Die «Bahn 2025» nimmt Form an

Von Stefan Ehrbar


Samstag, 13. September 2014 23:29

Die Suche nach dem richtigen Zug wird nicht einfacher: Pendler im Bahnhof Löwenstrasse in Zürich. Foto: Keystone


In einem Konzept zeigt der Bund den Fahrplan ab 2025 auf. Er bringt schnellere und häufigere Verbindungen für die einen und Ärger für andere Regionen.

Die Zugfahrt in den Süden ist so eindrücklich wie nervtötend. Berge und spektakuläre Bauten stehen Verspätungen und Bummelei gegenüber. Damit soll Schluss sein. In elf Jahren, so zeigen Dokumente des Bundesamts für Verkehr (BAV), wird die Anzahl Züge von Zürich ins Tessin fast verdoppelt. Die Fahrt nach Lugano wird dann weniger als zwei Stunden dauern – Gotthard-Basistunnel sei Dank. Und zum Espresso in Mailand ist ein Zug-Passagier aus Zürich dann fast so schnell wie in Genf: in drei Stunden und drei Minuten.

Das kürzlich veröffentlichte Referenzkonzept für das Jahr 2025, welches das BAV zusammen mit den Bahnen und Kantonen entworfen hat, ist von einer «hohen Planqualität», wie es BAV-Sprecher Andreas Windlinger sagt. Es entspricht keinem verbindlichen Fahrplan, erlaubt aber trotzdem einen konkreten Blick auf das zukünftige Angebot auf der Schiene.

Viele Kapazitätsausbauten sind den steigenden Pendlerzahlen geschuldet. So werden 2025 in den Stosszeiten zwei zusätzliche Intercity-Züge pro Stunde zwischen Bern und Zürich mit Halt in Aarau verkehren. Zwischen Zürich und Chur wird zudem ein Intercity-Halbstundentakt eingeführt. Eine direkte Verbindung zwischen Chur und Basel, wie sie heute existiert, ist aber nicht mehr vorgesehen – ein «offener Punkt», wie es beim Basler Amt für Mobilität heisst.

Schneller wird die Fahrt von Zürich nach St. Gallen. Zwei von neu vier Zügen je Stunde werden die Strecke ohne Halt zwischen Winterthur und St. Gallen in 59 statt heute 66 Minuten hinter sich bringen. Die Direktverbindung nach Basel, die 2016 eingeführt wird, verliert

St. Gallen aber wieder. Und von den beiden Express-Verbindungen abgesehen verkürzt sich die Fahrzeit auf der Strecke Zürich–St. Gallen nicht. Die Ostschweiz weibelt deshalb dafür, bereits 2025 Intercitys über Wallisellen statt über den Flughafen Zürich in die Ostschweiz zu führen. Der Zeitgewinn würde so in etwa 7 Minuten betragen.

Die Zürcher Verkehrsplaner räumen diesem Plan aber wenig Chancen ein. Ohne den geplanten Brüttenertunnel zwischen Winterthur und Effretikon sei dies nicht möglich, sagt Dominik Brühwiler, Chefplaner beim Zürcher Verkehrsverbund. Dieser aber sei 2025 noch nicht gebaut.

Weniger lang dauern wird die Fahrt in elf Jahren auch zwischen Bern und Lausanne. In 61 statt 66 Minuten werden die Reben des Lavaux und die Hügel des Üechtlands dank Infrastrukturausbauten und neuem Rollmaterial ab 2025 vorbeiziehen.

Heimlicher Gewinner des Fahrplans der Zukunft ist der Zürcher Stadtteil Oerlikon. In seinem Bahnhof werden in Zukunft zwei Intercity-Züge pro Stunde halten, die Richtung St. Gallen weiterfahren. Ein Fernverkehrs-Zug pro Stunde verbindet den Bahnhof im Norden Zürichs zudem direkt mit Bern, Lausanne und Genf.

Zu den Verlierern des Konzepts gehört hingegen Chiasso. Züge nach Italien werden im Grenzbahnhof künftig keinen Halt mehr einlegen. Auch Luzern muss Abstriche hinnehmen: Zwar wird die Innerschweiz direkt mit der Ostschweiz verbunden, indem Züge von Bern über Luzern nach Zürich stündlich weiter nach Konstanz verkehren. Auch erhält Luzern den Halbstundentakt nach Bern. Dafür müssen die Zentralschweizer auf einen von zwei Zügen nach Basel verzichten. Mit einem guten Anschluss in Zofingen würden zwei Verbindungen weiterhin sichergestellt, sagt BAV-Sprecher Windlinger dazu.

Nicht zufrieden mit dem Konzept ist der Kanton Schwyz. Er pocht darauf, die vor kurzem gestrichenen Halte der S-Bahn aus Ausserschwyz nach Zürich wieder einzuführen. Die dafür nötige Infrastrukturmassnahme hat der Bund aber nicht ins Konzept aufgenommen. Weshalb, kann sich Markus Meyer, Leiter des Amts für öffentlichen Verkehr des Kantons Schwyz, nicht erklären. «Das Referenzkonzept muss die Wiedereinführung sämtlicher Halte enthalten», sagt er. Das BAV wisse, dass der Kanton Schwyz ein anderes Konzept anstrebe, sagt dazu Sprecher Windlinger. Gemeinsam würden nun Lösungen gesucht.

Bis das Konzept Realität wird, ist noch eine ganze Reihe offener Fragen zu klären. Der skizzierte Fahrplan ist etwa nur machbar, wenn die SBB ihre bereits bestellten Intercity-Züge des Zugbauers Bombardier bis 2025 in Betrieb nehmen können und die neuartige Wako-Technik bis dann zugelassen wird. Diese erlaubt schnelleres Fahren in Kurven und ermöglicht so Zeitgewinne. Ausserdem ist absehbar, dass die SBB auf gewissen Strecken zu wenig Rollmaterial zur Verfügung haben werden.

Aufgrund der Fülle des Materials gebe es im Konzept für das Jahr 2025 zudem sicherlich kleinere Fehler oder Unstimmigkeiten, sagt BAV-Sprecher Windlinger. Auch seien noch diverse Anpassungen und Abstimmungen zwischen den Partnern im öffentlichen Verkehr nötig. Es gebe aber kein zweites Land auf der Welt, das die Fahrpläne mit transparenten, öffentlich verfolgbaren Schritten entwickle, sagt er. Elf Jahre rollender Planung bleiben dem Bund und den Kantonen nun noch, bis der nächste grosse Ausbauschritt im Schweizer Bahnverkehr Realität werden soll.

Anzeige