Die Rückkehr eines Verschollenen

Samstag, 31. Oktober 2015 23:31

Der Basler Rolf Bantle, fotografiert im Jahr 2008 in Mailand. Er lebte nahezu elf Jahre lang auf der Strasse. Foto: SOYLUPHOTO


Der Basler Rolf Bantle (71) lebte fast elf Jahre auf Mailands Strassen – weil er sich im San-Siro-Stadion verirrt hatte.

Von Rahel Koerfgen

Der Monitor im San-Siro-Stadion zeigte die 85. Spielminute an. Christian Giménez musste vom Platz, für ihn kam César Carignano. Inter Mailand führte gegen den FC Basel mit 4:1 in der dritten Runde der Champions-League-Qualifikation, und das Bier in Rolf Bantles Blase drückte. «Bin gleich wieder da», sagte Bantle zu seinen Kollegen, bevor er in die langen Gänge des Stadions trat. Es war der 24. August 2004, der Tag, an dem eine Gruppe des Wohn- und Werkheims Dietisberg einen Tagesausflug nach Mailand unternahm. Für einen der Männer sollte es viel mehr als ein kurzer Trip nach Italien und die Stadiontoilette werden.

Der 24. August 2004 war der Tag, an dem Rolf Bantle verschwand.

Die grosse Uhr im Gemeinschaftsraum des Alterszentrums zum Lamm in Basel zeigt neun Uhr an. Die Senioren am Frühstückstisch trinken Filterkaffee und streichen sich Himbeerkonfi aufs Gipfeli. Im Zimmer nebenan greift Rolf Bantle nach der Fernbedienung und schaltet den Fernseher aus. Das «Morgenmagazin» interessiere ihn ohnehin nicht, sagt er, und blickt mit müden Augen in den Raum. Augen, die eine leicht verblichene Herzensgüte ausstrahlen. Er trägt Jogginghose und Turnschuhe, die seltsam gross wirken. Die Haare hat er sorgfältig zurückgekämmt. «Es ist ganz nett hier», sagt der 71-Jährige und schmatzt leise. Seit dem 1. Juni 2015 wohnt er in einem Zimmer im dritten Stock. Die Sozialhilfe Basel-Stadt kommt für die Heimkosten auf, 100 Franken bleiben monatlich als Sackgeld. «Am Nachmittag gehe ich zum Denner und kaufe zwei Büchsen Bier, das ist erlaubt.» Bantle reibt sich die Stirn und meint dann, dass er sich noch gut an diesen 24. August erinnern könne. Mit dem Car sei die Gruppe angereist, der Matchbesuch war ein Höhepunkt im Alltag der Männer. Bantle lebte bis zu jenem Tag zehn Jahre im Heim in Läufelfingen, eingebettet in die Hügelketten des Baselbieter Juras.

Nachdem er seine Blase fernab des Jurabogens entleert hatte, war das Fussballspiel zu Ende. Die Gänge im Stadion füllten sich, zu Tausenden strömten die Menschen zu den Ausgängen. Bantle verlor die Orientierung. «Ich war plötzlich in einem ganz anderen Sektor.» Vor dem Stadion machte er sich auf die Suche nach dem Car. Da waren aber so viele, und sie ähnelten sich zu sehr. «Irgendwann wurde mir das zu blöd.» Ein Handy besass er nicht, und die Nummer des Heims wusste er nicht auswendig. Dafür hatte er Geld, 20 Euro und 15 Franken, das würde für ein paar Tage reichen.

Aus den paar Tagen wurden Wochen, aus den Wochen Monate. Nahezu elf Jahre lebte Rolf Bantle in Mailand auf der Strasse. Der Bezirk Baggio im Westen der Stadt war sein Revier, einst ein Brennpunkt der Kriminalität, heute ein beschauliches Quartier mit günstigen Wohnungen, ideal für Studenten, bekannt für seine öffentliche Bibliothek. «Ganz Baggio rief mich bald Rudi, von Rodolpho. Es gab für mich schnell keinen Grund mehr, heimzukehren.»

Wenige Wochen nachdem Rolf Bantle verschwunden war, meldete ihn die Amtsvormundschaft Basel-Stadt als vermisst. Die Fahndung nach ihm war erfolglos geblieben. Am 29. September 2011 wurde er schliesslich vom Zivilgericht Basel-Stadt als verschollen erklärt. Bantle, einer von wenigen: Markus Grolimund, Verwaltungschef des Zivilgerichts, sagt, dass es seit dem Jahr 2000 im Kanton zehn Verschollenerklärungen gegeben habe, davon acht Männer. In der Schweiz werden laut Schätzungen jährlich 4000 Personen als vermisst gemeldet. Die meisten tauchen über kurz oder lang wieder auf; übrig bleiben etwa 200 Unauffindbare. Fünf Jahre nach dem letzten Lebenszeichen können sie als verschollen erklärt werden.

