Impf-Lücken bei Erwachsenen

Samstag, 13. Februar 2016 23:29


Werden die Masern im Erwachsenenalter durchlebt, treten besonders häufig Komplikationen auf.

Von Rahel Haag

Masernfälle im Jahr 2008 in der Schweiz wurden 2219 gemeldet – der höchste Wert in ganz Europa. Die Masern sind bis heute nicht ausgerottet. Dennoch gingen die Fälle stark zurück. Dies unter anderem aufgrund der Aufklärungskampagne «Stopp Masern» des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Lediglich 35 Masernfälle gab es 2015. Nun stellt sich allerdings ein neues Problem: Von der Kinderkrankheit waren hauptsächlich Jugendliche und Erwachsene betroffen. 9 der Fälle traten bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren auf. In 18 weiteren Fällen waren die Betroffenen älter als 20. Dies deutet auf Impflücken hin.

Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Impfungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG), geht davon aus, dass die ungeimpften Erwachsenen durch die Maschen des Systems gefallen sind. Dies unter anderem, weil die Empfehlungen zu den Masernimpfungen mehrmals geändert wurden. Die Empfehlung für die erste Impfdosis wurde 1976 eingeführt. Jene für die zweite Impfdosis erfolgte erst im Jahr 1996. «Wir nehmen an, dass die grösste Gruppe der ungeimpften Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahre alt ist.» Um diese Zielgruppe zu erreichen, werden Ärzte eingespannt. Sie werden unter anderem dazu aufgefordert, die Impfausweise ihrer Patienten zu überprüfen, und sollen bei Bedarf versuchen, sie zu einer Impfung zu motivieren.

Während man Kinder beziehungsweise deren Eltern über die Schulen recht gut für das Thema sensibilisieren kann, ist dies bei Jugendlichen und Erwachsenen schwierig. «Sie interessieren sich zu wenig für das Thema und fühlen sich nicht betroffen», sagt Masserey. Im Rahmen der Kampagne des BAG wurden die Plakate eingesetzt. «Wir haben mittels der Botschaft, dass man sich gegen die Masern impfen lassen soll, damit man nichts verpasst, an sie appelliert.» Im unteren Teil der Plakate wird ausserdem darauf hingewiesen, dass Masern besonders bei Erwachsenen schwerwiegende Folgen haben können. «Wenn Erwachsene die Krankheit durchleben, ist es gefährlicher als bei Kindern.» So müssten die Betroffenen häufig aufgrund einer Lungenentzündung ins Spital. «Deshalb wäre es umso wichtiger, dass sich mehr Erwachsene impfen lassen.»

Werden die Masern zudem während der Schwangerschaft durchlebt, kann dies Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben. «Kommt es in den ersten 24 Schwangerschaftswochen zu einer Masern-Infektion, kann dies eine spontane Fehlgeburt oder eine Totgeburt verursachen», schreibt das BAG. «Deshalb ist es elementar, dass sich Frauen mit einem Kinderwunsch frühzeitig impfen lassen», sagt Masserey.

«Die Impfung ist eine solidarische Handlung», sagt Pietro Vernazza, Chefarzt der Klinik für Infektionskrankheiten am Kantonsspital St. Gallen. Eine von 1000 Personen erkranke schwer an Masern. «Die anderen 999 haben es in der Hand, demjenigen, der schwer erkrankt oder an der Maserninfektion stirbt, diesen Verlauf zu ersparen.»

Vernazza ist überzeugt, dass nur ein kleiner Teil der Erwachsenen, die nicht gegen Masern geimpft sind, sich bewusst so entschieden haben. Umfragen zufolge rechne man mit 4 Prozent. «Die anderen kann man noch erreichen.» Wichtiger ist ihm aber schon, die Kinder zu schützen: «Wir müssen unbedingt erreichen, dass 95 Prozent der Kinder geimpft sind. Dann ist das Problem Masern gelöst.»

Erfreuliche Zahlen liefert das BAG in Bezug auf Nachholimpfungen: Insgesamt wurden im Jahr 2014 33 500 Nachholimpfungen verabreicht. «Die sehr hohe Zahl der verabreichten Nachholimpfungen zeugt von einer guten Akzeptanz der Masernimpfung in der Bevölkerung», heisst es in einem Bericht zu der noch laufenden Erhebung.

Auch Virginie Masserey sagt, dass die Erwachsenen durchaus bereit seien, sich impfen zu lassen. Das stelle man beispielsweise bei Rekrutierungen fest. «Junge Männer, die nicht geimpft sind, holen die Impfung bei dieser Gelegenheit oft nach.»

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