Der Armeechef rät der Bevölkerung, Notvorräte anzulegen

Von Patrik Müller und Othmar von Matt


Samstag, 12. April 2014 23:30

Korpskommandant André Blattmann. Foto: Pixsil/Daniel Rihs


André Blattmann sieht neue Bedrohungen. Er selbst hat zu Hause vorgesorgt und hält 300 Liter Mineralwasser an Lager.

Unsere Gesellschaft sei verletzlich geworden und auf neue Risiken wie Cyberattacken oder Stromausfälle nicht wirklich vorbereitet. Das sagt Armeechef André Blattmann – und er hat selber Konsequenzen gezogen: Zu Hause lagert er «30 oder 40 Sechserpackungen Mineralwasser ohne Kohlesäure». Das entspricht rund 300 Liter Mineral. Darüber hinaus hat der Armeechef eine Wasserzisterne. Wasser sei im Notfall das Wichtigste, sagt er: «Für den täglichen Bedarf braucht jeder mindestens acht Liter Wasser. Um zu trinken, zu kochen, sich zu waschen.»

Weil bei einem Stromausfall die Heizung nicht mehr funktionieren würde, hat Blattmann auch ein Cheminée mit Holzvorrat. Die privaten Sicherheitsvorkehrungen traf er «vor zwei, drei Jahren»: «Die neuen Risiken und Bedrohungen haben mich sensibler gemacht.» Er rät der Bevölkerung zur Vorsorge: «Vielleicht müsste man den Leuten sagen: Es ist gut, wenn ihr ein paar Vorräte für den Notfall zu Hause habt. Auch Konservenbüchsen. Das hilft ein paar Tage zu überbrücken, bis der courant normal wieder hergestellt ist.»

Im Interview mit der «Schweiz am Sonntag» äussert sich der Armeechef zur veränderten Sicherheitslage in Europa infolge der Krim-Krise. Er sieht die «bewaffnete Neutralität» gestärkt. Blattmann: «Was auf der Krim geschah, zeigt: Wir müssen den Nachrichtendienst und die Mobilmachung verbessern. Sollte trotzdem etwas geschehen, müssen wir reagieren können.» Es gebe zwei Hauptlehren: «Erstens weiss niemand, was die Zukunft bringt – es waren alle überrascht. Und zweitens: Wer sich nicht selber wehren kann, dem diktiert die Geschichte, was er zu tun hat.»



Interview mit Armeechef André Blattmann:

«Neutralität ist glaubwürdig, wenn sie bewaffnet ist»

Armeechef André Blattmann über den Gripen, die Krim-Krise und neue Bedrohungen.

Herr Blattmann, sitzen Sie im Moment auf Nadeln?
André Blattmann: Nein. Es ist gut, dass das Volk über den Gripen abstimmt und wir das Volk orientieren können. Wir haben noch einen guten Monat bis zur Abstimmung. Den müssen wir nutzen.

Die Ausgangslage ist aber schwierig: Der schwedische Botschafter beleidigt Schweizer Politiker, die CVP gibt entnervt die Kampagnenführung ab und die Bürgerlichen zerfleischen sich gegenseitig.
Offensichtlich stellen viele Leute ihre eigenen Interessen in den Vordergrund. Das schadet mit Sicherheit dem berechtigten Gesamtinteresse. Ich bin aber trotzdem überzeugt, dass sich das Volk letztlich für Sicherheit entscheiden wird.

Glauben Sie wirklich, diese Abstimmung sei noch zu gewinnen? Eine GfS-Umfrage vom Freitag zeigt, dass 52 Prozent Nein sagen.
Ich bin immer noch überzeugt, dass wir diese Abstimmung gewinnen. Wir stimmten über einige Initiativen ab, seit ich im Amt bin: Waffen-Initiative, Wehrpflicht. Die Leute stellen immer kritische Fragen. Am Ende des Tages überlegen sie aber sehr genau, ob sie den seit Hunderten von Jahren so erfolgreich beschrittenen Pfad verlassen wollen. Uns geht es gut, weil wir selber für Sicherheit besorgt sind. Ich glaube nicht, dass sich das Schweizervolk plötzlich auf einen opportunistischen Weg begeben will. Deshalb bin ich optimistisch.

Welche Botschaft versuchen Sie im letzten Monat zu betonen?
Wir brauchen für unser Land und unsere Gesellschaft Sicherheit. Dafür braucht es die Armee, und die Armee ist ein Gesamtsystem, das zum Schutz in der Luft Kampfflugzeuge braucht. Wer gibt uns denn die Garantie, dass nichts geschieht? Bis vor eineinhalb Monaten hätten viele diese Garantie gegeben. Jetzt sind sie aber nicht mehr sicher.

