«Die Gesellschaft darf sich nicht an solche Übergriffe gewöhnen»

Fabienne Riklin

Fabienne Riklin ist Redaktorin bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 09. Januar 2016 23:28


Nach den sexuellen Gewalttaten in Deutschland: Anzeigen steigen, Pfefferspray-Verkäufe nehmen zu

Sexuelle Belästigungen sind für Frauen weltweit an der Tagesordnung, auch in der Schweiz. Zwei von fünf Frauen erleben mindestens einmal physische oder sexuelle Gewalt. Aus Angst und Scham zeigen aber nur die wenigsten die Täter an. Das könnte sich nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und Hamburg ändern.

Bereits haben sich junge Frauen bei der Stadtpolizei Zürich gemeldet, die ebenfalls an Silvester eingekesselt, begrabscht und bestohlen wurden. Die erste Anzeige wegen sexueller Belästigung erhielt die Stadtpolizei Anfang Woche. Bis gestern gingen rund ein halbes Dutzend weitere ein. «Die Diskussion über die Vorfälle in Köln lässt einige Frauen mutiger werden», sagt Karin Moos von der Fachstelle Frauenberatung in Zürich.

Im Ausgang begrabscht oder auf der Strasse angepöbelt zu werden, gehört für viele junge Frauen zum Alltag. «Das ist nicht tolerierbar», sagt Moos. Es seien klare Grenzverletzungen. «Wichtig ist, dass die Gesellschaft sich nicht an solche Übergriffe gewöhnt. Sonst wird die Schwelle zunehmend niedriger.» 2433 Straftaten wegen sexueller Belästigung, sexueller Nötigung, Schändung und Vergewaltigung registrierte die Polizei 2014.

Diese Zahl widerspiegelt jedoch nur einen Teil der Realität. «Wir gehen davon aus, dass rund siebenmal mehr Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind», sagt Fachstellenberaterin Moos. Übergriffe könnten überall vorkommen. Während des Sports im Fitnessklub, auf dem Heimweg, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, im Büro und auch zu Hause. «Über die Jahre hinweg haben wir beobachtet, dass bei grösseren Veranstaltungen ein erhöhtes Risiko besteht», sagt Moos. Alkohol und Drogen steigern zudem die Bereitschaft für eine Tat.

Das Motiv ist bei allen sexuellen Übergriffen dasselbe: Es geht um Macht und Demütigung. «Im Zentrum steht, eine Frau zu erniedrigen», sagt Ursula Klopfstein, Rechtsmedizinerin und Dozentin an der Berner Fachhochschule. Insgesamt gab es 2014 in der Schweiz 1021 rechtsgültige Urteile im Zusammenhang mit Delikten gegen die sexuelle Integrität. In zwei Dritteln der Fälle waren Schweizer Männer die Täter. Besonders oft wurden sie wegen verbotener Pornografie verurteilt, in 417 Fällen. Doch Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass bei besonders schweren Delikten wie Vergewaltigung oder sexueller Nötigung die Mehrheit der Täter Ausländer waren. Bei den Vergewaltigern betrug ihr Anteil 64 Prozent, bei der sexuellen Nötigung 55 Prozent.

Rechtsmedizinerin Klopfstein sagt: Sexuelle Gewalt sei die Folge eines verzerrten Frauenbildes. «Wenn im Ursprungsland Frauen als minderwertig behandelt werden, dann kann Gewalt gegen Frauen in gewissen Gruppen gehäuft beobachtet werden.»

Auch Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, ortet im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen mehrere Probleme, besonders im islamisch geprägten Milieu. «Die Gesellschaft muss daher mit klaren Signalen reagieren», sagt sie. Gewalt und Frauenfeindlichkeit dürften nicht geduldet werden und müssten konsequent bestraft werden. «Ebenfalls ist es wichtig, über die Gewaltbereitschaft und das Frauenbild bestimmter Männer zu sprechen.» Und dies müsse ohne Schere im Kopf stattfinden.

Einen Schritt weiter geht die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. «Es müssen Gesetze und Vorschriften erlassen werden, die es uns möglich machen, uns besser vor diesen rückschrittlichen und islamistischen Muslimen zu schützen – die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und die Mitläufer wirklich zu integrieren: Anderenfalls müssen Sanktionen in Kraft treten», sagt die Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift «Emma». Sie sei über die aktuellen Entwicklungen hoch alarmiert. «Die Menschenrechte der muslimischen Frauen und Mädchen in unseren Ländern sind in Gefahr – oder aber auch nie in Kraft getreten.» Sie seien die ersten Opfer, ihnen müssen wir beistehen. «Darüber hinaus weicht die falsche Toleranz solchen Zuständen gegenüber natürlich die gesamte Gleichberechtigung auf.»

Fest steht: Das Sicherheitsbedürfnis ist in den vergangenen Monaten in der Schweiz gestiegen. Das zeigt sich auch an der Zunahme von verkauften Pfeffersprays. Rund 30 Prozent mehr Selbstverteidigungssprays setzte der Online-Händler Pfefferspray-Shop.ch im vergangenen Jahr ab. Vergleichbar ist auch die

Umsatzzunahme beim Waffengeschäft Poyet in Bern. «Vermehrt kommen Frauen zu uns in den Laden, die sich interessieren, wie sie sich bei einem Übergriff wehren können», sagt Geschäftsführer Stephan Balmer. Das sei neu. «Bis vor rund einem Jahr war das Anliegen, sich mit etwas zu schützen, deutlich weniger ausgeprägt.» Überrascht hat Balmer, dass sich Frauen auch explizit nach Schusswaffen erkundigten. «Gerade Frauen scheinen nach den diversen Gewalt-Ereignissen vermehrt Angst zu haben.»

Das stellt auch Mathias Christen, Inhaber von Pfefferspray-Shop.ch, fest. «Bei uns mehren sich Anfragen von Frauen oder Partnern und Ehemännern, die sich erkundigen, was sich zur Verteidigung eignet.» Besonders gross war 2015 die Nachfrage nach der Vergewaltigung von Emmen LU oder auch nach den Terroranschlägen von Paris. Während es für den Erwerb einer Schusswaffe eine Bewilligung braucht, können Pfeffersprays ohne Vorgaben im Internet, in Waffengeschäften oder teilweise in Apotheken gekauft werden.

Die Fachstelle Frauenberatung rät Frauen, dass sie in Gruppen ausgehen und auf das eigene Bauchgefühl hören sollen. «Wichtig ist auch, dass junge Frauen weiterhin in den Ausgang gehen und sich nicht einschüchtern lassen», sagt Moos. Das würde sonst ein falsches Signal setzen. Sollte eine Frau Opfer werden, soll sie Hilfe holen. «Jede Verletzung gegen die sexuelle Integrität ist ein sehr schwerer Einschnitt im Leben. Daher ist es wichtig, mit dem Erlebten nicht alleine zu bleiben.»

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