Ob er vermisst wurde oder als verschollen galt, war Rolf Bantle egal. Er hat keine Familie in der Schweiz, keine Kinder oder Geschwister, wuchs bei Pflegeeltern im Kanton Bern auf, die längst verstorben sind. Den leiblichen Vater hat er nie kennen gelernt; seine ersten Jahre verbrachte er bei der Mutter in Basel und besuchte kurz die Primarschule. Bald wurde er der Pflegefamilie zugewiesen. «Die Behörden bestimmten das. Meine Mutter musste arbeiten und hatte kaum Zeit für mich.» Über das Leben bei der Pflegefamilie will er nicht reden. Es scheint, dass sie ihn nicht auf das Danach vorbereitet hatte: Bantle verpasste es, eine Ausbildung zu machen, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Er versuchte sich als Hilfsarbeiter, vorwiegend im Gartenbau. Doch das reichte nicht zum Leben. Gleichzeitig verfiel Bantle dem Alkohol. Dieser nahm ihm die Aussicht auf eine gute Zukunft vollends. Bantle wurde in Basel-Stadt unter Vormundschaft gestellt, es folgten Aufenthalte in unterschiedlichen Heimen, bis er in Dietisberg landete.

Mailand, das war Bantles Chance. Die Chance auf ein vogelfreies Leben, ohne Vormund, ohne Vorschriften. «In den Heimen fühlte ich mich eingeengt. Die plötzliche Freiheit gefiel mir.» In Baggio gehörte «Rudi», der «senzatetto», der Obdachlose, der freundlich in die Welt blickte, schnell zum Inventar, Studenten waren seine Freunde. «Tagsüber hielt ich mich in der Bibliothek auf , da kam ich mit ihnen in Kontakt.» Langweilig wurde ihm nie. Wenn das Wetter schön war, ging er in den nahen Park und setzte sich ins weiche Gras. Und zum Abendessen kehrte er im Frauenheim der «Suore di Madre Teresa» ein. Betteln musste Bantle nur selten. Fast täglich spendierte ihm jemand Zigaretten, Kaffee, «oder noch besser einen Becher Wein». Manchmal gabs sogar einen ganzen Panettone.

Zum Geburtstag luden ihn die Studenten jeweils in eine Beiz ein, «das war immer eine grosse Gruppe». Eines der Mädchen wusch ihm sogar seine Kleider. Einmal die Woche duschte Bantle in der öffentlichen Toilette nahe der Bibliothek. «Öfter ging nicht. Zwölf Minuten kosteten 1 Euro. Aber das Wasser war schön warm.» Oftmals war Bantle durchgefroren; die Nächte verbrachte er stets draussen. «Vor dem Gemeindehaus hatte es einen kleinen Unterstand, das war mein Platz, hier war ich vor Regen und Schnee geschützt.» Die ersten beiden Winter waren hart; einige Male hatte Bantle Angst, zu erfrieren. Nur der Alkohol wärmte ihn. «Dann schenkte mir ein Student einen Schlafsack. Das war die Rettung.» Dennoch habe er sich hin und wieder ein richtiges Bett gewünscht.

Straffällig wurde Bantle nie. «Ich bin ein friedlicher Mensch, habe nie Seich gemacht.» Und das erklärt, warum die italienischen Behörden zehn Jahre lang nicht auf ihn aufmerksam wurden. Bantle wäre wohl in Mailand geblieben, wäre nicht dieser verhängnisvolle Abend im April 2015 gewesen.

Es regnete stark, Bantle war unterwegs zum Schlafplatz. «Da rutschte ich auf dem Trottoir aus.» Der Oberschenkelknochen war gebrochen, Bantle wurde mit Blaulicht ins Spital gefahren. Hier stellte sich heraus, dass er nicht versichert war; das Schweizer Konsulat organisierte schliesslich den Transport ins Universitätsspital Basel. Nach der Reha im Felix-Platter-Spital trat er ins Alterszentrum Zum Lamm ein, und so kam es, dass die Verschollenerklärung in Sachen Rolf Bantle am 15. September 2015 «infolge Wiederauftauchens» aufgehoben wurde. Laut Grolimund vom Zivilgericht ist das sehr ungewöhnlich: «Mir sind aus den letzten Jahren keine vergleichbaren Fälle bekannt.» Die anderen neun Verschollenen sind nicht mehr aufgetaucht.

Nein, er vermisse das Leben in Mailand nicht, sagt Bantle. «Zehn Jahre sind genug, und hier geht es mir ja jetzt gut.» Er erhebt sich, stützt sich auf seinem Rollator ab. In den Garten wolle er, «eine rauchen». Jetzt erst, mit erhobener Gestalt, wird richtig sichtbar: Rolf Bantle ist abgemagert, gezeichnet vom Leben auf der Strasse und dem Alkoholismus. «Nein, das ist wegen dieses blöden Unfalls. Im Alter erholt man sich nicht mehr so schnell.» So schwach er auch wirkt, lachen kann er richtig laut. Am lautesten, als er von der Reaktion des Oberarztes im Felix-Platter-Spital erzählt, als der von Bantles Geschichte erfuhr: «Das war aber ein langer Fussballmatch, den Sie da in Mailand besucht haben.»

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