Sie sprechen die Ukraine an. Könnte es auch der Schweiz passieren, dass ihr plötzlich ein Landesteil abhanden kommt? Zum Beispiel das Tessin?
Solange wir die Armee richtig ausrüsten, kann das nicht passieren. In der Ukraine gab es mit Sicherheit Cyberattacken. Man ging auf ukrainische Netze, wollte wissen, wer wo ist. Der Gegner sollte nicht führen können. Zudem gab es einen Informationskrieg. Es konnten nur noch russische Fernsehsender empfangen werden. Dazu kamen Sonderoperationskräfte, die unseren Grenadieren in Isone entsprechen. Alles war hervorragend geplant. Generalstabsmässig.

Aber der Schweiz würde so etwas nicht passieren?
Wir würden nicht einfach zusehen. Wir würden reagieren, uns verteidigen. Dafür sind wir da.

Die «Süddeutsche Zeitung» titelte: «Warnung vor Einmarsch der Russen in der Ostukraine». Ist der neue Kalte Krieg für Sie strategisch ein Thema?
Ja, mit Sicherheit. Was auf der Krim geschah, zeigt: Wir müssen den Nachrichtendienst und die Mobilmachung verbessern. Sollte trotzdem etwas geschehen, müssen wir reagieren können. Für mich gibt es zwei Hauptlehren. Erstens weiss niemand, was die Zukunft bringt – es waren alle überrascht. Sonst wäre es gar nie so weit gekommen. Und zweitens: Wer sich nicht selber wehren kann, dem diktiert die Geschichte, was er zu tun hat.

Sie haben früh eine Gefahren- und Risikokarte für Europa entwickelt. Inzwischen ist vieles geschehen. Entwickeln Sie die Karte weiter?
Das glaube ich nicht. Die Medien schlugen mich dermassen, dass das meiner Gesundheit nicht zuträglich war. Das hier finde ich aber schon ziemlich aussagekräftig. (Legt eine Europa-Karte auf den Tisch.) Die Krim ist halb so gross wie die Schweiz und liegt nur 2000 Kilometer entfernt. Neben der Krim liegt Rumänien. Das heisst, der Konflikt liegt praktisch wieder in Europa.

Die Machtpolitik ist zurück. Ist in diesem Fall die Neutralität ein Vorteil?
Die Neutralität ist dann glaubwürdig und wird auch akzeptiert, wenn sie bewaffnet ist. Bereits der 10. Mai 1940 hatte es bewiesen: Belgien und Holland waren zwar neutral. Aber sie hatten nicht genügend militärische Mittel und waren plötzlich besetzt. Die Schweiz hingegen hat eine echte bewaffnete Neutralität, hat weder eine Kolonial- noch eine Zweit-Weltkrieg-Vergangenheit. Das ist an sich ein Wert, das gibt Stabilität, auch für Europa.

Trotzdem kooperiert die Schweiz im Luftraum mit Nachbarstaaten.
Am WEF mit Österreich. Beim Frankofoniegipfel und bei der Syrienkonferenz in Montreux war es Frankreich. Und im Herbst in Basel beim OSZE-Gipfel werden es Deutschland und Frankreich sein. Wir machen das im Friedensfall schon lange.

Und im Krisen- oder Konfliktfall?
Eben. Wer soll da zu Hilfe kommen? Es ist wirklich nicht ehrlich zu glauben, jemand stelle für die reiche Schweiz den Einsatz in der Luft sicher. Und dies natürlich erst noch gratis. Damit muss man aufhören. Wir müssen selber für Sicherheit in der Luft schauen. Darum brauchen wir selber den Gripen.

Die Jungen nehmen kaum mehr an Abstimmungen teil. Sie haben viel mit ihnen zu tun. Wie nehmen Sie die Jungen wahr?
Die Jungen sind der beste Punkt überhaupt in meinem Dasein als Armeechef. Die Jungen sind wirklich gut. Sie sind zuverlässig, leistungsbereit, aber auch kritisch und selbstbewusst. Sie sind besser, als wir es waren.

Das betrifft aber nur einen Teil der Jungen. Kann sich das mangelnde Engagement der anderen für das Gemeinwesen auf die Armee auswirken?
Das ist ein Grundthema. Die Frage ist: Wo wird was vermittelt? Vielleicht müsste man die Frage grundsätzlicher stellen: Ist der Staat – oder ist die Sicherheit – in der heutigen Schule überhaupt ein Thema? Wollen wir das Milizwesen weiterpflegen, muss die Schule das zum Thema machen. Unideologisch.

Verteidigungsminister Ueli Maurer kündigte an, 2015 noch einmal als Bundesrat zu kandidieren. Fühlen Sie sich dadurch verpflichtet, Ihrerseits vier weitere Jahre im Amt zu bleiben?
Die Zusammenarbeit mit Ueli Maurer ist hervorragend. Ich stehe als Armeechef nun im sechsten Jahr, und es ist total anders als bei Amtsbeginn: Die politische Diskussion und die sicherheitspolitische Lage in Europa haben sich verändert. Damals schien vieles undenkbar von dem, was jetzt eingetroffen ist. Sicherheit ist wieder ein Top-Thema. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, die Weiterentwicklung der Armee zu realisieren. Wenn wir dieses Vorhaben durchbringen, haben wir gute Voraussetzungen geschaffen für die nächste Generation. Dann könnte man mit gutem Gewissen gehen.

