkte vorzugsweise im Bereich Sicherheit und Gesundheit entwickeln und vertreiben». Gründer und Mitglied des Verwaltungsrates ist ein umtriebiger Wissenschafter: Frank Urbaniok – ein gefragter Gast in Talkshows, wenn es um die Abgründe des Menschen geht. Einziges Produkt der Profecta ist Fotres. Das Kürzel steht für Forensisches Therapie-Risiko-Evaluations-System. Mit einem standardisierten Computerprogramm wird die Gefährlichkeit von Verbrechern berechnet.

Als Postadresse der Profecta fungiert die «Thalmann Kommunikation». Dabei handelt es sich um die Privatadresse der Schwyzer FDP-Kantonsrätin Irene Thalmann. Sie hat Erstaunliches zu berichten: «Mit der Firma habe ich nichts zu tun. Die Geschäftspost sehe ich auch nicht, die kommt zu einem Postfach in Freienbach». Zum Firmensitz kam die Politikerin eher zufällig: «Eine Bekannte von mir, die in einer Bank arbeitet, fragte mich an, ob ich meine Adresse zur Verfügung stellen würde.» Als Grund gibt Thalmann an, dass Urbaniok aus Sicherheitsgründen seine Adresse geheim halten müsse. «Für mich gab es keinen Grund, das nicht zu machen.»

Die Briefkastenfirma Profecta hat seit ihrer Gründung 2005 im Durchschnitt 35000 Franken jährlich als Gewinn erwirtschaftet. Es ist nicht der einzige Zustupf für Urbaniok, der als Chefbeamter ein Jahresgehalt von geschätzten 200000 Franken hat. Neben der Profecta betreibt Urbaniok eine eigene Praxis für forensisch-psychiatrische Beratungen. «Im Jahr 2011 betrug der Brutto-Gesamtumsatz aller im Rahmen der Praxistätigkeit erbrachten Leistungen 227000 Franken», sagt Rebecca de Silva vom Amt für Justizvollzug der Zürcher Justizdirektion. Der Gewinn abzüglich sämtlicher Ausgaben wie Mitarbeiterlöhne und Infrastrukturkosten betrug im Jahr 2010 immer noch 64 000 Franken. Das sind total zusätzlich rund 100 000 Franken aus Nebeneinkünften für den Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Kanton Zürich.

Der PPD betreut rund 1300 Straftäter in den Zürcher Gefängnissen und führt 12 000 Konsultationen durch. Trotzdem bleibt Urbaniok noch Zeit, um eine Firma und eine Praxis zu führen. Diese erstellt jährlich 15 bis 30 Gutachten, die von PPD-Mitarbeitern in ihrer Freizeit verfasst werden. Der gebürtige Deutsche ist zudem als Honorar-Professor an der Universität Konstanz tätig. Daneben hat er Dutzende von Büchern und Fachartikeln geschrieben.

Das Geschäftsmodell Urbaniok ist einzigartig und nur schwer zu durchschauen. «Professor Urbaniok hat das Amt für Justizvollzug und die Direktion der Justiz und des Innern über seine Nebentätigkeiten informiert», sagt de Silva. Die Tätigkeiten seien bewilligt worden.

«In Basel wäre eine solche Nebentätigkeit nicht möglich», sagt Volker Dittmann, bis vor einem halben Jahr Chefarzt an der Forensischen Psychiatrischen Klinik der Universität Basel. Eine eigene Firma zu führen hält Ordinarius Dittmann in Basel bei einer Festanstellung gar für «unmöglich». Nur schon bei Privatgutachten brauche es eine Ausnahmebewilligung des vorgesetzten Direktors bis zum Regierungsrat. Auch im Kanton Aargau wäre ein solches Modell nicht möglich, wie Fachleute übereinstimmend erklären. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren sie, dass Urbanioks Arbeit durch die Einnahmen der Firma beeinflusst werde. Er favorisiere sein eigenes Prognoseinstrument Fotres. Dadurch gehe seine Unabhängigkeit verloren. Diese Meinung vertreten auch mehrere angefragte Rechtsanwälte. Sie müssen gegen eine Gebühr Kurse von Urbaniok besuchen, um Fotres und die Schlussfolgerungen für ihre Klienten überhaupt verstehen zu können.

Mario Gmür, Psychiater und Gutachter in Zürich, sagt es offen: «Seine berufliche Identität ist von ökonomischen Interessen mitbeeinflusst.» Gmür spricht von einer Befangenheit. Urbanioks Konstrukt widerspreche «allen Prinzipien der Gewaltentrennung». Die Geschäftsprüfungskommission des Zürcher Parlaments müsse diesem Geflecht als politische Oberaufsicht nachgehen.

Peter Zihlmann, früherer Basler Gerichtspräsident, Strafverteidiger und Buchautor, drückt es drastisch aus: «Urbaniok hat ein eigentliches Machtimperium aufgebaut. Der kommerzielle Aspekt kommt einer Verfilzung gleich. Er verliert dadurch aus meiner Sicht an Glaubwürdigkeit.» Das «Wissens- und Macht-Monopol» von Urbaniok führe zu einer «Abwertung anderer Meinungen». Auch Zihlmann fordert eine bessere Aufsicht: «Das ist Aufgabe der Regierung.»

Chefarzt und Unternehmer Urbaniok, der im Ausland an einem Kongress weilt, war für ein Gespräch nicht verfügbar. Kritische Fragen lässt er gerne durch die Medienstelle des Amtes für Justizvollzug beantworten. Den nächsten grossen Auftritt hat er Ende Mai im World Trade Center in Zürich Oerlikon. Dann findet das 4. Internationale Symposium Forensische Psychiatrie statt. Organisiert wird es von Urbanioks Firma Profecta. Die reguläre Teilnahmegebühr: 860 Franken.

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