Die Leiden der jungen Wärterin

Von Sarah Serafini


Samstag, 07. Januar 2017 23:31

Angela Magdici, die bekannteste Gefängniswärterin der Schweiz. Sie verhalf ihrem Geliebten Kiko zur Flucht. Foto: Screenshot


Anklageschrift gibt Einblicke, wie die spektakuläre Flucht ablief.

In zwei Wochen endet die Geschichte für Angela Magdici (33) an dem Ort, an dem vor einem Jahr alles begann: in Dietikon. Als die Gefängniswärterin im Februar 2016 den inhaftierten Sexualstraftäter Hassan Kiko (28) aus dem Gefängnis Limmattal befreit und mit ihm Richtung Italien türmt, erlangt sie nationale Berühmtheit. Die Flucht ist ein mediales Grossereignis, die Nachrichten lesen sich in den darauffolgenden Tagen wie ein Kriminalroman. «Ich habe es aus Liebe getan», lässt sie via Videobotschaft verlauten. Sechs Wochen nach der Flucht spüren Carabinieri das Paar in Norditalien auf und beenden die Amour fou.

Heirat im Gefängnis
Für die bekannteste Wärterin der Schweiz kommt es am 24. Januar am Bezirksgericht Dietikon zum Showdown. «Meiner Mandantin geht es den Umständen entsprechend gut. Was den kommenden Prozess anbelangt, ist sie nicht nervös», sagt ihr Anwalt Urs Huber.

Kiko hat seinen Teil der Strafe bereits erhalten. Für die Flucht mit Magdici wird er nicht belangt, doch es lag noch eine Anklage wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung offen. Das Zürcher Obergericht hat ihn vor Weihnachten zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zusammen mit einer früheren Strafe ergibt dies rund fünfeinhalb Jahre hinter Gittern. Nach der Urteilsverkündigung lagen sich Magdici und Kiko weinend in den Armen. Kikos Anwalt Valentin Landmann sagt: «Er wird in den nächsten Tagen wohl in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies verlegt. Dort kann sich das Paar einmal pro Woche für eine Stunde ohne Trennscheibe sehen.»

Bevor es dazu kommt, muss sich auch Magdici für ihre Taten verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von 27 Monaten, davon 7 Monate unbedingt. Ein Blick in die Anklageschrift lässt den spektakulärsten Polizeifall des letzten Jahres Revue passieren.

Um Mitternacht geht es los
Während ihres Nachtdienstes am 8. Februar 2016 gibt Magdici dem inhaftierten Kiko ihr Handy. Er ruft einen Freund an und bittet ihn, um Mitternacht an den Bahnhof Dietikon zu kommen. Später, um 23.58 Uhr verlässt Magdici ihr Pikettzimmer, deaktiviert den Türenalarm und schliesst die Zelle 202A auf. Um 0.04 Uhr verlässt sie mit Kiko das Gebäude. Auf dem Parkplatz steht der geleaste BMW X1 ihres Noch-Ehemanns bereit. Magdici setzt sich hinter das Steuer und bricht zum vereinbarten Treffpunkt am Bahnhof Dietikon auf. Wohl aus Nervosität lenkt sie den Wagen auf die Gegenfahrbahn und setzt der Flucht schon nach wenigen Minuten beinahe ein Ende. In letzter Sekunde reisst sie das Steuer herum, fährt über eine Verkehrsinsel auf die richtige Spur und kann so die Kollision mit einem entgegenkommenden Auto verhindern.

In der Nähe des Bahnhofs Dietikon warten zwei Freunde von Kiko auf das Paar. Der eine übergibt ihnen ein Handy, das sie auf ihrer Flucht benutzen können. Zu viert fahren sie danach in zwei Autos bis zu einer Raststätte kurz vor Chiasso. Die zwei Fluchthelfer übergeben ihnen dort Bargeld, Red Bull, Schokolade und die Adresse eines weiteren Freundes in Italien. Danach fahren Magdici und Kiko weiter Richtung Süden. Um zirka drei Uhr in der Früh überqueren sie die Grenze.

Zwei Wochen verstecken sie sich bei dem Bekannten ihres Fluchthelfers in einer Wohnung in Covo, einer kleinen Gemeinde nur knappe 100 Kilometer von der Schweizer Südgrenze entfernt. Danach ziehen sie in die benachbarte Stadt Romando di Lombardia, wo ihnen der Bekannte eine 3-Zimmer-Wohnung mietet. Am 25. März stürmen italienische Carabinieri nachts um 3 Uhr die Wohnung und verhaften das Paar.

Die Hose kostete 60 Franken
Der Straftatbestand gegen Magdici lautet: Entweichenlassen von Gefangenen und Begünstigung. Dazu kommt das Verfahren wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln. Zuletzt wird Magdici auch dafür gebüsst, dass sie bei ihrer Flucht aus dem Gefängnis Gegenstände mitnahm, die ihr nicht gehörten: ein Notset, bestehend aus einem Inbusschlüssel-Set, einem Etui und einem Generalschlüssel. Zudem floh sie in der Uniformhose, die ihr nicht gehörte und 60 Franken kostete.

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