Wie sieht der Zeitplan aus?
Umgesetzt werden soll die Weiterentwicklung ab Anfang 2017 bis Ende 2020. Bis dann werden wir für die heutigen Sicherheitsrisiken gut aufgestellt sein. Ein zentrales Element ist auch die Einführung der Mobilmachung ab dem 1. Januar 2017.

Wie viele Leute kann die Armee dann mobil machen?
Das werden gemäss unserer Planungsvariante etwa 22 000 Mann sein. Künftig haben wir noch 109 Bataillone, davon sind in der Grössenordnung von 7 Bataillonen für jede der 4 Territorialregionen Miliztruppen mit hoher Bereitschaft – das ist wohl zu handhaben. Es ist also möglich, die Leute bei den Zeughäusern, Flugplätzen und Kasernen zusammenzuziehen. Nicht mehr wie früher in Wäldern und auf Bauernhöfen.

Wofür braucht es heutzutage noch eine Mobilmachung?
Um auf unerwartete Ereignisse zu reagieren. Sie dient der Sicherheit und dem Katastrophenschutz – was immer auch passiert. Es geht darum, dass man in den vier Territorialregionen der Schweiz innert kürzester Zeit genügend Kräfte mobilisieren und sich aushelfen kann. Rettungstruppen, Genie, Übermittlung, Sanität, Infanterie, Transportmittel am Boden und in der Luft zum Beispiel. Es ist gewissermassen eine Reserve, eine Feuerwehr mit den Mitteln, die nur eine Armee hat. Eine erste Mobilmachungs-Übung haben wir bereits durchgeführt, das ist vor allem logistisch anspruchsvoll: Das Material muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.

Wie schnell können die Soldaten mobilisiert werden?
Sofort. Wir werden eine Mobilmachung per Knopfdruck auslösen können. So wird die Leistung innert Stunden bis Tagen verfügbar sein.

Über SMS?
Wir prüfen verschiedene Varianten. SMS wäre die einfachste – nur: was ist, wenn die Mobilfunknetze ausfallen? Radio würde dann noch funktionieren, es sei denn, man hört übers Internet. Wir werden wohl – wie früher – mit Codes arbeiten: Man wird mit bestimmten Nummern aufgeboten und weiss dann, wohin man einrücken muss.

Ist diese Subito-Bereitschaft der Armee auch wegen möglicher Cyber-Attacken nötig?
Absolut. Das sind heute die grössten Bedrohungen. Ein grossflächiger Stromausfall etwa kann zu einem Armee-Einsatz führen. Das Buch «Blackout» von Marc Elsberg scheint mir sehr realistisch zu sein: Es braucht die Armee, um zu verhindern, dass es Plünderungen gibt, wenn Bancomaten ausfallen und es nichts mehr zu kaufen gibt. Unsere Gesellschaft ist sehr verletzlich geworden, und wir sind – ich meine jetzt nicht die Armee – auf neue Risiken nicht wirklich vorbereitet. Wie viele Wasservorräte haben Sie zu Hause?

Ein paar Flaschen Mineral.
Für den täglichen Bedarf braucht jeder mindestens acht Liter Wasser. Zum Trinken, Kochen, sich waschen. Stellen Sie sich einmal den Bedarf für eine Familie über ein paar Tage hinweg vor. Ich mache zu Hause regelmässig Kontrollen: Haben wir genug Wasservorräte für meine Frau und mich?

Was haben Sie an Vorrat?
Sicher etwa 30 oder 40 Sechserpackungen Mineralwasser ohne Kohlesäure. Das ist das Wichtigste. Dann haben wir noch eine Wasserzisterne und ein Cheminée mitsamt Holz – denn die Heizung würde bei einem Blackout auch nicht mehr funktionieren.

Seit wann treffen Sie diese privaten Vorkehrungen?
Die neuen Risiken und Bedrohungen haben mich etwa vor zwei, drei Jahren sensibler gemacht. Vielleicht müsste man den Leuten sagen: Es ist gut, wenn ihr ein paar Vorräte für den Notfall zu Hause habt. Auch Konservenbüchsen. Das hilft, ein paar Tage zu überbrücken, bis der courant normal wieder hergestellt ist.

Uns fällt auf: Sie denken oft das Undenkbare. Noch vor Ausbruch der Euro-Krise wälzten Sie Szenarien zu Unruhen in Europa.
Das gehört zu meinen Aufgaben. Und absurd sind solche Szenarien ja keineswegs. Ich gab ein Operationskonzept «Blackout» in Auftrag. Nehmen Sie an, es gibt einen AKW-Unfall im grenznahen Ausland: Wer bringt den Leuten, die nicht mehr aus dem Haus können, das Essen? Das kann wahrscheinlich nur die Armee. Genau für Situationen, die weit weg scheinen, sind wir da.

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