«Der IS ist wie eine Krankheit»

Von Sarah Serafini


Samstag, 02. Januar 2016 23:31

Elham Manea (59) ist jemenitisch-schweizerische Politologin und Autorin. Foto: 13 Photo/Daniel Rihs


Mit 16 verfiel Elham Manea dem radikalen Islam. Heute ist sie seine schärfste Kritikerin.

Die 16-jährige E. ist eines von sechs Mädchen aus der Schweiz, die in den Dschihad gezogen sind. Vor dreizehn Monaten reiste die Winterthurerin mit ihrem 17-jährigen Bruder V. nach Syrien in den «Heiligen Krieg». In Rakka, der Terroristenhochburg des sogenannten Islamischen Staats (IS), soll E. geheiratet haben.

In Deutschland sind es über hundert, aus ganz Europa über zweihundert junge Frauen, die ihr Zuhause verlassen haben, um sich in Syrien dem IS anzuschliessen. Wie E. aus Winterthur waren diese Mädchen vor ihrem Verschwinden ganz normale Teenager mit ganz normalen Teenager-Sorgen. Wie kommen junge Frauen dazu, ihr Land zu verlassen, in ein Kriegsgebiet zu ziehen, dort einen Fremden zu heiraten und terroristisches Gedankengut gutzuheissen?

Elham Manea holt tief Luft. Mit einem Kugelschreiber in der Hand zeichnet sie auf einen Schreibblock. Gleichzeitig spricht sie, erklärt, gestikuliert. Ihre Wangen beginnen leicht zu glühen. Manea ist schweizerisch-jemenitische Privatdozentin für Politikwissenschaften an der Universität Zürich und gilt als eine der wichtigsten Kritikerinnen des fundamentalistischen Islams. Sie sagt: «Zuerst braucht es ein radikales Umfeld, dann die Botschaft der Liebe.» Manea weiss, wovon sie spricht. Denn genau so erlebte sie es selbst, als sie sich in ihren Jugendjahren von einer fundamentalistischen islamischen Organisation verführen liess. Zuerst geriet sie in ein radikales Umfeld, dann traf sie die Botschaft der Liebe mitten ins Herz.

Als Tochter eines jemenitischen Diplomaten lebte Manea in Ägypten, Marokko, Deutschland, Iran, Kuwait, den USA und im Jemen, bevor sie ihren Schweizer Mann kennen lernte und mit ihm nach Bern zog. «Mein Leben war ein Leben auf Reisen. Das war wunderschön. Gleichzeitig führte es dazu, dass ich mich in der Pubertät heimatlos fühlte», sagt sie.

Damals im Jemen habe sie niemanden gekannt und keine Freunde gehabt. An der Schule machte eine junge Frau Werbung für eine islamistische Gruppe. Manea wurde zu einem Treffen eingeladen. Der warmherzige Empfang, das Gefühl der Zugehörigkeit, die Liebe und das Verständnis, die ihr entgegenschlugen, ebneten den Weg in einen religiösen Fundamentalismus. Sie verschleierte sich, betete fünfmal am Tag, begann die Sprache von radikalen Muslimen zu sprechen.

Der IS braucht die Frauen als Reproduktionsmaschinen. Gekonnt spielt die Terrororganisation mit den Gefühlen von jungen Frauen. Kämpfer werden als sexuelle Helden dargestellt. Die Mädchen verlieben sich erwartungsgemäss. Auf speziellen Websites preisen Frauen, die bereits nach Syrien gereist sind, das Leben beim IS an. Sie geben Tipps für den Alltag, posten Kochrezepte und berichten von der romantischen Ehe mit dem IS-Krieger.

Eine kürzlich erschienene Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften untersuchte die Motive von Dschihad-Reisenden. Für die Studie wurde ein weibliches Facebook-Profil aufschaltet. Auf dem Profilbild war ein verhülltes Mädchen zu sehen. Innerhalb weniger Stunden gab es über dreihundert Freundschaftsanfragen aus der ganzen Welt. Die Männer auf den Facebook-Fotos posierten in Kampfanzügen mit Waffen. Sie schickten Herzen und Heiratsanträge.

Haben die Mädchen vor ein paar Monaten noch auf Partys gefeiert, hüllen sie sich jetzt in ein schwarzes Tuch. Was nach aussen wie ein Gefängnis aussieht, sei für die jungen Frauen hingegen eine Befreiung, so Manea. «Freiheit kann auch eine Last sein.» Im radikalen Islam finden die Mädchen einfache Antworten auf ihre Fragen, Ratschläge für ihre Probleme. Endlich ist da diese Sicherheit, nach der sie sich gesehnt haben. «Es ist wie ein Virus, eine Krankheit», sagt sie.

Von der Krankheit geheilt wurde Manea damals durch ihren Verstand. Als ihr gesagt wurde, dass es in Ordnung ist, im Namen der Religion zu töten, war sie irritiert. Sie verreiste zwei Wochen in die Ferien und kam danach ohne Kopftuch zurück. Für viele andere Mädchen setzt diese Heilung erst ein, wenn es zu spät ist. Denn einmal im vermeintlichen Paradies in Syrien angekommen, ist es für Frauen praktisch unmöglich, umzukehren.

Der 16-jährigen E. aus Winterthur ist die Rückkehr gelungen. Mit ihrem Bruder landete sie diesen Dienstag am Zürcher Flughafen. Die Geschwister wurden von der Kantonspolizei verhaftet und der Jugendanwaltschaft Winterthur übergeben.

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