Internationale Ermittlungen nach Massaker von Rupperswil

Von Pascal Ritter


Samstag, 26. Dezember 2015 23:30

Feuerwehrleute am Tatort in Rupperswil. Sandra Ardizzone


Fünf Tage nach der Schreckenstat tappen Aargauer Strafverfolger noch immer im Dunkeln

Das letzte Bild, das Carla S. auf Facebook stellte, zeigt sie mit einem kleinen, weissen Hund. Am Montag um 22.56 Uhr kommentiert eine Freundin: «Schöni Frou . . . s Wullechnöieli natürlich ou!». Die Freundin wusste wohl nicht: Zu diesem Zeitpunkt ist die 48-jährige Carla S. bereits tot. Sie, ihre zwei Söhne und die Freundin eines Sohnes wurden am Montagvormittag niedergestochen, ihre Wohnung in Rupperswil angezündet. Von der Täterschaft fehlt bisher jede Spur.

Das Massaker beschäftigt nun auch Polizisten im Ausland. Die Strafverfolger haben ihre ausländischen Kollegen über das weltumspannende Polizeinetzwerk Interpol um Hilfe gebeten. Die Aargauer wollen wissen, ob in anderen Ländern schon Taten nach ähnlichem Muster begangen wurden. Dies sagt der leitende Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag». Und die Polizei setzte auf Hilfe aus der Bevölkerung. Bereits sind einzelne Autolenker dem Aufruf gefolgt, Aufnahmen von Dashcams einzureichen.

Diese Kameras filmen das Geschehen auf der Strasse, um später Unfallhergänge zu rekonstruieren. Ob sie als Beweismittel in einem Strafverfahren taugen, ist umstritten. Aber so weit sind die Ermittler noch nicht. «Im Moment geht es darum, den Morgen des 21. Dezembers zu rekonstruieren», sagt der leitende Oberstaatsanwalt Umbricht.

Bisher bekannt ist, dass Carla S. um 9.50 Uhr an einem Geldautomaten der Hypothekarbank Lenzburg in Rupperswil Bargeld bezog. Dann fuhr sie mit ihrem schwarzen Audi A3 mit dem Kennzeichen AG 301 479 die knapp vier Kilometer in das benachbarte Wildegg, betrat eine Filiale der Aargauer Kantonalbank und bezog um 10.10 Uhr auch dort Geld. Wurde sie erpresst? Ein von der Kantonspolizei Aargau veröffentlichtes Bild zeigt das spätere Opfer an einem Schalter. Wer die Folgegeschichte kennt, glaubt Anspannung und Niedergeschlagenheit in ihrem Gesicht zu erkennen.

Was wirklich in ihr vorging, werden wir nie erfahren. Ob sie beim Geldabheben allein oder in Begleitung war, ist Gegenstand der Ermittlungen. Die Polizei sucht Zeugen. Bereits sind mehr als zwei Dutzend Hinweise eingegangen, sagt Oberstaatsanwalt Umbricht gegenüber dem Fernsehsender Tele M1. Ob diese Hinweise etwas über die Tat oder die Täterschaft verraten, ist offen.

Fakt ist: Gut eine Stunde, nachdem Carla S. in Wildegg Geld abgehoben hatte, war sie tot. Um 11.20 Uhr alarmierten Nachbarn die Feuerwehr. Dichter Rauch drang aus dem Einfamilienhaus an der Lenzhardstrasse in Rupperswil. Die angerückte Feuerwehr konnte den Brand löschen und stiess in der ausgebrannten Wohnung auf vier verkohlte Leichen. Es sind die Überreste von Carla S. und ihren 13 und 19 Jahre alten Söhnen, die im Einfamilienhaus gewohnt hatten, sowie die Leiche der 21-jährigen Freundin des älteren Sohnes. Sie war bei der Familie zu Besuch gewesen.

Ein Bericht der Regionalsender Tele M1 und Tele Züri legt nahe, dass zwei Täter am Werk waren und diese sich bei der Tat verletzten. Denn zwei Personen liessen am Montagnachmittag ihre Schnittwunden in einer Apotheke in Wohlen behandeln. Das Dorf liegt rund 15 Kilometer vom Tatort entfernt. Laut Tele M1 gehörten die beiden Verletzten nicht zur Stammkundschaft der Apotheke. Deren Betreiber wollten sich zum Bericht nicht äussern. Auch die Staatsanwaltschaft schweigt – «aus ermittlungstaktischen Gründen». Oberstaatsanwalt Umbricht sagt nur: «Zurzeit ist – in diesem Fall – niemand in Haft.» Überhaupt können die Ermittler bisher keine Fahndungserfolge vermelden. Die einzige positive Nachricht: Der kleine weisse Hund hat überlebt. «Er ist wohlauf», sagt Oberstaatsanwalt Umbricht.

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