Die SBB bauen Altersresidenzen für Superreiche

Samstag, 12. Juli 2014 23:30

Altersresidenz Gustav auf dem Baufeld G (Wohnturm hinten). Foto: Keystone


Die Vermietung der Luxus-Appartements läuft schleppend an. Kein Wunder: Vergleichbar exklusive Objekte kosten die Hälfte.

Von Boris Schneider

Das gibt es nur in Zürich: eine Alterswohnung für 17 100 Franken pro Monat – ohne Nebenkosten. Es ist eines von 74 Appartements in der Residenz Gustav. Der «exklusive Wohntraum» entsteht derzeit auf einem Grundstück der SBB an der Europaallee direkt neben dem Zürcher Hauptbahnhof. Doch das Interesse an den luxuriösen Absteigen für zahlungskräftige Senioren hält sich bisher offenbar in Grenzen: Obwohl die Appartements schon im April 2015 bezugsbereit sind, ist bis heute kein einziger Mietvertrag unterschrieben. Lediglich fünf Reservierungen liegen vor.

Die Europaallee in Zürich ist mit einem Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden Franken das grösste Immobilienentwicklungsprojekt der SBB in der Schweiz. In der Planungsphase haben die Bundesbahnen wiederholt die «hohe soziale Qualität» und den «vielfältigen Nutzungs-Mix mit Wohnen und Alterswohnen» betont.

Mit solchen Argumenten wurde das Megaprojekt an der Volksabstimmung im September 2006 auch den Zürcher Stimmbürgern verkauft. Stattdessen entsteht jetzt auf dem Baufeld G in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zürcher Langstrasse ein Biotop für Reiche: Für die Büroflächen neben der 11-stöckigen Residenz Gustav werden derzeit «diskrete Firmen im Bereich Vermögensverwaltung oder Steuerberatung» gesucht.

Auf Anfrage wollen die SBB das fragwürdige Projekt nicht kommentieren: «Wir vermieten die gesamte Residenz an die Di-Gallo-Gruppe, welche diese auf eigene Verantwortung betreibt», erklärt eine Sprecherin. Diese Gruppe betreibt im Kanton Zürich und der Ostschweiz 17 Pflegezentren und Altersresidenzen. Verwaltungsratspräsident Michael di Gallo rechtfertigt die Preise mit Verweis auf «die hohe Exklusivität, die Lage und die Infrastruktur». Zudem sei ein einmaliges Serviceangebot vorgesehen.

In der Miete ist etwa eine Mahlzeit pro Tag im hauseigenen Restaurant, die wöchentliche Reinigung der Wohnung sowie ein Conciergeservice und Sicherheitsdienst inbegriffen. Vermietungsprognosen seien aufgrund der sehr exklusiven Lage schwer zu erstellen: «Eine Belegung von 50 Prozent im ersten Jahr wäre schön.» Als Zielgruppe für das Angebot nennt di Gallo «vielreisende oder vielbeschäftigte Menschen jeden Alters, welche die Vorteile der international bedeutenden Stadt Zürich lieben». Damit hält er sich die Möglichkeit offen, die Wohnungen etwa an Geschäftsleute zu vermieten. Auch eine Vermarktung der Residenz im Ausland ist gemäss der Gruppe nicht ausgeschlossen.

In der Branche sorgen die exorbitanten Preise für Kopfschütteln. Für Regina Soder, Präsidentin der Zürcher Sektion des Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, ist das Angebot eine Abzocke: «Mir scheinen die verlangten Preise extrem hoch.» Im Vergleich mit einer markt- und quartierüblichen Miete – zum Beispiel mit den vom Ausbau her vergleichbaren Mietwohnungen der SBB auf dem Baufeld E der Europaallee, wo eine 3½-Zimmer-Wohnung für 5500 Franken pro Monat zu haben ist – bezahlt man an der Europaallee einen Aufpreis von bis zu 12 000 Franken monatlich für die Services.

«So viel kostet in einem Pflegeheim eine Betreuung rund um die Uhr», sagt Soder. In der Residenz Gustav ist jedoch nur der Pflegebereitschaftsdienst im Preis enthalten. Einen ähnlichen Dienst bietet das Schweizerische Rote Kreuz schon für 60 Franken pro Monat an: Drückt jemand die Notfalltaste auf dem Telefon, wird Hilfe geschickt.

Auch im Vergleich mit den ähnlich positionierten Angeboten von Tertianum ist die Residenz Gustav viel teurer. Das zur Immobilieninvestmentgesellschaft Swiss Prime Site gehörende Unternehmen betreibt 16 exklusive Altersresidenzen in der ganzen Schweiz. Die Mieten für Appartements in der Stadt Zürich sind bei nahezu identischen Serviceleistungen teilweise bis zu 50 Prozent günstiger. Brisant ist: Auch Tertianum hat sich im Rahmen einer Ausschreibung der SBB als Mieter für die Seniorenresidenz an der Europaallee beworben.

«Wir haben ein Angebot gemacht, das aber offenbar viel zu tief war. Damit war der Fall für uns erledigt», sagt Aldo Hitz, Leiter Marketing und Kommunikation. Er rechnet grundsätzlich mit einer sinkenden Nachfrage in diesem Bereich: «Wir glauben, dass der Markt für Residenzen für vermögende Leute in der Schweiz langsam gesättigt ist», so Hitz. Mit neuen Angeboten, welche die Wohnungsmieten von den Zusatzleistungen entkoppeln, fokussiert sich Tertianum deshalb in jüngster Zeit vermehrt auf den Mittelstand.

Mit der Vermietung an die Di-Gallo- Gruppe haben die SBB nicht nur ihren Profit maximiert: Sie holen sich auch einen Partner ins Boot, der in der Branche immer wieder für Gesprächsstoff sorgt. So sollen Mitarbeitende Dumpinglöhne erhalten haben oder Arbeitszeitvorschriften verletzt worden sein. Die Di-Gallo-Gruppe will von solchen Vorwürfen keine Kenntnis haben. Den pensionierten Bähnlern der SBB, deren Pensionskasse mit dem Grossprojekt Europaallee saniert wird, dürfte das egal sein: Sie können sich die Mieten in der Residenz Gustav sowieso nicht leisten.

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