ETH Lausanne verdoppelt Studiengebühren

Yannick Nock

Yannick Nock ist Redaktor bei der Zeitung «Schweiz am Sonntag».


Samstag, 23. Januar 2016 23:27

Kein Verständnis für das Sparprogramm: Patrick Aebischer.


Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, sieht die Bildungslandschaft in der grössten Krise seit 15 Jahren. Weniger Geld, schwache Mittelschüler und die Durchsetzungsinitiative bereiten ihm Sorgen.

Der Sparhammer des Bundes hat erste Konsequenzen: Studenten der ETH Lausanne (EPFL) müssen für ihre Ausbildung künftig tiefer in die Tasche greifen. «Wir werden die Studiengebühren verdoppeln», sagt Patrick Aebischer, Präsident der EPFL. «Uns bleibt nichts anderes übrig.» Schon 2017 sollen Studenten 2400 Franken statt wie bisher 1200 pro Jahr bezahlen.

Grund sind die geplanten Sparmassnahmen des Bundes. Zwischen 2017 und 2019 will der Bundesrat über eine halbe Milliarde weniger in Bildung und Forschung investieren. Besonders die ETH Zürich und die EPFL sind betroffen. Zum ersten Mal rechnet die ETH Lausanne 2017 mit einem Minus in der Gesamtrechnung. Auch die ETH Zürich ist betroffen. Ratspräsident Fritz Schiesser kündigte im «Tages-Anzeiger» «schmerzvolle Massnahmen» an.

Aebischer hat für das Sparvorhaben kein Verständnis. Die Spitzenuniversitäten seien dank ihrer Innovationen der Motor der Wirtschaft. «Alle reden vom Silicon Valley. Nur vergessen viele, dass das Silicon Valley ohne Stanford und Berkeley gar nicht existieren würde», sagt er. So sei etwa Google in Stanford entstanden. Ähnliches gelte für europäische Top-Hochschulen. Aus der EPFL entspringt im Durchschnitt alle drei Wochen ein Spin-off-Unternehmen.

Selbst wenn Aebischer – der wie kein Zweiter in der Schweizer Bildungslandschaft in der Lage ist, Sponsoren zu gewinnen – weitere Drittmittel generiert, könnte er die Verluste nicht auffangen. «Die Gelder des Bundes legen den Grundstein für unsere Forschung.» Andere Länder würden die Schweiz um ihre Unis beneiden. «Statt das Budget zu kürzen, müssen wir investieren.»

Der 61-Jährige hat aus der einst provinziellen ETH Lausanne eine Hochschule von Weltruf geformt. Seit 15 Jahren ist er im Amt. Nie habe er eine turbulentere Zeit in der Schweizer Bildung erlebt. «Wir sind an einem Wendepunkt.» Die Sparmassnahmen würden nicht nur die Institutionen, sondern auch die Schüler betreffen. Seit zehn Jahren sinkt an der EPFL die Erfolgsrate der Erstsemestrigen. Früher fielen 50 Prozent der Studenten durch die Zwischenprüfung nach einem Jahr. Heute sind es 60 Prozent.

«Besonders in der Mathematik tun sich die einheimischen Studenten schwer», sagt Aebischer. Deshalb bietet die EPFL neu auch Sommerkurse an, die die Erstsemestrigen auf die Mathematik in der EPFL vorbereiten. Dabei wäre das die Aufgabe der Mittelschulen.

«Wenn nun an den Mittelschulen noch mehr gespart wird, fürchte ich, dass der Level der Studenten weiter sinkt.» Ähnlich äusserte sich bereits Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, vor einer Woche. «Wenn nicht mehr sichergestellt wird, dass Maturanden über sprachliche und mathematische Kompetenzen verfügen, schadet dies der nächsten Generation.»

Dabei wären die Gelder nun doppelt wichtig. Bereits Ende Jahr droht der nächste finanzielle Einschnitt. Die Schweiz fliegt aus dem EU-Förderprogramm Horizon 2020, sollte keine Lösung mit der Europäischen Union bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative gefunden werden. Aebischer war in den vergangenen Monaten mehrmals in Brüssel. «Eine Einigung zu finden, ist äusserst schwierig.» Das gelte auch in Anbetracht der Durchsetzungsinitiative.

Wie die NZZ am Freitag berichtete, hat die EU seit dem Ja zur Zuwanderungsinitiative die Schweizer Forscher von zahlreichen Projekten ausgeschlossen. Gemäss Angaben des Bundes hat die Schweiz im Vorgängerprogramm von Horizon 2020 über 220 Millionen Franken mehr erhalten, als sie einbezahlt hat. «Ohne die EU-Fördergelder», sagt Aebischer, «werden unsere Spitzenuniversitäten nicht mehr mithalten können.»

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