Gefährlicher Drogenmix im Schweizer Nachtleben

Von Anna Kappeler


Samstag, 07. Februar 2015 23:29

Durchfeierte Nächte: Zwei Drittel konsumieren dabei mindestens zwei Substanzen. Foto: Martin Ruetschi/Keystone


Erstmals liegen Zahlen zum Konsum während einer typischen Partynacht vor

Samstagnacht in einem Zürcher Club. Die Bässe wummern, Julia* und ihre Freunde stehen in einer Ecke, reden und lachen. Gegen 1 Uhr zieht ihr Kollege ein kleines Plastiksäckchen mit Pulver hervor: Es ist MDMA, in Pillenform bekannt als Ecstasy. Julia leckt ihren kleinen Finger ab, steckt ihn ins Pulver und dann in den Mund.

Eine Stunde später setzt die Wirkung ein, Julia fühlt «viele kleine Glücksschauer durch den Körper strömen». Sie ist euphorisiert, voller Energie und Freude. «Gedanken an Alltagssorgen sind auf einen Schlag weg.» Im Ausgang ab und zu Drogen zu nehmen, sei fast normal in ihrem Umfeld, sogar ein bisschen in, sagt die Grafikerin.

Mit dieser Haltung ist Julia nicht allein, wie eine neue Studie des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, das zur Universität Zürich gehört, zeigt. Erstmals wurden darin Daten zum Drogenkonsum in der Schweizer Partyszene erfasst.

Zwischen 2011 und 2013 wurden hierfür direkt an Partys und in ambulanten Beratungen 2384 Interviews durchgeführt und ausgewertet. Dadurch wird der durchschnittliche Konsum während einer typischen Partynacht sichtbar. Und der ist hoch: Ein Raucher konsumiert 19 Zigaretten, ein Kiffer 4 Joints. Wenn jemand Alkohol trinkt, sind es 7 Drinks. Kokser schnupfen 1 Gramm Kokain, Amphetamin-Konsumenten 1 Gramm Amphetamin. Beliebt ist auch Ecstasy, hier werden entweder 2 Pillen oder 0,4 Gramm MDMA geschluckt.

Die Studie fokussierte eine spezielle Gruppe innerhalb des Nachtlebens, doch dass Drogenkonsum eine Realität ist, bestätigen Zahlen des Suchtmonitorings Schweiz. 19 000 Personen gaben 2012 an, in den vergangenen 12 Monaten Ecstasy konsumiert zu haben. Wie angesagt illegale Pillen wie Ecstasy oder LSD sind, zeigt sich auch in den am Donnerstag veröffentlichten Jahreszahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung: Im vergangenen Jahr wurden 10 725 Pillen beschlagnahmt – im Vergleich zu 2013 fast eine Verdoppelung.

Aufhorchen lässt auch ein anderes Ergebnis der Studie: Zwei Drittel der Befragten (65,2 Prozent) gaben an, während der Party mindestens zwei Drogen zu konsumieren, Tabak nicht mitgezählt. Das gilt als Mischkonsum und als gefährlich. «Drogen zu nehmen, ist immer ein Risiko. Mischkonsum erhöht dieses Risiko», sagt Alexander Bücheli von Safer Nightlife Schweiz und Co-Autor der Studie. Jeder dritte Befragte kombiniert somit während einer typischen Partynacht Alkohol und Cannabis, er trinkt im Schnitt 7 alkoholische Getränke und raucht 4 Joints. Jeder achte Befragte schluckt zusätzlich zu diesem Konsum 2 Pillen Ecstasy oder 0,4 Gramm MDMA oder 1 Gramm Amphetamin. Kokain und Alkohol mischt jeder Siebte.

«Es ist eine Realität, dass im Nachtleben oft mehrere psychoaktive Substanzen gemischt werden. Das wird schnell gefährlich», sagt auch Autorin Larissa Maier vom ISGF. «Safer-Use-Regeln empfehlen nicht grundlos, Drogen nie zu mischen.» Wechselwirkungen der verschiedenen Substanzen seien schlecht vorhersehbar. Nebenwirkungen wie Überhitzung, Dehydrierung oder Bad Trips könnten zu lebensbedrohlichen Situationen führen.

Gut 90 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal kurzfristige Probleme gehabt zu haben. Mehr als ein Drittel berichtete gar von Panikattacken oder wahnhaften Zuständen auf einem Bad Trip. Gleich häufig wurden Probleme mit der Polizei oder eine depressive Verstimmung erwähnt. «Freizeitdrogenkonsumenten sind vermeintlich geübt im Umgang mit dem Konsum. Sie glauben zu wissen, welche Substanzen die Wirkung einer anderen Droge verstärken», sagt Maier.

Die vermeintliche Lockerheit kann schiefgehen: 40 schwere und 1 tödliche Vergiftung, die auf Drogen und Alkohol zurückzuführen sind, wurden 2013 bei Tox Info Suisse gemeldet. Die Mehrheit der Personen hatte mehrere Substanzen eingenommen. Diese Zahlen zeigen jedoch nur einen kleinen Teil der Realität. «Die Dunkelziffer schätze ich als sehr hoch ein», sagt Direktor Hugo Kupferschmidt.

Julias Party ist vorbei, die Sonne längst aufgegangen. Es ist 9 Uhr. Julia lässt die After-Hour sausen, geht schlafen. Vom Mischkonsum haben sie und ihre Freunde die Finger gelassen, wie immer, wenn sie Drogen nehmen. Trotzdem sagt sie: «Klar, der Sonntag ist verloren. Den brauche ich, um mich zu erholen.»

* Name der Redaktion bekannt

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