Glocken lassen Kühe leiden

Samstag, 20. September 2014 23:27

Die Idylle trügt: Weidende Kühe sind grossem Lärm ausgesetzt. Foto: Istock


Eine Kuhglocke ist so laut wie ein Presslufthammer – ETH-Forscher untersuchten, welche Folgen das hat.

Von Peter Jaeggi

Pirella möchte am liebsten davonlaufen, als Julia Johns sie in die Rolle einer Versuchskuh zwingt. Die Braunviehkuh bekommt eine 5½-Kilo-Glocke umgebunden. Ihr wird ein Bauchgürtel mit Herzfrequenzmesser angeschnallt und einen Aktivitätsmesser am Bein angebracht. Dazu ein Halfter, das Kopfbewegungen aufzeichnet sowie das Fressverhalten und den Schallpegel der Glocke. Pirella & Co. mögen das nicht immer. «Einmal hat mich eine getreten. Ein grosser blauer Fleck am Arm zeugte lange davon», erzählt Julia Johns.

So begann eine lange Versuchsreihe mit Kühen auf 25 verschiedenen Landwirtschaftsbetrieben der Schweiz. Die Agrarwissenschafterin Julia Johns wollte im Rahmen ihrer Doktorarbeit herausfinden, was das Vieh wirklich am Hals hat, wenn es Glocken trägt. Chefin des Projektes war Edna Hillmann, Leiterin der Gruppe für Verhalten, Gesundheit und Tierwohl der ETH Zürich. «Unsere Experimente haben wir mit über hundert Kühen mit verschiedenen Versuchen gemacht», sagt die Forscherin.

Während des Fressens im Stall spielten die Wissenschafterinnen den Kühen unterschiedlich laute Geräusche vor und beobachteten ihr Verhalten. «Manche reagierten überhaupt nicht, doch andere haben relativ schnell und ruckartig das Fressgitter verlassen.» Der Einfluss aufs Fressverhalten wurde auch auf der Weide ermittelt, wo die Kühe rund um die Uhr ganz normale Durchschnittskuhglocken trugen.

Zum Versuch gehörten auch Glocken mit festgeklebtem Klöppel. Da trugen die Kühe zwar das Gewicht, hörten jedoch keinen Lärm. Edna Hillmann: «Beide Varianten haben sich negativ auf das Fressverhalten der Kühe ausgewirkt. Sie frassen weniger lang und zeigten weniger Kauschläge.» Allein das Gewicht am Hals ist also schon ein Störfaktor. Was den grösseren Einfluss hat – Gewicht oder Klang – ist noch nicht klar.

Fressen und Wiederkäuen seien Verhaltensweisen, die für Kühe natürlich sehr wichtig seien, sagt Edna Hillmann. «Wenn sie mit Glocken langfristig ein, zwei Stunden täglich weniger fressen als ohne Glocken, hat das sicher Auswirkungen.» Ob weniger langes Fressen auch weniger Milch bedeutet, haben die Forscherinnen aus Budgetgründen nicht ermitteln können. Dieser Aspekt müsste in einem Folgeprojekt vertieft werden.

Auf jeden Fall dürfte der Lärm der Kuhglocke nicht ohne Folgen bleiben für die Tiere. Denn der Schallpegel in der Mitte zwischen Kuhohr und einer durchschnittlichen Glocke beträgt 100 bis 113 Dezibel. «Das ist so laut wie ein Presslufthammer», sagt Edna Hillmann. Einem Menschen würde man diesen Lärm über längere Zeit nicht ohne Gehörschutz zumuten. «Wenn sich jemand einen achtstündigen Arbeitstag lang in einem 100-Dezibel-Lärm bewegt, schadet dies seiner Gesundheit», sagt Beat Hohman, Akustik-Experte der Suva, der Schweizerischen Unfallversicherungs-Anstalt.

Hundert Dezibel liegen deutlich über dem gesetzlichen Grenzwert von 85 Dezibel. «Beim Menschen würden wir bei dieser hohen Lärmbelastung nach einer gewissen Zeit einen bleibenden Hörschaden erwarten», sagt Hohman. Würden Suva-Regeln für Kühe gelten, müssten Bauern ihren Tieren einen Gehörschutz anziehen – oder die Glocken abnehmen.

Das Kuhgehör ist sogar noch empfindlicher als jenes des Menschen. Kühe hören gemäss der Forscherin EdnaHillmann Töne bereits ab minus 11 Dezibel. Der Mensch erst ab null. Im Klartext: Glocken können Kühe vermutlich schwerhörig machen. Die Folgen sind bisher unerforscht. Es ist jedoch als ziemlich sicher anzunehmen, dass auch das Tiergehör Teil eines Gesamt-Kommunikationssystems ist. Kühe kommunizieren zwar hauptsächlich visuell und über ihren Geruchssinn. Mit dem Kalb jedoch auch mit Lauten. So wäre denkbar, dass eine Kuh die Rufe ihres Kalbes nicht hört. Edna Hillmann: «Kühe verstecken ihre Kälber in den ersten Lebenstagen im hohen Gras und finden sie auch durch akustische Signale.»

Weshalb tragen Kühe überhaupt Glocken? «Man kann so die Tiere leichter finden, die aus der Weide ausgebrochen sind», erklärt der Bauer und Landwirtschaftslehrer Martin Hübscher in Bertschikon. Auf seinem Hof fanden einige der Lärmtests statt. Für seinen Stall gebe es zudem einen speziellen Grund: «Zwei meiner Kühe sind blind. In einem Laufstall orientieren sie sich an ihren Glocken tragenden Artgenossen.»

Auch ohne wissenschaftliche Absicherung sind die Meinungen vielerorts längst gemacht. Der Verein «IG Stiller» etwa, der sich in der Schweiz für weniger Lärm engagiert, schreibt auf seiner Website: «Kuhglocken sind nichts anderes als ein veraltetes Alarmsystem, bei welchem die Sirene immer am Heulen ist.»

Am Ende drängt sich die Frage auf: Wie tierquälerisch sind Kuhglocken?
Für Hans-Ulrich Huber, Geschäftsleiter des Schweizer Tierschutzes STS ist die Glocke nicht primär eine akustische Qual: «Die Reibung durch einen falsch angebrachten Glockengurt kann offene Wunden im Nacken erzeugen.» Ohnehin sei für ihn derzeit das relevanteste Tierschutzproblem im Stall zu finden. «Noch immer müssen in der Schweiz um die 150 000 Kühe und sehr viele Rinder praktisch ein Leben lang angebunden an der Krippe stehen», sagt der Tierschützer.

Dem widerspricht Forschungsleiterin Edna Hillmann nicht. Doch sie möchte deshalb die akustische Dimension nicht herunterspielen. «Wenn ich an Gehörschäden denke, die möglicherweise auftreten, gibt es durchaus tierschutzrelevante Aspekte», sagt sie und fragt sich, ob Glocken auf eingezäunten Weiden in jedem Fall sein müssen. Dort gelte das Argument der nicht mehr zu ortenden Kuh ja nicht. Im Gegensatz etwa zu einer Alp, wo Glocken helfen, die Tiere zu finden. Julia Johns fügt hinzu: «Im IT-Zeitalter wäre es ein leichtes, Glocken mit Chips zu ersetzen. Der Bauer könnte sein Vieh dann mit dem Smartphone orten.» Es ist anzunehmen, dass die Kuh, könnte man sie fragen, dafür ein offenes Ohr hätte.

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