Die Schweiz protzt in Dubai

Andreas Maurer

Andreas Maurer ist Redaktor bei der «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 04. Februar 2017 23:30

An der nächsten Weltausstellung erstellt die Schweiz einen riesigen Spiegel: Das Publikum soll Teil des Kunstwerks werden. Foto: Visualisierung/OOS AG


Mit der in Mailand zelebrierten Bescheidenheit ist es vorbei. Der Pavillon an der Expo 2020 wird extravagant.

Als eines der ersten Länder hat die Schweiz einen architektonischen Entwurf für den Pavillon an der Weltausstellung in Dubai bestimmt. Den Zuschlag erhalten hat eine Arbeitsgemeinschaft des Zürcher Architekturbüros OOS, das den Klangturm an der Expo.02 in Biel designt hat. Das Projekt heisst «Belles Vues».

Die Pläne sind spektakulär. Der Pavillon besteht aus einer auf der Spitze stehenden Pyramide, die mit Spiegelfolien verkleidet ist. Darunter liegt ein roter Teppich mit Schweizer Kreuzen, auf dem die Besucher eine Warteschlange bilden und so zu einem Teil des riesigen Spiegelbildes werden. Die Idee ist nicht neu: Russland hielt den Besuchern an der Expo 2015 in Mailand ebenfalls einen Super-Spiegel vor.

Dass die Schweiz eine Inszenierung nach russischer Art vorbereitet, zeigt, wie stark sich der Auftritt unseres Landes an der Expo verändert. In Mailand baute die Schweiz vier graue Silotürme. Die architektonische Zurückhaltung passte zum Inhalt. Die Schweiz hatte eine simple, aber klare Botschaft. In jedem Turm lagerten Nahrungsmittel, aus denen sich die Besucher frei bedienen durften. Sie mussten nur eines bedenken. Die Regale wurden nicht nachgefüllt. Wurde zu viel gehamstert, blieben sie leer. Der Pavillon erhielt einen Preis für die beste Umsetzung des damaligen Expo-Themas, der Ernährung.

In Mailand stand für die Schweiz der Inhalt vor der Form. In Dubai ist es umgekehrt. Der Pavillon setzt wieder das klassische Standortmarketing in den Vordergrund. Die Schweiz präsentiert sich nicht mehr grau, sondern glänzend.

Alpenkitsch und Moral
Das Drehbuch der Architekten sieht folgenden Ablauf vor. Nach dem Warten in der verspiegelten Teppichwelt werden die Besucher über eine Kristallhöhle in den eigentlichen Ausstellungsraum geführt. «Der unerwartete Moment des Eintritts in einen abgedunkelten Raum mit typischen Klängen der Schweizer Bergwelt und Sonnenlicht im oberen Bereich wird hier zum emotionalen, alle Sinne stimulierenden Erlebnis», heisst es in den Unterlagen des Siegerprojekts. Danach werden die Besucher auf einem «Zauberteppich» einen leicht geneigten Hang hinaufgleiten. «Plötzlich wird es hell, ein blauer Himmel öffnet sich, und das weite Tal wird zum atemberaubenden Winterpanorama.» Eine multimediale Show wird in einem sechsminütigen Zeitraffer zeigen, wie die Alpenlandschaft Tag und Nacht sowie die Jahreszeiten durchläuft. Auf einem Aussichtspunkt stehen «Fernrohre», mit denen sechs Aussagen anvisiert werden können. Diese sind noch nicht definiert. Vermittelt werden sollen Werte wie Good Governance, Toleranz und Solidarität.

So vage wie die Schweizer Aussagen ist auch das von den Arabern festgelegte Motto der Expo 2020: «Connecting Minds – Creating the future». Dazu gibt es drei Unterthemen, von denen jedes Land eines aussuchen kann: Mobilität, Nachhaltigkeit und Chancen. Die Schweiz entscheidet sich für Letztere und trifft somit die unverbindlichste Wahl.

Manuel Salchli, Direktor des Schweizer Pavillons, erklärt den Unterschied zwischen der Inszenierung von 2015 und 2020: «Der Auftritt in Dubai hat ein starkes touristisches und wirtschaftliches Element, da wir ein sehr internationales Publikum erwarten. In Mailand hingegen stammten die meisten Besucher aus Italien. Sie kannten unser Land bereits.»

Pharma und Banken als Sponsoren
In Mailand trat Nestlé als Hauptsponsor auf. Für Dubai ist der Bund derzeit auf Sponsorensuche. Ein erstes Treffen mit Vertretern von Pharma, Banken, Versicherungen sowie Herstellern von Luxus-Schokolade hat stattgefunden. Salchli verspricht ihnen wertvolles Marketing: «In einem Markt wie Dubai ist es für Schweizer Firmen besonders wichtig, auf ihre Herkunft hinzuweisen und mit Qualität, Präzision und Pünktlichkeit zu werben.» Das Thema Innovation könnte die Schweiz zum Beispiel anhand einer Luxusuhren-Firma vorstellen, sagt er.

Der Bund rechnet mit Sponsorenbeiträgen von acht Millionen Franken – gleich viel wie in Mailand. Der staatliche Beitrag wird hingegen wegen des bundesrätlichen Sparprogramms reduziert. Das Budget sinkt von 24 auf 15 Millionen Franken. Die Kreditbotschaft will der Bundesrat in der Wintersession verabschieden lassen. Gespart wird bei den Veranstaltungen und beim Personal. Das Vorprogramm wird gestrichen. Von aussen soll nicht sichtbar sein, dass die Schweiz spart. Die Kosten für den Bau des Pavillons bleiben mit 7,5 Millionen gleich hoch wie bisher.

Für den englischen Künstler Wolfgang Buttress ist die Schweiz zu knausrig. Er wurde als einziger ausländischer Anbieter zur Abgabe eines Projektbeitrags eingeladen. Er hatte den britschen Pavillon an der Expo 2015 designt und einen Preis für die beste Architektur gewonnen. Als er erfuhr, dass die Kosten für den Schweizer Pavillon nicht verhandelbar sind, zog er seinen Entwurf zurück.

Anzeige